Flucht aus Moskau: "Arctic Sea"-Experte fürchtet um sein Leben

Von , Moskau

Drohung per Telefon: Nachdem ihm Unbekannte die Flucht aus Russland nahegelegt haben, hat sich der Seefahrtsexperte Michail Wojtenko in die Türkei abgesetzt. Er fürchtet einen Anschlag - und wittert hinter dem Verschwinden der "Arctic Sea" ein Geheimdienstkomplott.

Furcht vor Geheimdienst: "Arctic Sea"-Experte flieht aus Russland Fotos
REUTERS

Moskau - "Ich habe einen Anruf bekommen", berichtet Michail Wojtenko atemlos am Telefon: "Eine Drohung war es nicht - eher eine Warnung. Ein Mann sagte mir, 'Michail Dmitrijewitsch, Sie haben sich in der Affäre um die 'Arctic Sea' eingemischt. Aber jetzt reicht es uns mit den Skandalen.'"

Die Leitung knarzt - Wojtenko ist aus Russland geflohen und hat sich in die Türkei abgesetzt, die Telefonverbindung nach Istanbul ist schlecht. Drei bis vier Monate, so habe ihm der unbekannte Anrufer nahegelegt, solle er sich lieber nicht in Russland sehen lassen.

Wojtenko, der während des zeitweiligen Verschwindens des Holzfrachters "Arctic Sea" mitsamt 15 russischen Seeleuten zu medialer Bekanntheit gelangte, fürchtet um sein Leben.

Kaum war seine Flucht öffentlich bekannt geworden, ging auch Wojtenkos Web-Seite zeitweise vom Netz. Dort verlautbarte sein Arbeitgeber noch am Freitag, der Seefahrtsexperte und Chefredakteur des Branchendienstes "Morskoj Bulletin - Sowfracht" habe seinen Rücktritt aus freiem Willen eingereicht: Wojtenko sei es leid, "alle zu belügen", hieß es kryptisch zur Begründung.

Sechs Wochen nach dem mysteriösen Piratenüberfall in der Ostsee ist der Fall "Arctic Sea" um ein weiteres Rätsel reicher.

Boden-Luft-Raketen für Iran an Bord?

Noch sind die Details der Odyssee des Schiffs über Ostsee, Nordsee und Atlantik unbekannt. Zwar spürten russische Marineverbände das Schiff an den Kapverdischen Inseln auf. Unklar ist jedoch noch immer, warum die mutmaßlichen Piraten das Schiff überfielen. Wollten sie Lösegeld? Oder waren etwa Drogen oder gar Nuklearmaterial an Bord, wie die russische Journalistin Julia Latynja mutmaßte?

Einem Bericht der "Salzburger Nachrichten" zufolge hatte der Frachter gar hochmoderne Boden-Luft-Raketen für Iran an Bord. Eine aus russischen Militärangehörigen bestehende Mafia-Gruppe habe mit dem Land eine entsprechende Vereinbarung getroffen, berichtete das Blatt am Freitag. Demnach wurden die Waffen vom Typ S-300 bei einer Reparatur des Schiffes in der russischen Exklave Kaliningrad an Bord gebracht. Der Jerusalem-Korrespondent des Blattes beruft sich dabei auf "gut informierte israelische Quellen", die in engem Kontakt mit westlichen Geheimdiensten stünden.

Russland entschied demnach, den Frachter zu stoppen, nachdem der Geheimdienst des Landes von einem westlichen Nachrichtendienst Informationen über die Vereinbarung zwischen Iran und der Mafia-Gruppe erhielt. Dies erkläre, warum die angeblichen Piraten bei dem Überfall auf das Schiff ein so großes Risiko eingegangen seien.

Die Zeitung führte außerdem an, dass Russland nach der Befreiung des Frachters vor den Kapverden zwei große Transportflugzeuge dorthin geschickt habe, obwohl nur 14 Besatzungsmitglieder und acht mutmaßliche Entführer nach Moskau gebracht werden mussten.

Auch Wojtenko spekulierte öffentlich über eine weitere Fracht neben dem offiziell geladenen Holz im Wert von rund einer Million Euro: Waffen etwa für afrikanische Kriegsherren.

Wojtenko berichtete täglich mehrfach über den verschollenen Frachter, über Gerüchte und die Entwicklungen während der Suche. Nachrichtenagenturen griffen seine Geschichten auf, große Fernsehanstalten holten seine Expertise ein.

Immer wieder sorgten seine zum Teil spektakulären Nachrichten für Aufsehen: So vermeldete er unter Berufung auf eine Vertrauensperson im russischen Verteidigungsministerium am 13. August, die russische Fregatte "Ladnij", die auf Order des Präsidenten Dmitrij Medwedew nach den Vermissten suche, verfolge ein Schiff, dass der "Arctic Sea" gleiche. Doch Moskau dementierte umgehend.

Mit Nachdruck stritt Alexander Karpuschin, Russlands Botschafter auf den Kapverden, dann allerdings auch die kolportierte Sichtung der "Arctic Sea" unweit des Inselstaates am 15. August ab. "Diese Information hat sich nicht bestätigt", sagte der Diplomat. Zwei Tage später meldete gleichwohl Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow triumphierend, die russische Marine habe die "Arctic Sea" gefunden und aufgebracht - und zwar nur 480 Kilometer von dem Atoll im Atlantik entfernt.

"Das ist doch nichts weiter als Russophobie"

"Spezialkräfte unserer Armee haben den Frachter nachts geentert und die Piraten überwältigt", schilderte der russische Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin die Befreiungsaktion im SPIEGEL, wischte jedoch gleichzeitig Berichte über Waffen im Laderaum der "Arctic Sea" beiseite. "Das ist doch nichts weiter als Russophobie", polterte der Diplomat. Russische Sicherheitskräfte hätten nichts Auffälliges an Bord gefunden.

Dennoch gibt es auch in Russland Zweifel daran, dass der Frachter lediglich finnische Hölzer nach Algerien transportieren sollte. "Wir schließen keine Variante aus", sagte der russische Chefermittler Alexander Bastrykin der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta". Die "Arctic Sea" werde auch deshalb in den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk geschleppt, um dort weitere Ermittlungen anzustellen.

Auch die estnischen Behörden ermitteln. Sechs der acht mutmaßlichen Seeräuber, die auf der "Arctic Sea" von russischen Soldaten festgenommen wurden, lebten zuletzt in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Die Verdächtigen gaben an, als Umweltschützer vor der schwedischen Küste unterwegs gewesen zu sein, als sie am 24. Juli in Seenot von der "Arctic Sea" gerettet wurden.

Der Kapitän der "Arctic Sea" und drei weitere Crew-Mitglieder befinden sich noch an Bord des Frachters. Elf Seeleute wurden in Moskau vom Inlandsgeheimdienst FSB verhört, erst Ende August konnten ihre Angehörigen sie wieder in die Arme schließen.

"Der Anrufer hat sich nicht vorgestellt - das brauchte er auch gar nicht"

Michail Wojtenko jedenfalls glaubt, jemand habe das Verschwinden der "Arctic Sea" vertuschen wollen, er selbst habe als Erster das Schicksal des Schiffes öffentlich gemacht. Tatsächlich veröffentlichte Wojtenko schon am 8. August einen Text und fragte: "Ist die 'Arctic Sea' spurlos im Atlantik verschwunden?"

Wojtenko ist davon überzeugt, dass es Geheimdienstkreise sind, die ihm die telefonische Warnung zukommen ließen. "Der Anrufer hat sich nicht vorgestellt - aber das brauchte er auch gar nicht", sagte Wojtenko. Er habe auch so verstanden, mit wem er es zu tun habe.

Wojtenko sei offenbar psychisch verwirrt, keilte dagegen Nato-Botschafter Rogosin gegen den Exilanten. Wenn ihn überhaupt jemand angerufen habe, dann sei das vermutlich "sein behandelnder Arzt" gewesen, sagte Rogosin einem Radiosender.

Andrej Soldatow, Chefredakteur der Seite Agentura.ru und Geheimdienstexperte, bezweifelt ebenfalls Wojtenkos Version. Der "Moscow Times" sagte er, ein solcher Anruf aus Geheimdienstkreisen sei "sehr, sehr seltsam". Die Darstellung des bedrohten Seeexperten deute eher auf Waffenhändler-Kreise hin. Die russischen Sicherheitsdienste jedenfalls, ist sich Soldatow sicher, hätten kaum zum Telefonhörer gegriffen. Sie wären persönlich bei Wojtenko aufmarschiert.

mit Material von AFP

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