Elterncouch

Kinder in der Ferienzeit Langeweile? Fantastisch!

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Vito

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Von Juno Vai


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Fernseher kaputt, Handy konfisziert, Regenwolken am Himmel: Selten haben sich meine Kinder so gelangweilt wie in diesen Sommerferien. Wir haben das Beste draus gemacht.

Als Vito in die Küche geschlendert kommt, sehe ich schon aus dem Augenwinkel, was los ist. Seine Mundwinkel hängen herunter wie bei Beaker, dem missmutigen Laborassistenten aus der Muppet-Show. Die Stirn ist in Falten gezogen, der Mund vorwurfsvoll geschürzt. Er stöhnt und fragt dann vorsichtig: "Was machen wir denn heute noch so?"

Mein Junge ist gelangweilt, kein Wunder. Seit Ferienbeginn schlagen schwere Regentropfen an die Fenster, selbst der Kater verzichtet auf Jagdausflüge und ist in einen komatösen Dauerschlaf gefallen. Ausflüge an die Ostsee verkommen zu amorphem Café-Hopping unter zementgrauem Himmel. Schwimmen im Dorfteich geht, Bücher lesen und DVD gucken auch. Allerdings ist der Fernseher kaputt. Auch Daddeln ist nicht mehr drin, seit mein Sohn mich aufgefordert hat, sein Handy für die Dauer der Ferien "zu konfiszieren, weil mich das süchtig macht".

Leider haben Langweiler und Gelangweilte in unserer Familie einen schweren Stand. Sobald meine Kinder in der Lage waren, entsprechendes Gejammer zu erheben, wurden sie von meinem Mann und mir abgewatscht: "Nur Langweilern ist langweilig", war unser Standardspruch. Wir finden, dass wir unseren Kindern schon ziemlich viel Zerstreuung und Abwechslung bieten, da haben wir keine Lust, sie auch noch jedes Mal zu bespaßen, wenn sie gerade Leerlauf haben. Wer stets auf sensationelle Anstöße von außen wartet, wird zu träge, die eigenen Welten in Kopf und Herz zu erkunden.

Es gibt einen Haufen Thesen zur Langeweile, etwa, dass sie ein Zeichen von Intelligenz sei, weil der Gelangweilte immerhin bewusst das Repetitive und wenig Dynamische seiner Situation erkennt. Ich halte es mit Oscar Wilde, der die Langeweile als eine Sünde beschrieb, für die es keine Absolution geben könne. Für den Dandy war das keine moralische Frage, sondern hedonistische Pflicht: Sieh zu, dass du dich amüsierst, die schönen Dinge genießt, espritlose Menschen und Langeweile aus deinem Leben verbannst.

Das ist vielleicht nur die halbe Wahrheit. Manchmal muss man Langeweile einfach aushalten. Denn oft ist sie nur die Vorstufe zu echter, schöpferischer Muße. Deshalb empfehle ich Vito: "Mal doch mal einen Comic darüber, wie unfassbar langweilig dir ist." Er grinst, rast in sein Zimmer und legt los.

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Vito

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Ich selbst kann mich nur dunkel daran erinnern, dass mir als Heranwachsende ab und zu mal langweilig war. Aber unsere Kindheit war sowieso ganz anders. Gefühlt gab es nur die Schule und den Sportverein. Den Rest der Zeit habe ich gepruddelt, wie wir das nennen. Einfach ohne Ziel vor mich hingespielt, mit Freunden, allein, im Wald, auf der Straße.

Meine Tochter hingegen ist mit Ferienbeginn in ein schwarzes Loch gefallen, wie ein Workaholic nach einem veritablen Burn Out. "Mir ist so langweilig, dass ich sogar lieber zur Schule gehen würde", gestand sie mir. Die ganze Schulzeit über male sie sich aus, was sie in den Ferien Schönes unternehmen werde: "Aber jetzt bin ich viel zu müde dazu." Sie brauchte bestimmt eine Woche, um zu verstehen, dass sie jetzt keine Tagesplanung mehr machen muss und auch To-do-Listen nicht nötig sind, sondern eher NOT-to-do-Listen.

Der Druck am G8-Gymnasium ist offenbar so groß, dass, wenn er nachlässt, Verwirrung und Erschöpfung eintreten. Das stimmt mich traurig. Wir haben oft genug angeboten, Vic angesichts der unserer Meinung nach völlig überzogenen Erwartungen die Schule wechseln zu lassen - aber sie weigert sich standhaft und beißt sich lieber durch. Nach einer Übernachtungsparty und mehreren Tagen Langschläferei hat sie nun auch angefangen zu pruddeln - hurra!

Langeweile ist laut Goethe "ein böses Kraut, aber auch eine Würze, die viel verdaut". Ich hoffe, dass Vic die Langeweile jetzt nutzt, um alles zu verarbeiten, was sich in ihr die vergangenen Monate angestaut hat.

Vito hat beim Zeichnen noch etwas anderes erkannt: Dass Abenteuer auch im Kopf passieren können - und Kreativität etwas ganz Blödes braucht, um sich zu entfalten: Langeweile.

Gar nicht öde: Vitos Welt
Vito

Gar nicht öde: Vitos Welt

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


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19 Leserkommentare
noch_ein_forenposter 11.08.2017
angst+money 11.08.2017
bergeron 11.08.2017
Frida_Gold 11.08.2017
grumpy53 11.08.2017
mol1969 11.08.2017
curly988 11.08.2017
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Carl Lowr 11.08.2017
geirröd 11.08.2017
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trolland_dump 11.08.2017
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123456789abc 11.08.2017

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