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Jenaer Video-Projekt zu Rechtsterroristen: "Etwas Bedrohliches war in dieser Stadt"

Von , Jena

Eine Stadt stellt sich ihrem Erbe: In Jena wuchsen die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe auf, hier radikalisierten sie sich. Jugendliche haben 20 Beteiligte von damals interviewt. Entstanden ist ein eindrucksvoller Film.

Videogruppe JG Stadtmitte

Jana Georgi, 14, ist auf dem Weg ins Klubhaus, einem linken Jugendzentrum, als sie durch Saalfeld radelt, einer Kleinstadt im Südosten Thüringens. Es ist der 26. März 1998. Ihr begegnet ein 15-Jähriger, den sie kennt, er hängt in der rechten Szene ab, will unbedingt dazugehören. Er ist kurz zuvor aus einer psychiatrischen Einrichtung entlassen worden. Bei einem Zusammentreffen hat er Jana Georgi als "Zecke" und "Zeckenschlampe" bezeichnet, sie wehrte sich, nannte ihn "Scheiß-Fascho". Es ist ihr Todesurteil.

Jana Georgi fährt um 15.45 Uhr durch die Plattenbausiedlung Gorndorf, einer Neonazi-Hochburg. Sie begegnet erneut dem Jungen. Es kommt zur Auseinandersetzung, die Gymnasiastin steigt vom Fahrrad, der Jugendliche schubst sie, zieht ein Messer, sticht ihr in den Hals und in den Bauch. Jana Georgi stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Er habe sich für die Beleidigung rächen wollen, sagt der 15-Jährige später der Polizei.

Wenige Monate vor dem Tod des Mädchens tauchen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aus Jena unter. Die beiden Städte liegen zwar 50 Kilometer voneinander entfernt, doch das Netzwerk der Rechten ist eins. Die drei Jenaer begehen später eine beispiellose Mordserie an neun Kleinunternehmern und einer Polizistin. Jena, die Stadt, in der die drei sozialisiert wurden, hat sich mit einer Tagung des "runden Tisches für Demokratie der Stadt Jena", einem Bündnis aus Kirche, Verwaltung und Wissenschaft, am vergangenen Wochenende seinem Erbe gestellt: "Sie kamen von hier", lautete das Motto der Veranstaltung, bei der die Entwicklung des Neonazismus sowie der Widerstand analysiert wurden.

Die Videogruppe der Jungen Gemeinde Stadtmitte (JG) hat dafür eine dreiteilige Dokumentation gedreht. Entstanden ist ein Film, der an die Schmerzgrenze geht. Der zeigt, wie die Menschen in und um Jena die Radikalisierung der rechten Szene wahrnahmen - sich wehrten oder machtlos fühlten.

Einladungskarten mit abgeändertem Hakenkreuz

Das Auftreten der Rechtsradikalen sei in den Neunzigern "bedrohlich" gewesen, der Gewaltfaktor erkennbar, konstatiert Albrecht Schröter, Oberbürgermeister von Jena, in dem Film.

"Ich habe in den Neunzigern eine Jugendumweltgruppe gegründet", sagt Marco Schrul von der Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen. Er sei mit Strickpulli durch Jena gelaufen, wo er aufwuchs. "Da hat man schnell gemerkt, dass es da Leute gibt, die das nicht gut finden." Mehrfach sei er von Neonazis überfallen worden, sie schlugen ihm die Schneidezähne aus.

"Etwas Bedrohliches war in dieser Stadt vorhanden, wer es sehen wollte, hat es gesehen", resümiert auch Karin Kaschuba, Landtagsabgeordnete der Linken.

Viele schauten weg. Der Film zeigt Ausschnitte aus den Neunzigern: Rechtsradikale gehen in damals gängiger Neonazi-Montur in der Stadt auf "Opferjagd" oder machen Party im Jugendtreff "Winzerclub", den auch die Rechtsterroristen besuchten. Zu Geburtstagsfeiern wird schon mal mit einer Karte eingeladen, die einen Reichsadler samt manipuliertem Hakenkreuz zeigt.

Auf der Rückseite der Einladung sieht man einen Zeichentrick-Scheich und einen Schwarzen, beide durchgestrichen. Nach dem Motto: "Wir müssen draußen bleiben." Einer der Gastgeber im Winzerclub ist Ralf Wohlleben, der inzwischen als mutmaßlicher NSU-Unterstützer in U-Haft sitzt.

"Wir haben große Fehler gemacht", räumt Reinhard Schwabe, Mitarbeiter des Jenaer Jugendamtes, in der Dokumentation ein. Dadurch, dass man in dem Club Alkohol gestattet habe, habe man zwar die rechtsgesinnten Jugendlichen von den Parkplätzen geholt, auf denen sie herumlungerten und mit Grillwurst und Bier versuchten, andere anzulocken, aber man habe ihnen so auch eine Heimat gegeben. Schwabe war schon damals Sozialarbeiter, er gehört zu den wenigen, die ihre Arbeit rückblickend kritisch sehen. "Wir haben ihnen Sachen ermöglicht, die einfach nicht in Ordnung waren."

Mutmaßlicher NSU-Unterstützer macht Jugendarbeit

So habe man zu lange geduldet, dass rechtsradikale Bands in einem der Räume probten. "Wir haben ihnen auch eine Chance gegeben, die Hand gereicht, die sie nicht genommen haben. Sie haben uns ausgenutzt."

Der Auszug einer Gesprächsrunde von 1993 mit Jugendlichen des "Treffpunkt", einem Jugendzentrum in Jena, belegt, dass sich die Rechten gar benachteiligt fühlten. Ein Jugendlicher beschwert sich: "Der Bürgermeister von Jena tut linksorientierten Jugendlichen Häuser zur Verfügung stellen, wir als sozusagen rechtsorientierte kriegen kein Haus - das ist total affig!"

Zur Radikalisierung trägt damals schon Ralf Wohlleben bei, der später bei der NPD Karriere macht. "Als er für den Ortschaftsrat in Jena-Winzerla kandidierte, wusste jeder, wer Wohlleben ist", sagt Linken-Politikerin Kaschuba im Film. Nach der Wahl kümmert er sich um die Jugendarbeit in dem Stadtteil.

"Jugendarbeit ist immer wichtig, Nachwuchs wird immer gebraucht", sagt Wohlleben in einem Interview von 2002 und lobt, wie sehr er und seine Leute sich für eine kostenlose Kinderbetreuung und Hausaufgabenhilfe einsetzten. "Wir sind dadurch bürgernah, und das Kind kriegt schon früh mit, dass wir nicht die Bösen sind."

Im Film kommt Christoph Ellinghaus, Gewerkschaftssekretär IG Metall, zu dem Fazit, dass es in Jena erst seit fünf Jahren eine "kritische, wache Zivilgesellschaft" gebe. Stadtjugendpfarrer Lothar König widerspricht. Die Junge Gemeinde sei ein Ort gewesen, die sich mit dem Ausmaß der rechten Szene und der Gewalttätigkeit, die von ihr ausging, auseinandergesetzt habe. "Andere Straßen-Sozialarbeiter warfen uns vor, wir würden politisieren, anstatt uns den Rechten zuzuwenden, die ein soziales Problem hätten und persönliche, sozialpädagogische Zuwendung bräuchten - dann würde alles gut werden."

Nichts wurde gut. Das Landgericht Gera verurteilte den 15-Jährigen, der Jana Georgi tötete, im Oktober 1998 wegen Totschlags zu fünfeinhalb Jahren Jugendstrafe. Bei einer Trauerdemonstration für die 14-Jährige verteilte die Polizei Flugblätter, auf denen sie nochmals betonte, es habe sich um "eine Beziehungstat ohne politischen Hintergrund" gehandelt.

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