Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Versenktes Flüchtlingsboot vor Malta: "Die Schleuser lachten"

Nach dem Flüchtlingsdrama vor Malta haben sich Augenzeugen gemeldet. Demnach schauten die Schlepper zu, wie die Menschen im Wasser ertranken.

Ein syrischer Flüchtling zeigt auf Malta ein Bild seiner Tochter, die auf der Überfahrt starb Zur Großansicht
DPA

Ein syrischer Flüchtling zeigt auf Malta ein Bild seiner Tochter, die auf der Überfahrt starb

Rom - "Es ist eine beispiellose humanitäre Krise", twitterte Carlotta Sami von der Uno-Flüchtlingsbehörde UNHCR, kurz nachdem vor der Küste Maltas geschätzt 500 Menschen ertrunken waren.

"Das sind keine Unfälle, das sind Morde", sagte ein Sprecher von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström. Da hatte die Internationale Migrantenorganisation IOM gerade berichtet, dass Schlepper das Boot mit den Migranten absichtlich versenkt hatten. Europa werde der IOM bei ihren Nachforschungen helfen, "aber angesichts so skrupel- und erbarmungsloser Schlepper gibt es wenig, was wir tun können", so Michele Cercone.

Man habe in den vergangenen Jahren alles unternommen, um Italien zu helfen, das "von 2007 bis 2020 eine Milliarde Euro für den Grenzschutz erhalten hat und erhalten wird", so der Sprecher weiter. Das sehen Kritiker der EU-Flüchtlingspolitik allerdings anders. Italien fühlt sich seit Langem im Stich gelassen; die auf Abschottung basierenden Maßnahmen der EU haben sich als wenig effizient erwiesen.

Nach dem Untergang des Schiffes im Mittelmeer konnten Rettungskräfte gerade einmal zehn Überlebende retten. Zudem seien drei Leichen entdeckt worden, teilte IOM in Rom unter Berufung auf Angaben aus Italien, Malta und Griechenland mit. Demnach wurden zwei der Überlebenden nach Malta gebracht, sechs nach Kreta und zwei weitere nach Sizilien.

Zwei 27 und 33 Jahre alte palästinensische Überlebende hatten berichtet, das Flüchtlingsschiff mit Menschen aus Syrien, Ägypten, dem Sudan und den Palästinensergebieten sei am 6. September in Ägypten aufgebrochen. Während der Fahrt hätten die Passagiere mehrmals das Boot wechseln müssen. Als sie sich am Mittwoch geweigert hätten, in ein noch kleineres Boot zu steigen, hätten die wütenden Schleuser das Schiff absichtlich gerammt. Vor Malta sei das Schiff dann untergegangen. Die beiden Palästinenser wurden am folgenden Tag von einem Frachter gerettet.

Für 2000 US-Dollar in den Tod

Die IOM hat nach eigenen Angaben jetzt weitere Überlebende des Unglücks befragt. Sie bestätigten die Version der beiden Palästinenser. Dreimal hätten sie das Boot wechseln müssen, beim vierten Mal sei die Situation eskaliert. "Nachdem sie unser Boot gerammt hatten, warteten sie, um ganz sicher zu sein, dass es komplett gesunken war, bevor sie wegfuhren. Sie lachten dabei." Ein Passagier habe sich vor Verzweiflung erhängt, so der Augenzeuge laut IOM.

Von den sechs Überlebenden sind fünf außer Lebensgefahr. Ein etwa zweijähriges Mädchen schwebte am Dienstag weiter in Lebensgefahr. Ein anderes kleines Mädchen war im Rettungshubschrauber auf dem Weg nach Kreta in der Nacht zu Samstag gestorben.

Vier Tage lang waren die Migranten unterwegs, unter den Passagieren sollen um die hundert Kinder gewesen sein. Für die Überfahrt sollen die Flüchtlinge etwa 2000 US-Dollar bezahlt haben.

Am Sonntagabend war vor Libyen ein weiteres Flüchtlingsboot mit 200 Insassen gesunken, von denen nur 36 gerettet werden konnten. "Die Zahl der Menschen, die vor den Küsten Europas sterben, ist schockierend und inakzeptabel", sagte IOM-Generaldirektor William Lacy. Allein in diesem Jahr rechnet man mit 3000 Opfern.

Laut Angaben eines palästinensischen Behördenvertreters stammten Dutzende der Insassen aus dem Gaza-Streifen. "Wir haben Informationen, dass 15 (Palästinenser) ertrunken sind und Dutzende weitere vermisst werden, nachdem sie versuchten, nach Italien zu gelangen", sagte Fajes Abu Eita, ein im Gaza-Streifen ansässiger Sprecher der Fatah-Partei. "Die schlechten Lebensbedingungen der Palästinenser zwingen die Menschen auszuwandern."

  • Spanien-Marokko, Griechenland-Türkei, Ungarn-Serbien: Orte entlang dieser drei Grenzen zeigen, mit welch rabiaten Methoden sich Europa gegen Arme und Schutzsuchende abschottet. SPIEGEL-Reporter Maximilian Popp und Fotograf Carlos Spottorno reisten zu Schutzzäunen und in Auffanglager, sie begleiteten Patrouillen auf See und trafen Flüchtlinge, die alles riskieren für eine Zukunft in Europa.
  • Hier kommen Sie zum Multimedia-Spezial.

ala/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: