Fashion Week in Moskau Blind auf dem Catwalk

Erstmals wurde auf der Fashion Week in Moskau Mode von und für Menschen mit Behinderung präsentiert. Die Veranstalter wollen damit auch dazu beitragen, dass in Russland ein neues Bewusstsein entsteht.

Denis Leonov/ enjoyphoto.ru

Aus Moskau berichtet Alisha Ricard


Die blinde Frau fiebert ihrem Auftritt als Model entgegen. Nafset Chenib sitzt auf einem Sofa hinter der Bühne. Ihre Finger fahren über den Stoff des Kleides, das auf ihrem Knie liegt und das sie gleich vorführen wird. Sie fühlt, dass das Abendkleid aus Seide und Baumwolle ist, und schulterfrei. Auch die Farbe ertastet sie. Grau-grün hat die Berliner Designerin Christine Wolf in Englisch und mit kleinen Kunststoffperlen auf den Saum gestickt. Für die 300 Zuschauer neben dem Laufsteg sieht das aus wie eine Verzierung, für Chenib aber ist das Ornament eine wichtige Information.

"Durch diese Innovation erhalte ich einen Teil des Lebens zurück, das ich in meiner Kindheit verloren habe, als ich langsam erblindete", sagt sie. Die 26-Jährige kennt Farben noch aus ihrer Erinnerung. "Auch Größe, Farbe und Pflegeanleitung sind auf die Kollektion von Christine Wolf gestickt", erklärt Chenib. So weiß sie, welche Kleidungsstücke sich kombinieren lassen. Das mintgrüne Kleid passt zum grünen Bolero, und das "schulterfreie Abendkleid zu meinen Augen", freut sie sich.

Kollektionen für Gelähmte

Die Moscow Fashion Week, die am Dienstag zu Ende ging, gilt im Vergleich zu Paris oder Mailand nicht als erste Adresse im internationalen Modezirkus. Diesmal aber konnten die Organisatoren der Schau mit einer Premiere aufwarten: Erstmals präsentierten behinderte Models Kleidung für Menschen mit Behinderung. Acht Designer aus Russland, Deutschland und Portugal hatten Kollektionen unter anderem für Kleinwüchsige, Gelähmte, Rollstuhlfahrer und Menschen mit Down-Syndrom entworfen.

"Es gibt genug Hilfsaktionen, bei denen Geld gesammelt wird, um zum Beispiel Rollstühle zu kaufen. Das ist gut und wichtig", erklärt Janina Urussowa vom Projekt Bezgraniz, dem Veranstalter der Behinderten-Modeschau. Bezgraniz heißt übersetzt "Ohne Grenzen". Zusammen mit einem in Moskau lebenden deutschen Geschäftsmann hat Urussowa das Projekt vor sechs Jahren gegründet. "Unser Ziel hier ist es, den Blick auf behinderte Menschen zu verändern und Behinderung als etwas Normales und Alltägliches zu zeigen." In den letzten Jahren habe sich schon viel zum Positiven verändert, viel aber sei noch zu tun.

In der Sowjetunion passten körperlich und geistig Behinderte nicht zum kommunistischen Ideal vom perfekten neuen Menschen. Sie wurden versteckt und in Heimen weggesperrt. Heute schreiben die Zeitungen viel über Behinderte, die Paralympischen Spiele in Sotschi waren in russischen Medien ein Großereignis. Dennoch haben es Behinderte im größten Flächenstaat der Erde noch immer schwer und das obwohl sie mit 14 Millionen rund ein Zehntel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Selbst in Metropolen wie Moskau und Sankt Petersburg gibt es zu wenig Aufzüge und Rampen für Rollstuhlfahrer.

"Praktisch und schön gibt es bei uns noch nicht"

Chenib lebt seit fünf Jahren in der russischen Hauptstadt. Sie verdient ihr Geld als Opernsängerin, bei der Schlusszeremonie der Paralympischen Spiele trat sie zusammen mit dem Startenor José Carreras auf. Die blonde, schlanke Frau lacht oft. "Ich tue alles, um mich von den Mühen des Alltags nicht runterziehen zu lassen", sagt sie. Zu laut sind die Züge der Metro, zu undeutlich die Durchsagen, zu hektisch die Menschen. Zurück in die Provinzstadt in Südrussland, in der sie geboren wurde, will sie trotzdem nicht. Sie mag das Leben in der Metropole, auch wenn es hart ist.

Die Berliner Designerin Wolf kommt aus einer Stadt, in der die Infrastruktur vergleichsweise gut auf Behinderte ausgerichtet ist. Dass aber auch hier noch Handlungsbedarf besteht, erfuhr sie durch eine blinde Freundin. "Die Frau hat ihre Kleider immer kalt gewaschen, damit die Rotwäsche bloß nicht auf die Weißwäsche abfärbt", sagt Wolf. "Sie konnte die Farbe beim Sortieren der Wäsche ja nicht sehen." So kam Wolf auf die Idee mit den Kunstperlen auf ihrer Kollektion, die alle wichtigen Informationen weitergeben.

Chenib zeigt Wolf stolz ihre elegante Damenuhr am Handgelenk, die Zeiger kann sie ertasten, auch die Uhrzeiten. "Die ist aus der Schweiz." In Russland gäbe es nur hässliche Uhren für Blinde. "Praktisch und schön, beides zusammen, das gibt es bei uns noch nicht." Ihre Noten lässt die Sängerin in Blindenschrift drucken, von einer Firma in Leipzig.

Dann hat Chenib ihren Auftritt. Sie wird von einem Mann im Anzug geführt. Die Kameras, die auf sie gerichtet sind, kann sie nicht sehen. Selbstsicher dreht sie ihren Kopf nach links und rechts. Bevor sie zurückläuft, wirft sie dem Publikum noch einen Kuss zu. An diesem Tag schaut Moskau nicht weg.



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