Punkband Feine Sahne Fischfilet: Die Staatsfeinde

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Feine Sahne Fischfilet nennt sich eine Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern. Seit Jahren tingelt sie durch Kleinstadtclubs und Dorfdiscos. Nun ist den Mitgliedern der Verfassungsschutz auf den Fersen, er stuft die Gruppe im aktuellen Bericht als staatsfeindlich ein.

Feine Sahne Fischfilet: Punkband gegen Rechts Fotos
Ole Olè

Das mit dem Molotow-Cocktail war so: Monchi und seine Kumpels von der Punkband Feine Sahne Fischfilet veröffentlichten vor einer angekündigten NPD-Demonstration 2010 in Rostock auf ihrer Internetseite das Foto eines Plakats, das im Netz kursierte. Darauf stand: "Club-Molli", in Anlehnung an Club-Mate, ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk. Darunter: die Anleitung zum Bau eines Molotow-Cocktails.

Man habe schon bessere Ideen gehabt, gibt Monchi zu. Er ist der Sänger der Band. "Ich kann verstehen, wenn man das nicht lustig findet, wir haben es als Satire gesehen." Weniger lustig fand die Aktion der Verfassungsschutz von Mecklenburg-Vorpommern und hat der Musikgruppe im Verfassungsschutzbericht 2011 knapp zwei Seiten gewidmet.

Von einer "explizit anti-staatlichen Haltung" der Band ist die Rede, deren Ziel es sei, die "staatliche Struktur aufzulösen". Anmerkung am Rande: Der Verfassungsschutz befasst sich in seinem Bericht ausführlicher mit Feine Sahne Fischfilet als mit dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). Das ist bemerkenswert, denn die Rechtsterroristen sollen am 25. Februar 2004 den Mord an Mehmet Turgut, einem Dönerverkäufer aus Rostock, begangen haben.

Es gebe gute Gründe, dass die Band in den Verfassungsschutzbericht aufgenommen worden sei, sagt Marion Schlender, Sprecherin des Innenministeriums. Feine Sahne Fischfilet sei "fester Bestandteil der Autonomenszene in Mecklenburg-Vorpommern". Zudem würden die Mitglieder "die gesellschaftliche und staatliche Ordnung grundsätzlich ablehnen", Gewalt als "legitime Handlungsoption in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner" ansehen.

In Monchis Sprache klingt das so: "Wenn irgendwelche Nazis verprügelt werden, werde ich mich nicht hinstellen und in Mitleid für so einen Menschen schwelgen."

Monchi und die anderen Mitglieder von Feine Sahne Fischfilet sind im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen, einem Nährboden für Rechtsextremisten. Hier fährt die NPD bei Wahlen satte Ergebnisse ein, die Partei bietet Handarbeitskurse für Frauen und "Volksbüchereien" an. NPD-Landesvize David Petereit brachte hier die Postille "Der Weisse Wolf" heraus, in der im Jahr 2002 dem NSU gedankt wurde.

"Hier sitzt der rechte Arm sehr locker"

Zum Alltag der Jugendlichen gehören Gestalten, die auf Schulhöfen Rechtsrock-CDs und rechtsradikales Propagandamaterial verteilen. "Hier gehst du mit schwarzen Freunden einmal aufs Dorffest, dann nie wieder", sagt Monchi. Nach 22 Uhr sitze bei derartigen Festivitäten "der rechte Arm sehr locker".

"Es gab beispielsweise auch keine Homosexuellen bei uns in der Region", sagt Monchi. "Homosexuelle, Migranten und nicht-rechte Jugendliche müssen hier immer Angst haben, auf die Fresse zu bekommen. Wenn man sich hier zu so etwas bekennt, dann wird das immer Schwierigkeiten mit sich bringen". Auf dem Goethe-Gymnasium in Demmin, einer Kleinstadt im Norden des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, galten Monchi und seine Kumpels zwar als "Zecken", politisch engagiert waren sie damals jedoch nicht.

"Wir wollten nichts politisch bewegen, wir hatten einfach Bock auf Mucke", sagt der 25-Jährige. 2007 gründete er mit fünf Schulkameraden Feine Sahne Fischfilet, sie experimentierten herum, entschieden sich für Rumpelpunk. Auf ihrem ersten Album gibt es Lieder mit sexistischen Textpassagen, für die sie sich inzwischen schämen. Die einzige Entschuldigung, die Monchi gelten lässt. "Wir waren 18, 19 Jahre alt. Wäre dieses Album nicht ausverkauft, würden wir es nicht mehr vertreiben."

Sie spielten auf dem Land und in Kleinstadtclubs - dann tauchten auf den Konzerten Neonazis auf. Die Band positionierte sich. "Heute treten wir als antifaschistische Band auf", sagt Monchi. Eine Ausnahme in Mecklenburg-Vorpommern und eine folgenreiche Entscheidung.

Kein Auftritt ohne Sicherheitsmaßnahmen, die sie selbst organisieren. Auf die Polizei verlassen sie sich nicht. Sie glauben, selbst am besten zu wissen, was zu tun ist, wenn 20 Neonazis mit einem NPD-Politiker an der Spitze versuchen, den Bandbus zu stürmen, wie es in Stralsund geschehen sein soll. Im Vorfeld eines Konzerts soll es auch Drohungen gegen Veranstalter gegeben haben.

"Das macht Angst, das schüchtert ein"

"Wir verstehen uns als politische Leute, als Antifaschisten, die Mucke machen", sagt Monchi. Der Verfassungsschutz sieht sie als "politischen Zusammenschluss". Was Feine Sahne Fischfilet politisch von sich geben, ist für die Behörde leicht zu verfolgen: Die Bandmitglieder posten jeden Tag auf Facebook Statements und Neuigkeiten, pflegen ihr Blog und sind Antifa-Mitglieder.

"Alle derzeitigen Bandmitglieder sind als Linksextremisten bekannt, einige von ihnen sind zudem durch linksextremistisch-motivierte Gewaltstraftaten wie Landfriedensbrüche, Körperverletzungen und gefährliche Körperverletzungen in Erscheinung getreten", gibt das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bekannt. Die Band nutze ihre Popularität, um ihr Publikum "für linksextremistische Ziele" zu gewinnen.

"Wir sind keine Unschuldsengel", sagt Monchi. "So sollte man uns auch nicht darstellen, das wäre falsch." Er wisse zwar von keinem Bandmitglied, das wegen Körperverletzung verurteilt worden sei, aber "Anzeigen haben wir schon ohne Ende gehabt". Und auch Verurteilungen wegen Landfriedensbruchs habe es gegeben.

Mahnwachen, Lichterketten, Infostände gegen Nazis - das sind Aktionen, die Feine Sahne Fischfilet zu wenig sind. Beim angekündigten NPD-Fackelmarsch in Wolgast am 9. November zum Beispiel beteiligen sie sich an einer Blockade. "Das muss man einfach, das ist das Datum der Reichspogromnacht", so Monchi.

Dass sie im aktuellen Verfassungsschutz erwähnt werden, hielten die Bandmitglieder anfangs für einen Witz. Andererseits mussten sie im Frühjahr zur "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" nach Bonn. Dem Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern war das gewaltverherrlichende Lied "Staatsgewalt" aufgefallen - aus dem ersten Album "Backstage mit Freunden".

Darin heißt es: "Wir stellen unseren eigenen Trupp zusammen/ Und schicken den Mob dann auf euch rauf/ Die Bullenhelme - sie sollen fliegen/ Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein/ Und danach schicken wir euch nach Bayern/ denn die Ostsee soll frei von Bullen sein".

Das sei drei Jahre her, sagt der Sänger. "Das spielen wir seit Jahren nicht mehr, weil es uns schlichtweg zu platt rüberkommt."

Indiziert wurde das Album nicht. Für den Verfassungsschutz spielt das keine Rolle. Die Texte und Aussagen der Band bringen laut Innenministerium "eine extremistische Haltung zum Ausdruck". Feine Sahne Fischfilet überlegen, gegen den Eintrag im Verfassungsschutzbericht vorzugehen.

Monchi fühlt sich an die mehr als tausend Aufkleber erinnert, die Rechtsextreme vor Jahren in Umlauf brachten, mit Monchis Konterfei darauf, der Schädel gespalten, eine Portion Kot auf dem Weg ins Gehirn. Noch immer kursieren sie in der Szene. Das mache Angst, das schüchtere ein, sagt er. "Aber noch mehr treibt es einen an, weiterzumachen."

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