Fashion Week in Berlin: Die Entdeckung der Langsamkeit

Von Wlada Kolosowa

Heute auf dem Laufsteg, sofort im Internet, wenig später im Massenhandel: Die Mode hat einen immer schnelleren Rhythmus, der Hunger nach Neuem schürt. Der wird oft mit Billigklamotten befriedigt. Doch Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung, manche Modedesigner setzen nun auf Entschleunigung.

Noch bis Sonntag wird in Berlin gestöckelt, gebusselt und gehyped. Danach werden die weiteren Fashion Weeks folgen: New York, London, Mailand, Paris. Und noch bevor die letzten Models in Paris über den Laufsteg gelaufen sind, werden in Schaufenstern vieler großen Ketten die Trends aus New York hängen.

Die Bilder der Modenschauen gehen sofort um die Welt und werden von Massenherstellern kopiert: Mit billigen Stoffen in Billiglohnländern, blitzschnell. Modegiganten wie Inditex, zu dem auch die Bekleidungskette Zara gehört, brauchen nur zwei Wochen für die komplette Entwicklung und Herstellung eines Stücks, schreibt die "New York Times".

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Fashion Week in Berlin: Von metallisch-cool bis knallrot
Nur wenige Wochen später verschwinden all die Must-Haves und die It-Pieces aus den Schaufenstern und werden zu Schrankhütern. An die zwölf Kollektionen pro Jahr bringen einige Massenbekleidungsketten heraus und kurbeln so die Nachfrage an: Greift man nicht sofort zu, ist das Stück eine Woche später vielleicht nicht mehr im Laden.

Fast-Fashion heißt das, oder auch McFashion: leere Kalorien, die den Kleiderschrank vollstopfen, ohne den Hunger nach mehr zu stillen. Denn im Schaufenster lockt schon wieder etwas Neues. Auch die großen Modehäuser wollen mit dem atemlosen Tempo Schritt halten: Anstatt zwei Mal im Jahr neue Entwürfe zu präsentieren, zeigen sie Zwischensaison-Kollektionen, Kollaborationen und noch viel mehr.

Weniger ist mehr

Mode wurde dafür gemacht, um aus der Mode zu kommen, sagte einmal Coco Chanel. Begehrlichkeit nach Neuem zu wecken, ist der Sprit, mit dem die Branche läuft. Mode war schon immer ein schnelles Geschäft, und nirgends muss es so schnell gehen, wie backstage bei den Modenschauen: Inmitten von Haarsprayschwaden werden Klamotten entfusselt und Lidstriche gezogen.

Auch vor der Show der Designerin Mareike Ulman geht alles ruck-zuck. Ihre Mode ist allerdings alles andere als Fast-Fashion. Anstatt jede Saison eine vollständig neue Kollektion zu entwerfen, fügt sie einmal in Jahr neue Entwürfe hinzu, die sich mit anderen kombinieren lassen und trotzdem einen neuen Look ergeben. Von den 45 Stücken, die Ulman auf dem Showfloor Berlin präsentiert, sind nur zehn neu.

Was Ulman macht, kann man auch in die Kategorie Slow Fashion einordnen. Slow Fashion ist ein Sammelbegriff für nachhaltige, entschleunigte, bewusste Mode - ein Gegensatz zur schnelllebigen Massenware, die in ungeklärten Verhältnissen hergestellt wird. Dazu kann zum Beispiel zählen, Klamotten aus Biostoffen oder recycelten Materialien zu kaufen; gebrauchte Sachen; Produkte von kleineren Labels, die lokal produzieren; oder einfach Stücke, die länger halten und nicht aus der Mode gehen. Im Prinzip geht es einfach darum, seltener und bewusster Shoppen zu gehen.

Ulmans Label namens Format benutzt fast ausschließlich Bio-Stoffe, die in Kreuzberg und Cottbus vernäht werden. Die Stücke sind multifunktional und zeitlos: "Immer neu kann auch öde sein", sagt sie. "Ist es nicht spannender, die Sachen, die man schon hat, neu zu kombinieren?" Sie erklärt es am Beispiel einer Tunika-Bluse aus Ökobaumwolle. "Man kann sie als Sommerkleid tragen, oder über Leggings, oder sie in die Hose stopfen, mit Gürtel, oder ohne, oder, oder, oder..."

Aus einem Kleid mach fünf

Ulman hat sich nach ihrem Abschluss an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft selbstständig gemacht. "Ich wollte nicht dem überfüllten Angebot der Mode noch weitere Produkte mit wenig Sinn hinzufügen", sagt sie. Sie wollte etwas machen, das nicht ein paar Wochen später weggeschmissen wird. Laut Statistischem Bundesamt produzierten im Jahr 2010 deutsche Haushalte 100.000 Tonnen Textil- und Bekleidungsmüll.

Auch Daniela Pais wollte dem Phänomen "voller Schrank, nichts zum Anziehen" auf den Grund gehen. Ihre Lösung: Sachen, die sich in verschiedene Klamotten verwandeln lassen. Auf der Ethical Fashion Show in Berlin kann man zum Beispiel ihr schulterfreies Kleid aus Biowolle angucken, das nur mit wenigen Griffen kurzärmelig und rückenfrei wird, sich dann in einen Pullover verwandelt, dann in einen Schal, in ein Kapuzenshirt und in ein asymmetrisches Oberteil.

"Es gibt immer mehr Wegwerfmode"

In ihrer Meisterarbeit hat Pais erforscht, warum Menschen so oft neue Sachen kaufen. Bei der Auswertung unterschiedlichster Kleiderschränke ist ihr aufgefallen, dass die meisten Menschen nur einen Bruchteil ihrer Kleider tragen und vor allen Dingen ihre Oberteile variieren - um ihr Gesicht zu unterstreichen. "Die Sehnsucht nach dem Neuen ist in unsere Natur", sagt Pais. "Trotzdem kann man etwas kaufen, das länger das Interesse festhält."

Ihr Label Elementum exportiert inzwischen in dreizehn europäische Länder sowie nach Japan und Taiwan. Auch Ulman kann von ihrer Mode leben und eine Schneiderin und drei Aushilfen beschäftigen. Die Zukunft sehen die beiden aber ambivalent. "Momentan spaltet es sich: Es gibt immer mehr Wegwerfmode", sagt Ulman. "Anderseits ist es zum Statusausdruck geworden zu wissen, wo die Kleidung herkommt und was die Philosophie dahinter ist. Das ist Gesprächsstoff."

Ob tatsächlich ein Umdenken stattfindet - dafür finden sich keine Zahlen. Eindeutige Erhebungen gibt es nicht einmal zur Öko-Mode. "Der Wachstum des Marktes ist bisher ein Indizienbeweis", sagt Kirsten Brodde, die einen Blog über nachhaltige Mode betreibt. "Das steigende Bewusstsein könnte man am wachsenden Umsatz mit Biobaumwolle und größerer Zahl der Hersteller ablesen."

Brodde vermutet, dass der Anteil der grünen Mode wie bei anderen grünen Segmenten unter fünf Prozent liegt. "Die wesentliche Leistung ist, dass sie den konventionellen Markt zur mehr Bewusstsein getrieben hat." So haben sich zum Beispiel die großen Ketten wie Uniqlo oder Zara Levi's dazu verpflichtet, bis 2020 den Einsatz aller gefährlichen Chemikalien in der Produktion auf Null zu fahren.

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1. Ich dachte
tutnet 18.01.2013
Wlada wäre zum Studium in New York
2. ärgerlich
henrywotton 19.01.2013
wieso muss man so ein wichtiges branchenereignis eigentlich von einer anfängerin/studentin betexten lassen? wie immer zu lang, langweilig und substanzlos. dabei kenne ich viele ausgebildete stylisten usw., die nebenher hevorragend bloggen. wieso lasst ihr nicht jemanden über die fashion week schreiben, der/die etwas von mode versteht? und zwar nicht im sinne von kichernd-mit-freundinnen-shoppen.
3. "der Hunger nach Neuem"
Stauss 19.01.2013
Hunger hat man auf Nahrungsmittel. Hier ist "Gier nach Neuem" der präzisere Ausdruck. Neugier. Um im Machtspiel der Damen untereinander die anderen ausstechen zu können. Nicht um den Männern zu gefallen, nee, so primitiv sind Frauen nicht. Um Neid bei den Geschlechtsgenossinnen zu erzeugen. Mode ist die private Schau, um anderen zu zeigen, ich kann mir das Neueste leisten. Menschin, ärgere Dich.
4. Mode, was ist das,
vierteldeutscheösi 19.01.2013
gibts die überhaupt noch? Seit Jahren sehe ich überall immer den gleichen hässlichen Mist. Konservativer Einheitsbrei mit der Prämisse, dass Taille versteckt werden muss, alles möglichst unproportioniert, hach, schon so lange! Phantasielosigkeit herrscht in der Kleidungsindustrie wie nie zuvor, öde Einfärbigkeit wechselt mit geschmacklosen aufdringlichen Riesenmustern die eh keiner dann kauft um dann wieder schleunigst in die Einfärbigkeit zu flüchten, jeder in den Städten läuft getarnt herum, nur nicht durch Eitelkeit auffallen scheint es zu heißen. Individuell ist megaout, es lebe die graue Maus mit der adretten Frisur und Schminke, aber halt in Jeans und hässlicher Schwangeren-Tunika. Analog zur konservativer gewordenen Gesellschaft. Der Niedergang der Mode ist, zumindest was meine Erwachsenenzeit betrifft, noch nie so arg gewesen wie jetzt!
5. ..........
janne2109 19.01.2013
Donnerwetter- das war ja wichtiger Beitrag!! Ich habe schon immer eine neue neue Kollektion tragbar zu Teilen aus älteren Kollektionen hergestellt, und nicht nur ich-- das haben viele, sehr viele Hersteller getan. Bisher sind alle Berichterstattungen bei Spon über die Modewoche wenig informativ, wahrheitsgemäß, interessant gewesen. Wenn man schon über diesen Wirtschaftszweig berichtet dann sollte man es doch bitte richtig tun und nicht im Stil von Bild, Gala, Frau-weiss-alles etc. tun.
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