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Festnahmen wegen Raketenschmuggels: Ein Terror-Plot ohne Terroristen

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Nach monatelangen Ermittlungen haben US-Fahnder einen Schmuggler festgenommen, der angeblich Boden-Luft-Raketen an Terroristen verkaufen wollte. Tatsächlich aber war der Deal initiiert vom russischen und amerikanischen Geheimdienst. Kein Wunder, dass sich beide nun gegenseitig auf die Schulter klopfen.



Die "Igla 2"-Rakete gilt als leicht einsetzbare Terror-Waffe
AP

Die "Igla 2"-Rakete gilt als leicht einsetzbare Terror-Waffe

Washington/Moskau - Öffentliche Statements des russischen Geheimdienstes FSB sind selbst in der Hauptstadt Moskau nicht gerade an der Tagesordnung. Dass der Sprecher des riesigen Spitzelheers von Präsident Wladimir Putin am Mittwoch nun auch noch in Washington beim ehemaligen Feind vor die Mikrofone trat, gleicht fast einem historischen Ereignis. Ebenso einmalig waren dann auch die Worte des Gesandten aus Moskau. "Zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg", stellte der FSB-Mann fest, "haben unsere Geheimdienste einander geholfen".

Was der Geheimdienstmann aus Moskau beschrieb, geisterte am Dienstagabend zur besten Sendezeit als "breaking news" durch die US-Fernsehsender. Auf dem Flughafen in Newark bei New York City hatten FBI-Ermittler einen indischstämmigen Briten festgenommen, der angeblich Boden-Luft-Raketen an Terroristen für einen Anschlag in den USA verkaufen wollte. Gleichzeitig wurde in Manhattan ein Gebäude durchsucht. Dort wurden zwei weitere Männer afghanischer Abstammung festgenommen. Anonyme Quellen aus US-Sicherheitskreisen ließen schnell durchblicken, dass man einen Waffenschmuggel von erheblicher Bedeutung aufgedeckt habe.

"Eine neue Ära"

Am Mittwoch nun berichteten britische und US-Zeitungen detaillierter über den Coup der Ermittler. "Raketen-Plot verhindert", titelte die auflagenstarke "USA Today" und stellte neben ein bedrohliches Bild der Waffe plus Schützen gleich das Wappen der Bundespolizei FBI. Britische Zeitungen wie der "Guardian" jauchzten, der Zugriff zeige, wie gut die internationalen Terror-Bekämpfer mittlerweile zusammen arbeiteten. Zum ersten Mal sei es gelungen, auch mit den russischen Behörden gemeinsame Sache zu machen. Dieser Erfolg sei der Beginn einer "neuen Ära der Kooperation".

Ganz falsch lag der "Guardian" mit dieser Einschätzung wohl nicht: Alle bisher bekannten Fakten aus Berichten der "New York Times" und anderer großer US-Zeitungen lassen erkennen, dass der russische Geheimdienst und die US-Behörden in der Tat mehr als gut kooperiert haben. Ohne die vielfältigen Aktivitäten des FSB, der CIA und der nach dem 11. September gegründeten US-Heimatpolizei über Monate hinweg wäre der Waffen-Deal, der am Dienstag mit der scheinbar spektakulären Festnahme endete, nämlich nie zustande gekommen.

"Kein einziger echter Terrorist"

Bis zum Ende der Aktion war an dem Geschäft nicht ein einziger "echter Terrorist" ("New York Times") beteiligt. Alles begann demnach vor rund einem Jahr, als FBI-Agenten davon Wind bekamen, dass der nun festgenommene Brite bei Freunden in New York prahlte, er könne auch Boden-Luft-Raketen beschaffen. Daraufhin suchte das FBI zwei getarnte Agenten, die dem Mann ein lukratives Angebot machen sollten. Derart ermutigt, gab der vermeintliche Waffenschieber weiter an. Die von ihm zu erwerbenden Raketen russischen Typs könnten sogar die Abwehrsysteme der Präsidentenmaschine überlisten. Die angeblichen Terroristen waren begeistert und bestellten umgehend bei dem Inder.

Ab diesem Moment schalteten die USA die Russen in die Ermittlungen ein. Das FBI ahnte, dass die Waffen in Russland erworben werden sollten und baten, den Inder zu beobachten. In den folgenden Monaten verschafften Agenten des FSB dem Inder über scheinbare Waffenhändler in Russland eine ebenfalls nur scheinbar funktionsfähige Boden-Luft-Rakete des Typs SA-18 ("Igla 2"). In Wirklichkeit war die Rakete präpariert und zu keinem Moment abschussfähig. Wieviel Geld der Waffenschmuggler für die Schein-Waffe bezahlt hat, ist bisher unklar. Zumindest aber darf bezweifelt werden, ob der selbst nach US-Angaben nicht als Waffenhändler bekannte Mann die angeblich hochgefährliche Rakete ohne die tatkräftige Hilfe des FSB überhaupt beschaffen hätte können.

Rakete mit legendärem Ruf

In Manhattan stellten die Fahnder Beweismaterial sicher
AP

In Manhattan stellten die Fahnder Beweismaterial sicher

Die SA-18 hat eine tödliche Geschichte. Immer wieder wurde sie in diversen Kriegen wie in Tschetschenien oder Afghanistan zum Abschuss von Flugzeugen und Hubschraubern eingesetzt. Unter Terroristen genießt sie deshalb einen ähnlich legendären Ruf wie das Maschinengewehr des Typs AK-47, auch "Kalaschnikow" genannt. Doch nicht nur im Freiheitskampf der Mudjahedin tauchte die "Igla" auf. Erst im November vergangenen Jahres hatten Terroristen in Kenia erfolglos versucht, eine israelische Urlaubsmaschine mit einer solchen Rakete abzuschießen. Vermutlich gehörten sie Osama Bin Ladens Organisation al-Qaida an. Ein ähnlicher Anschlag sei auch in den USA oder Europa möglich, warnten die Behörden daraufhin immer wieder.

Doch ist der vom Geheimdienst inszenierte Deal mit der "Igla 2" wirklich ein Beweis für die freie Verfügbarkeit der gefährlichen Waffen für jeden Terroristen auf der ganzen Welt? Ebenso haarsträubend wie die Details über die Beschaffung sind die Berichte über den Transport der Waffe in die USA. Nach Berichten der "New York Times" konnte die Rakete die USA nur per Schiff erreichen, da die Geheimdienstler ihre schützende Hand über den Transport hielten. Der Inder selbst hatte die Waffe für die Schiffspassage als medizinisches Material getarnt. Auch bei diesem Teil der präzise geplanten Geheimdienst-Operation kommen Zweifel auf, dass diese dürftige Tarnung ohne den Beistand der Behörden nicht bei den scharfen Kontrollen an US-Häfen gefunden worden wäre.

Gute PR nach dem verheerenden Kongressbericht

Neben allen Zweifel aber erfüllt die Mitteilung der erfolgreichen Mission für die US-Regierung zumindest zwei Zwecke. Auf der einen Seite zeigt sie scheinbar beispielhaft, wie gut die Terror-Abwehr nach dem 11. September funktioniert. Nur einige Wochen nach der Veröffentlichung des für CIA und FBI verheerenden Berichts über die Pannen vor dem Terror-Plot in New York City und Washington können die Ermittler nun einen echten Erfolg vorweisen. Statt bei den Ermittlungen stets hinterher zu laufen, haben sie nun mediengerecht einen Terror-Coup verhindert, den sie scheinbar selber inszenierten.

Daneben festigt der Coup der Fahnder den öffentlichen Glauben an eine wirkliche Zusammenarbeit internationaler Geheimdienste. Berufsgemäß arbeiteten die in der Vergangenheit eher gegeneinander und trauten dem anderen kein Stück über den Weg. Wenn die russischen und amerikanischen Behörden in Zukunft auch bei Aktionen mit wirklichen Terroristen so gut zusammen arbeiten wie bei der Inszenierung, wäre zumindest das ein echter Erfolg.

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