Habseligkeiten von Flüchtlingen Was packst du ein, wenn du fliehst?

Rosenkranz, Handy-Ladegerät, Zahnbürste: Viele Flüchtlinge haben kaum noch etwas bei sich, wenn sie Europa erreichen. Für das International Rescue Committee haben sie auf Lesbos die Taschen geöffnet.

Gepäck von Omran, sechs Jahre alt, aus Syrien: Medikamente, Zahnbürste und Süßigkeiten
Tyler Jump/ International Rescue

Gepäck von Omran, sechs Jahre alt, aus Syrien: Medikamente, Zahnbürste und Süßigkeiten


Sie haben ihre Heimat verlassen, Grenzen überquert, haben sich die Füße wundgelaufen und ihr Leben riskiert, um neu anzufangen: 15.000 bis 18.000 Flüchtlinge halten sich derzeit auf der griechischen Insel Lesbos auf, die meisten haben alles hinter sich gelassen für die Hoffnung auf Europa.

Nach Angaben des griechischen Einwanderungsministers Yannis Mouzalas ist die Insel nur für etwa 5000 Flüchtlinge ausgerüstet. Deshalb soll ein Großteil in den kommenden Tagen aufs Festland gebracht werden, Schiffe sollen zudem als provisorische Unterkunft dienen.

Die meisten der Flüchtlinge sind vermutlich Syrer, die vor dem Bürgerkrieg in die Türkei geflohen sind und es von dort auf die nahe gelegene griechische Insel schafften. Viel ist ihnen nicht geblieben, oft nur kleine Taschen, die sie auf der strapaziösen Reise gerettet haben.

Das International Rescue Committee, eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Kriegsopfer, hat einige Flüchtlinge auf Lesbos gebeten, ihre Taschen für sie zu öffnen. Eine Mutter, ein Kind, ein Teenager, ein Apotheker, ein Künstler und eine Großfamilie zeigten ihre letzten Habseligkeiten und erzählten der Hilfsorganisation die Geschichten ihrer Flucht.

Ein Teenager: Iqbal ist 17 Jahre alt und kommt aus Kunduz in Afghanistan. Auf seiner Flucht reiste er nach Iran und dann zu Fuß weiter in die Türkei. Jetzt ist der Teenager auf Lesbos und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er hat Kontakt zu einem Freund, der es schon nach Deutschland geschafft hat. Außerdem hat er einen Bruder, der in Florida studiert.

Iqbal ist ein brauner Rucksack geblieben. Darin eine Hose, ein T-Shirt, ein Paar Socken und Schuhe. Shampoo, Haargel, Zahnbürste und Zahnpasta, eine Creme zur Gesichtsaufhellung, einen Kamm, einen Nagelknipser, 100 Dollar, 130 türkische Lira, ein Smartphone, ein weiteres Handy zur Sicherheit und SIM-Karten für Afghanistan, Iran und die Türkei. Iqbal hätte am liebsten helle Haut und Haare, um nicht als Flüchtling erkannt zu werden. "Ich denke immer, jemand wird mich erkennen und die Polizei rufen, weil ich illegal hier bin."

Ein Apotheker: Dieser 34-Jährige will seinen Namen nicht verraten. Als der Krieg in Syrien ausbrach, erinnerte sich sein Vater an die gute Zeit in Deutschland, wo er acht Jahre gelebt und als Mediziner gearbeitet hatte. Der Sohn schöpfte Hoffnung aus dieser Geschichte und floh mit der Familie in die Türkei. Dort traf er einen Schmuggler, der den Weg nach Europa organisierte. Seine Eltern und die Schwester musste er in der Türkei zurücklassen.

Mit dieser schwarzen Umhängetasche bestieg der Syrer ein überfülltes Schlauchboot nach Griechenland. Der Inhalt: wasserdicht verpacktes Geld, ein altes Handy, das nass geworden ist und nicht mehr funktioniert, ein Smartphone, Ladekabel, Kopfhörer und eine externe Festplatte mit 16 GB, auf der Familienfotos sind. "Ich dachte, wenn ich auf diesem Boot sterbe, dann wenigstens mit den Fotos meiner Familie bei mir."

Ein Kind: Omran ist sechs Jahre alt und kommt aus Damaskus in Syrien. Er ist mit seiner fünfköpfigen Familie auf dem Weg nach Deutschland. Dort können sie bei Verwandten wohnen.

Omrans Gepäck ist ein blauer Kinderrucksack mit einem gelben Bärchen darauf. Seine Eltern wussten, dass sie die Flucht durch Wälder führen würde, um nicht entdeckt zu werden. Deswegen packten sie viele Medikamente ein. Neben einer Hose und einem T-Shirt sind in dem kleinen Rucksack auch eine Spritze, Bandagen, verschiedene Salben und Tabletten, Seife, Zahnbürste und Zahnpasta. Außerdem Marshmallows und süße Sahne - Omrans liebste Süßigkeiten.

Eine Mutter: Aboessa aus Damaskus ist 20 Jahre alt und mit ihrem Mann und der zehn Monate alten Tochter Doua auf der Flucht. Sie entkamen während heftiger Kämpfe aus dem Flüchtlingslager Jarmuk, südlich von Damaskus. Nachdem sie die türkische Grenze überquert hatten, machte sich die Familie in einem Schlauchboot auf die gefährliche Reise zur europäischen Küste. Fast wären sie von der türkischen Polizei zur Umkehr gezwungen worden.

Das meiste in Aboessas Handtasche ist für ihre Tochter - um sie gegen Krankheiten zu schützen. Ein rosafarbener, geblümter Sonnenhut, verschiedene Medikamente, eine Flasche steriles Wasser und ein Glas Babynahrung. Außerdem Servietten zum Windelnwechseln, ein Paar Babysocken, Sonnencreme, Salbe gegen Sonnenbrand, persönliche Dokumente (wie der Impfpass des Kindes), eine Geldbörse mit Ausweis und Geld, ein Handy-Ladegerät und ein gelbes Haarband.

Ein Künstler: Nour ist 20 Jahre alt und kommt aus Syrien. Er liebt Musik und Kunst, in der Heimat spielte er sieben Jahre lang Gitarre und malte. Als in seiner Nähe Bomben detonierten und Schüsse fielen, nahm der junge Mann die wichtigsten Sachen und verließ seine Heimat in Richtung Türkei.

Seine Habseligkeiten rufen bei Nour bittersüße Erinnerungen an die Heimat hervor. In der kleinen schwarzen Tasche, die er an der Hüfte trägt, sind viele Geschenke. Ein Rosenkranz - von einem Freund. Nour lässt nicht zu, dass das Kreuz den Boden berührt. Eine Uhr - von seiner Freundin, sie ist während der Reise kaputtgegangen. Die syrische Fahne, ein Palästina-Anhänger, ein hölzernes und ein silbernes Armband und die Gitarren-Plektren - das alles sind Geschenke von Freunden. Außerdem hat er ein Handy, eine syrische SIM-Karte, seinen Ausweis und ein T-Shirt dabei.

Eine Familie: Sie kommen aus Aleppo in Syrien und haben alles verloren. Eigentlich hatte auf der Flucht jedes Familienmitglied zwei Taschen dabei. Doch auf dem Weg nach Griechenland begann ihr Boot zu sinken. Sieben Frauen, vier Männern und 20 Kindern blieben ihr Leben und eine Tasche.

In diesem letzten Gepäckstück, das die Großfamilie retten konnte, sind eine Jeans, ein T-Shirt, ein paar bunt karierte Kinderschuhe, ein kleiner Kulturbeutel, eine Windel, zwei kleine Packungen Milch und Kekse. Außerdem persönliche Dokumente, Geld, Damenbinden und ein Kamm. Das International Rescue Committee zitiert ein Familienmitglied: "Ich hoffe, wir sterben. Dieses Leben ist nicht mehr lebenswert. Alle haben uns die Tür vor der Nase zugeschlagen, es gibt keine Zukunft."

Hassan, 25, ist nicht mal eine Tasche geblieben. "Sie haben uns gesagt, wir könnten nur zwei Dinge mitbringen: ein extra T-Shirt und eine Hose."

Das karierte Hemd und die schwarze Hose auf der Wäscheleine sind alles, was Hassan noch besitzt.

fia/rtr

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