Flüchtlinge in Marokko Der Berg der Verzweifelten

Auf dem Berg Gourougou leben Hunderte Afrikaner, sie haben Melilla im Blick, die spanische Exklave an der Küste Marokkos. Ein massives Bollwerk macht ihren Traum von der Flucht fast unmöglich, doch sie geben nicht auf. SPIEGEL TV hat sie besucht.

Andreas Lünser/ SPIEGEL TV

Viele Male schon ist Ibrahim vom Berg Gourougou hinabgestiegen, hat sich auf den Weg gemacht zu den weißen Häusern von Melilla, die er jeden Tag von der Höhe aus sehen kann. Und ebensoviele Male kehrte er zurück auf den Berg, zurück zu den anderen Afrikanern, die sich dort in den schwer zugänglichen Wäldern für ihren Sprung in ein besseres Leben bereithalten.

Der Berg liegt nur wenige Hundert Meter entfernt von der spanischen Stadt, einer Exklave an der nordafrikanischen Küste. Es ist die einzige Landgrenze zwischen Europa und Afrika. Und kaum ein Übergang dürfte schwerer zu überwinden sein: Ein dreifacher Zaun, sechs Meter hoch und mit Stacheldraht versehen, trennt hier von dort. Auf der einen Seite wacht marokkanisches Militär, auf der anderen die Guardia Civil.

Auf dem Berg Gourougou leben Hunderte afrikanische Flüchtlinge - zum Teil schon seit Jahren. Sie alle warten auf eine Gelegenheit zu einem Massenansturm auf das Bollwerk. So wie Ibrahim. Der Mann aus Kamerun wurde bisher jedes Mal von der spanischen Guardia Civil festgehalten und nach Marokko zurückgeschickt. "Ich werde es auf jeden Fall wieder probieren, und wenn ich dabei sterbe. Denn wenn ich nichts riskiere, ist mein Leben schon jetzt zu Ende", sagt er.

Andere, die den marokkanischen Soldaten in die Hände fielen, berichten davon, wie sie brutal zusammengeschlagen wurden. Abdul zum Beispiel, ebenfalls aus Kamerun: Seit drei Monaten liegt er in einem Verschlag aus Decken und Planen, bewacht von seinem Bruder Mohammed. "Die Marokkaner haben mit großen Knüppeln auf ihn eingeschlagen, dabei brach sein rechtes Bein. Ich hoffe, Abdul wird schnell gesund, dann werden wir es wieder probieren."

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Flüchtlinge in Marokko: Gegen alle Widerstände
Zwischen Platanen und Felsen schwingen sich einige Verletzte auf Krücken über den sandigen Boden. Ob sie stark genug sind für einen neuen Massenansturm? Omar ist skeptisch. Der 22-jährige Senegalese zeigt seine aufgerissenen Hände. Die Wunden sind entzündet, doch medizinische Hilfe gibt es hier oben nicht. Er habe sich die Hände am Stacheldraht verletzt, sagt er. "Jetzt tut es sehr weh. Aber immer noch besser, als wenn ich mir irgendetwas gebrochen hätte."

"Das hier ist die Hölle für mich"

Wasser und Lebensmittel schaffen die Flüchtlinge zu Fuß auf den Berg. Eine Tour dauert zwei bis drei Stunden. Das Essen müssen sich die Afrikaner in den umliegenden Dörfern erbetteln, Geld hat hier keiner. "Das meiste sind weggeworfene Lebensmittel, die wir auf dem Müll finden", sagt ein Mann, der verwelkte Zwiebeln und schimmelige Karotten über einem Feuer brät.

Chuks Okoye aus Nigeria hat es besonders hart erwischt. Der 35-Jährige hat eigentlich eine gültige Aufenthaltserlaubnis für den Schengen-Raum, eine Familie und einen Job als Kellner in Spanien. Er kam nach Marokko, weil er seine Mutter in Rabat sehen wollte. Im Taxi habe er seinen Pass verloren, erzählt er, und damit das Recht, nach Europa zurückzukehren. In der nigerianischen Botschaft in Marokkos Hauptstadt Rabat konnte man ihm lediglich ein Papier ausstellen, das als Passersatz dient. Doch damit wollen ihn die Marokkaner nicht über die Grenze lassen.

Fünfmal habe er die marokkanische Polizei an der Grenze gebeten, mit den Spaniern sprechen zu dürfen, sodass sie seine Fingerabdrücke überprüfen könnten. Doch sie ließen ihn nicht. "Das hier ist die Hölle für mich", sagt Okoye. Jetzt will auch er es über den Zaun versuchen.

Wer von den Marokkanern beim Fluchtversuch erwischt wird, landet oft in Rabat, rund 500 Kilometer entfernt. Hierhin werden sie gebracht, und hier sind sie sich selbst überlassen. Sie betteln auf den Straßen der Hauptstadt. So wie die Schülerin Esther aus Nigeria. Im Arm trägt sie ein kleines Baby. Vor zwei Jahren verließ die 21-Jährige zusammen mit anderen Flüchtlingen ihre Heimat. "Wir sind durch die Wüste gekommen. Dort wurden wir von einer Gruppe von Männern überfallen. Sie haben mich und alle anderen Frauen vergewaltigt. Vor zwei Monaten brachte ich dieses Baby zur Welt", so Esther. Sie gab ihrer Tochter den Namen Choice. "Denn", so sagt sie, "ich hatte keine Wahl."


Mehr zu den Flüchtlingen sehen Sie im SPIEGEL TV Magazin, 22 Uhr bei RTL.



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Seite 1
kimba_2014 25.05.2014
1. optional
Unterschwellig wird hier wieder Stimmung gegen jene Europäer gemacht, die nicht ganz Afrika einwandern lassen wollen. Natürlich kann man die Motive der Afrikaner verstehen, aber es ist einfach nicht machbar, hunderte Millionen Afrikaner nach Europa zu lassen. Da helfen auch traurige Einzelschicksale nichts.
Quotozekletetzquohumq 25.05.2014
2. Warum Europa?
Ist Afrika als Kontinent nicht groß genug, um diesen Menschen in irgend einem anderen dortigen Staat ein neues Zuhause zu bieten? Dort, wo es umfassende sprachliche, kulturelle und auch klimatische Schnittmengen mit dem Heimatland gibt, die einem Neuanfang förderlich sind? Warum gerade Europa? Lediglich ein Schelm wird an das hiesige Sozialsystem denken...
spieglingjoe 25.05.2014
3. optional
Neben Melilla, gibt es noch Ceuta als Grenze zwischen der EU und Afrika. Ausserdem verstehe ich diese LEute nicht, wenn sie die Jahre die sie auf dem Berg verbringen nutzen würden sich zu bilden und in ihren Heimatländern voran zu kommen, könnten sie völlig legal und hoch willkomen in die EU einwandern. Aber nein, das wäre zu einfach. Selbst wenn sie es illegal in die EU schaffen, was dann?
benk23 25.05.2014
4. Petition - Hilfe für die Menschen auf Gourougou
Hallo, ich war vor kurzem selbst auf dem Berg und habe nun eine Petition gestartet, in der die UN aufgefordert wird, etwas gegen die Zustände auf dem Berg zu unternehmen. Ich würde mich über jede Unterschrift freuen. Es bleibt anzumerken, dass die Petition keinesfalls fordert, die Tore zu Europa zu öffnen. Es geht lediglich darum, die Lebensumstände für die Menschen auf dem Berg zu verbessern. Außerdem muss von Seiten der UN und natürlich der EU Druck auf die marokkanischen Behörden gemacht werden, die Schikanen gegen die Menschen zu unterlassen. Hier die Petition: http://bit.ly/1f1v9bu
HaioForler 25.05.2014
5.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40952573.html Der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati über die schädlichen Folgen der westlichen Entwicklungspolitik, korrupte Herrscher und aufgebauschte Horrormeldungen aus Afrika. "SPIEGEL: Wäre Afrika überhaupt in der Lage, seine Probleme selbst zu lösen? Shikwati: Natürlich. In kaum einem Land südlich der Sahara müsste tatsächlich gehungert werden. Zudem sind reichlich Bodenschätze vorhanden: Öl, Gold, Diamanten. Afrika wird stets nur leidend dargestellt, dabei sind die meisten Zahlen maßlos übertrieben. _In den Industrienationen wird immer der Eindruck erweckt, ohne Entwicklungshilfe würde Afrika untergehen. Aber glauben Sie mir: Afrika hat es schon vor euch Europäern gegeben. Und es ging uns gar nicht so schlecht_."
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