Fischers Fall Das traurige Ende von Sir Quickly

Mann verliebt sich in Frau aus dem Milieu, Gattin setzt ihn vor die Tür, er macht mit Geliebter Schluss, fällt über die Leitplanke und landet im Krankenhaus. Was für eine Soap! Aufgeführt in fünf Tagen - von und mit Ottfried Fischer. Jetzt schweigt der Schauspieler wieder. Gott sei Dank.

Von Dominik Baur


Hamburg - Er ist dick und behäbig, trottet durchs Alpenvorland, mal sieht man ihn in Bayern, mal in Österreich. Unlängst wurde er am Tegernsee gesichtet, bei einem Unfall, so hört man, soll er jetzt verletzt worden sein. Und er versetzt ganz Bayern, ja ganz Deutschland in Aufregung. Die Beschreibung trifft nicht nur auf Bruno, den Bären, sondern auch auf Ottfried, den Bullen, zu. Doch eines unterscheidet die beiden von einander: Während ersterer eine immer größere Fangemeinde anzieht, enttäuscht letzterer derzeit mit einem erbarmenswerten, öffentlich aufgeführten Ehe-Spektakel.

Was war mit der ehemaligen Rotlicht-Dame aus Wien? Nimmt ihn seine Frau wieder zurück? Was passierte an der Notrufsäule auf der Autobahn? Muss Günther Jauch auf seinen gewichtigsten Hochzeitsgast verzichten? Fragen wie diese beherrschen derzeit nicht nur das Eheleben des Noch-Paars Ottfried und Renate Fischer, sondern auch so manche Schlagzeile, die noch zwischen Bruno und der Weltmeisterschaft Platz findet.

Der "Medien-Quickie", wie die "Süddeutsche Zeitung" die öffentlichen Szenen einer Ehe bezeichnet, ist besonders betrüblich, weil es sich bei dem freiwilligen Objekt der Beobachtung nicht um jemanden aus der Foffi-Glas-und-Lindner-Liga handelt. In Bayern erinnert sich noch manch einer an einen anderen Ottfried Fischer. Denn der war hier einst weit mehr als nur ein zwischen Tölz, "Bild" und "Stars in der Manege" wandelnder Fleischberg, der seine Beleibtheit gern selbst in Szene setzte ("Letztlich ist doch nur der wahrhaft Dicke, der immer mit Plus und Minus beschäftigt ist und daher das wochenweise Nullwachstum kennt, als einziger in der Lage, die großen Zusammenhänge zwischen Schwund und Wachstum zu begreifen.") Als Kabarettist und später Schauspieler erarbeitete sich Fischer schon in den Achtzigern viele Sympathien in München und Umgebung.

Gern gab Fischer in seinen Rollen den Wortkargen. "I sog nix. Wenn i wos sogn muass, dann geh' i fei glei wieda", erklärt der von Fischer dargestellte Sir Quickly in der Fernsehserie "Irgendwie und sowieso", bevor er nach einem gewonnenen Ochsenrennen geehrt werden soll. Die zwölfteilige Fernsehserie aus dem Jahr 1986 rund um den Ochsen, Beatles und Himbeerjoghurt liebenden Sir Quickly avancierte im Süden der Republik schnell zum Kult. Allerorten trafen sich Fans zu nächtlichen Video-Sessions, um sich gemeinsam bei Himbeerjoghurt und Augustiner Edelstoff alle auf VHS aufgenommen Folgen am Stück anzusehen. Mit Trenchcoat und Hut hatte Sir Quickly ihre Herzen erobert, und für den Kabarettisten Fischer begann der Karriere-Durchbruch.

Der mit der Masse knuddelt

Der Bauernbub aus dem Bayerischen Wald hatte sich zuvor schon in Münchner Hinterhöfen als Kabarettist einen Namen in der Szene gemacht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jockel Tschiersch heimste er bereits zwei Kleinkunstpreise ein. Außerhalb der Grenzen Bayerns nahm man Fischer zum ersten Mal 1987 zur Kenntnis - wegen eines Telefonats: Für einen Radiosender imitierte er Franz Josef Strauß, rief den wegen seiner NS-Vergangenheit international geschnittenen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim an und lud ihn zum Oktoberfest ein. Waldheim sagte dem vermeintlichen Strauß zu.

Nach "Irgendwie und sowieso" verlegte sich Fischer immer mehr vom Kabarett- aufs Schauspielfach. Zunächst waren es weitere Serien des "Bayerischen Rundfunks" ("Zur Freiheit", "Der Schwammerlkönig"), schließlich kamen auch deutsche Kinoproduktionen dazu ("Café Europa", "Go, Trabi, Go", "Das schreckliche Mädchen").

Der Kleinkunst blieb er dennoch mit seinem seit über zehn Jahren laufenden Kabarettistenstammtisch "Ottis Schlachthof" stets treu. Fischer war zudem immer wieder ein gern zitierter humoristischer Experte, wenn es um die politischen Verhältnisse in Bayern ging. So analysierte er etwa vor der Landtagswahl 2003 für SPIEGEL ONLINE die Frage, warum der Bayer unter einem Minderwertigkeitskomplex leide und wie es die CSU geschafft habe, Edmund Stoiber zum Bayern zu machen.

Doch immer mehr trat im vergangenen Jahrzehnt die Quote in den Vorder-, der Anspruch in den Hintergrund. Zum bislang größten Erfolg wurde schließlich die Sat.1-Serie "Der Bulle von Tölz", in der Fischer als Benno Berghammer an der Seite seiner missmarplenden Mutter (Ruth Drexel) im vermeintlich beschaulichen Voralpenland Mörder jagt. Auch das Remake "Pfarrer Braun" und "Der Pfundskerl" richtet sich an ein Massenpublikum, dessen Liebling Fischer als ein Bulle zum Knuddeln längst wurde.

Der Quasselbulle von München

Schnell entdeckte der Boulevard die Erotik des Teddybären, und der Fischer und seine Frau gaben bereitwillig Auskunft auf alle diesbezüglichen Anfragen. In den Urlaub nach Namibia nahmen sie gleich eine Autorin der "Bunten" mit - "So zärtlich kann der Bulle sein", titelte die Illustrierte dann.

Der 52-Jährige ist fast omnipräsent geworden. Aus dem wortsparenden Sir Quickly wurde der Quasselbulle, auch wenn halbstündlich über den Äther plätschernde Werbespots für ein niederbayerisches Möbelhaus stets mit dem Satz "Mehr sog i ned" endeten. Von wegen. Bei der Beerdigung von Rudolph Moshammer betätigte sich Fischer als Fürsprecher für den von der Schickeria im Stich gelassenen Modemacher, im Wahlkampf als Fürsprecher für den von den Wählern verlassenen Gerhard Schröder. Dazwischen verriet er noch eben, dass er seinen ersten Sex mit 22 gehabt habe, und am 22. Dezember 2005 machte die "Abendzeitung" mit der denkwürdigen Schlagzeile auf: "Warum Ottfried Fischer nicht Weihnachten feiert."

Vielleicht wird es ja demnächst doch etwas ruhiger um den Schauspieler - und er findet zu alten Qualitäten zurück. Nach der Trennung von seiner Frau wolle er sich nun in München eine Wohnung nehmen und in sich gehen, ließ er in den vergangenen Tagen die Boulevardzeitungen wissen. Nachdem Ottfried und Renate Fischer inzwischen fast nur noch über "Bild", "Abendzeitung" und "tz" miteinander verkehrten, ist auf Renate Fischers Anrufbeantworter nun die Bitte zu hören, man möge doch Verständnis haben, dass sie zu Stellungnahmen zu ihrer privaten Situation nicht zur Verfügung stehe. Und der Schauspieler selbst sagt, als SPIEGEL ONLINE ihn zu dem Medienzirkus befragen will, ausnahmsweise mal - nichts. Er habe leider überhaupt keine Zeit. Eine Antwort, die schon fast zuversichtlich stimmt. Man wünscht gute Besserung.



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