Brennende Fähre vor Griechenland Albtraum in der Adria

"Meine Schuhe beginnen zu schmelzen!" 24 Stunden nach Ausbruch des Feuers sitzen noch immer mehr als 250 Menschen auf der qualmenden Fähre in der Adria fest. Mindestens ein Passagier kam ums Leben, mehrere Rettungsboote sind verschollen.


So ungefähr könnte die Hölle aussehen: Fast 500 Menschen an Bord eines Schiffes, das in Flammen steht, manövrierunfähig auf dem Wasser treibt, immer mehr in Schieflage gerät. Hin- und hergeschüttelt von gewaltigen Wellen in einer sturmgepeitschten See. Vom Himmel fällt starker Regen, zwischendurch sogar Hagel.

Menschen schreien, weinen. Andere starren apathisch auf den Boden oder telefonieren mit Radio- oder TV-Stationen. "Wir sehen fast nichts mehr", berichtet einer, erstaunlich gefasst, "wir werden verbrennen wie Mäuse." Ein anderer meldet: "Meine Schuhe beginnen zu schmelzen."

Griechische und italienische Fernsehsender zeigen Menschen im Wasser, die sich an Gegenständen festhalten. Jemand wird vom Hubschrauber an einem Seil aus dem Wasser gezogen, der Wind schüttelt ihn. Und immer wieder sieht man das von schwarzem Rauch umhüllte Fährschiff "Norman Atlantic", aufgenommen von einem Hubschrauber. Doch das hilft den Verzweifelten auf See auch nicht.

Feuer auf dem Parkdeck

Am späten Samstagnachmittag ist die Autofähre vom griechischen Hafen Patras in See gestochen, am Sonntag hätte sie um 16.30 Uhr im italienischen Ancona ankommen sollen. Laut Fahrplan. Doch der galt nur bis zum Zwischenstopp in Igoumenitsa, mitten in der Nacht. Nur wenig später, um 4.30 Uhr, das Schiff hatte gerade noch die Insel Korfu passiert, brach auf dem unteren Parkdeck Feuer aus und breitete sich schnell über das Schiff aus. 222 Fahrzeuge hatte die Fähre geladen. Die meisten Passagiere sind Lkw-Fahrer, aber auch viele Familien mit Kindern sind an Bord.

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Feuer auf Adria-Fähre: An Bord der "Norman Atlantic" gefangen

Immerhin: Bis Montagmorgen konnten 221 der nach offiziellen Angaben 478 Menschen an Bord gerettet werden. In Booten haben viele eines der Schiffe erreichen können, die die Unglücksfähre umkreisen, aber sich nicht näher heranwagen. Die Wellen sind zu hoch, der Wind ist viel zu stark, erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern, und viel zu böig. Nach Angaben der griechischen Behörden starb ein Grieche beim Sprung von Bord. Etliche Menschen seien verletzt worden, auch bei den Rettungsaktionen. Mit Booten oder per Hubschrauber wurden sie in italienische Krankenhäuser gebracht.

Nicht alle Rettungsboote, die von der "Norman Antlantic" ablegten, seien bislang geborgen worden. Was aus deren Insassen geworden ist, weiß offenbar niemand genau. Von den 18 deutschen Passagieren wurden die Kinder und drei Erwachsene mittlerweile auf ein anderes Schiff gebracht. Das geht aus einer Passagierliste hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Auf dem Unglücksschiff harren noch immer Hunderte Menschen aus, ihnen wurden Decken gebracht, auch Ärzte sollen mittlerweile an Bord sein. Obwohl das Feuer an Bord inzwischen gelöscht sei, qualme es weiter, meldete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Im Inneren des Schiffes könne es zudem noch weitere Glutnester geben.

Angst vor der Nacht

Ein erster Abschleppversuch sei an einem gerissenen Tau gescheitert, meldet Ansa weiter. Hubschrauber hatten am Abend damit begonnen, Passagiere per Seil direkt von Bord des Havaristen zu bergen. Ein gewagtes Manöver, bei Sturm. Und Rauch ist für die Motoren der Helikopter äußerst gefährlich. Doch die Rettungsmannschaften wollten noch möglichst viele Menschen bergen, ehe es dunkel wurde.

Wir werden alles tun, was möglich und machbar ist, hatten Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi und sein griechischer Amtskollege Andonis Samaras am Sonntagmorgen telefonisch vereinbart.

"Wir stehen draußen an Deck, sind durchfroren und ersticken im Qualm", sagte ein Augenzeuge dem griechischen Sender Mega Channel. "Das Schiff brennt, die Decks glühen, einige zittern vor Kälte, andere husten vom Rauch", sagte er. "Die Frage ist, ob wir es durchhalten."

Mängel am Schiff?

Derweil werden bereits die ersten Fragen gestellt, wie es zu dem furchtbaren Unglück kommen konnte. Gab es womöglich Mängel an Bord? Die "Norman Atlantic" gehört nach Angaben italienischer Medien zur italienischen Reederei Agenzia Archibugi und fährt die Strecke Patras-Igoumenitza-Ancona nur ersatzweise für die Fähre "Ellenic Spirit", die wohl derzeit in Reparatur ist.

Die 186 Meter lange "Norman Atlantic" war zuletzt am 19. Dezember von den Kontrollbehörden im Hafen von Patras geprüft worden, ein entsprechendes Dokument liegt SPIEGEL ONLINE vor. Dabei seien "sechs Mängel" festgestellt worden, so die italienische Tageszeitung "La Repubblica", die aber "offensichtlich nicht zu einer Stilllegung der Fähre geführt hätten". Dichtungen, Rettungsmittel und die Notbeleuchtung seien von den Prüfern bemängelt worden, heißt es in dem Dokument, vor allem habe das Schiff keinen klaren Rettungsplan gehabt.

In Medien hat sich auch der Spediteur Panariaotis Panagiotopoulos geäußert, in dessen Auftrag zwei Lkw nebst Fahrern auf dem Unglücksschiff seien. Der habe vor der Abfahrt einen heftigen Streit mit der "Norman Atlantic"-Reederei gehabt und der vorgeworfen, es sei "verantwortungslos", dieses Schiff fahren zu lassen.

Mit Material von dpa

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