Nicht einmal eine Woche ist er nun im Amt, der neue Papst, da ist Franziskus schon auf Augenhöhe mit den Großen der Welt. Binnen weniger Tage hat der 76-Jährige fast "vom Ende der Welt" so viel Ansehen, Zuneigung und Autorität gewonnen, wie es viele der angereisten Würdenträger vielleicht niemals schaffen werden.
Beim Festakt zur Amtseinführung des Papstes in Rom wurde klar: Mit Franziskus hat die katholische Weltkirche eine Führungspersönlichkeit, die zunehmend einen Obama-Faktor entwickelt. Mit vielen Hoffnungen, aber auch der Gefahr großer Enttäuschung, wenn die Erwartungen auf der Strecke bleiben sollten.
Bei dem Festgottesdienst auf dem Petersplatz erhielt Franziskus die Insignien der päpstlichen Autorität, den Fischerring und das Pallium. Einen Wollschal, der traditionell einige Zeit in einer Goldschatulle direkt beim Grab des Apostels Petrus unter dem Petersdom gelagert wurde. Franziskus ist nun höchst offiziell der 265. Nachfolger Petri.
Als Fischerring recycelte Franziskus einen bereits vorhandenen Ring aus vergoldetem Silber der Ära Pauls VI. und der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Den von Benedikt XVI. bei seinem Rücktritt vorgesehenen Gehorsams-Eid aller Kardinäle dampfte er ein, nur sechs Vertreter legten ihn stellvertretend für alle ab. Franziskus ist ein Mann ohne Pomp, ohne Pathos.
Franziskus verärgert die Traditionalisten
Alle seine Schritte, auch die kleinsten, werden mit Argusaugen von den verschiedenen Fraktionen innerhalb der Kirche beobachtet. Bald wird die erste Euphorie verflogen sein. Bald auch die Begeisterung darüber, dass er seine Rechnungen selbst bezahlt, zu Fuß geht, keine roten Schuhe trägt.
Es muss um Inhalte gehen. Und um Personalentscheidungen im Vatikan. Dann wird klar, wohin die Reise mit dem "Papst der Armen" wirklich geht. Niemand erwartet Wunder, die Revolutionierung der Kurie, von der Kardinal Walter Kasper sprach, wird kein Deckchensticken. Aber es wäre schon viel geholfen, wenn die Vertuscher, Verschwörer, Versager im Vatikan künftig keine Leitungsposten mehr innehätten.
Die ultrakonservativen Katholiken haben derzeit Mühe mit der Papsttreue. Die Revolutionierung der päpstlichen Umgangsformen hat bereits viele der bisherigen Ratzingergetreuen erschüttert. Sie waren entsetzt über den "Sperrholzaltar" in der Sixtinischen Kapelle, an dem Franziskus eine Messe zelebrierte. Nicht wie Benedikt XVI. mit dem Rücken zur Gemeinde, sondern von Angesicht zu Angesicht, im Stil des Reformkonzils der sechziger Jahre.
Ein katholischer Traditionalist kommentierte: "Franziskus ist nicht demütig. Es ist Größenwahn zu glauben, das Papsttum neu erfinden und sich über das hinwegzusetzen zu können, was 20 christliche Jahrhunderte geschaffen haben."
Der Schweizer Kardinal Kurt Koch versucht, die Gemüter zu beruhigen: "Die Parolen konservativ oder progressiv sagen mir nichts. Franziskus ist beides zugleich: konservativ als Garant der apostolischen Tradition und progressiv im Sinne der Ausrichtung auf die Zukunft der katholischen Kirche."
Rückkehr zum Katakombenpakt
Es scheint, als beginne mit Franziskus eine neue Ära. Sie wird vieles auf den Kopf oder zumindest in Frage stellen. Vielleicht ist der neue Papst auch gar kein Obama, sondern eher ein Gorbatschow. Einer, der alles ins Rutschen bringt, und am Ende steht in der katholischen Kirche kein Stein mehr auf dem anderen. Manchmal ändern sich die Dinge eben schneller, als man denkt.
Das könnte auch für die deutsche katholische Kirche gelten. Die Ausstrahlung des neuen Papstes reaktiviert viele der etwa 70-jährigen Priester aus der Konzilsgeneration, die jahrelang an den Rand gedrängt wurden. Plötzlich sind sie in der ungewohnten Rolle der Papsttreuen.
Den Limburger Pfarrer Hubertus Janssen erinnern die ersten Worte des neuen Papstes an den sogenannten Katakombenpakt. Er setzte sich vor rund 50 Jahren "für eine dienende und arme Kirche" ein. Er geht zurück auf ein Leitwort, das Papst Johannes XXIII. vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 ausgab. Der Pakt wurde von 40 Bischöfen unterschrieben, später schlossen sich noch rund 500 weitere an.
In ihrer Erklärung hieß es: "Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns herum üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und alles, was sich daraus ergibt. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen, wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung ( ) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall - weder Gold noch Silber - gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen."
Der Katakombenpakt umfasst 13 Punkte. Dank Papst Franziskus sind sie wieder aktuell. Oder wie der amerikanische Kardinal Roger Mahony formuliert: "Simple is in, extravagant is out!"
Janssens Bischof, der Limburger Erste-Klasse-Flieger und Luxus-Immobilienkönig Franz-Peter Tebartz-van Elst ist nicht der einzige Kirchenfürst in Deutschland, der nun dringend auf Papstlinie gebracht werden muss. Papsttreue definiert sich plötzlich auch durch eine antikapitalistische Haltung. Das ist für viele in der Kirche noch ungewohnt.
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