Flüchtlinge in Privatwohnungen "Ab heute reden wir nur noch Deutsch"

Die Heime sind überfüllt, nun sollen Flüchtlinge vermehrt in Privatwohnungen unterkommen. Das ist günstiger - trotzdem gibt es Widerstände.

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Geschafft! Diese syrische Familie lebt in einer eigenen Wohnung
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Geschafft! Diese syrische Familie lebt in einer eigenen Wohnung


Ein kleines Studentenzimmer im ersten Stock, nachmittags scheint die Sonne hinein. Amir S. darf nun endlich auch offiziell hier wohnen. Als er im Juli in die Bonner WG einzog, musste er seinen neuen Wohnsitz geheim halten. Denn Amir ist Flüchtling. Anfang des Jahres verließ er Syrien, weil er in der Armee des Assad-Regimes nicht dienen wollte.

Der Weg zu seiner ersehnten Bleibe war lang: Erst teilte sich Amir in einer nordrhein-westfälischen Flüchtlingsunterkunft mit drei anderen Männern monatelang ein Zimmer, mit zwanzig ein Bad. Der Umzug nach Bonn bedeutete einen Wechsel des Landkreises - behördlich verboten. Amir ging trotzdem, der Syrer hatte sich dort Sprachkurse und ein Praktikum organisiert. Jetzt ist sein Asylantrag anerkannt worden. Nur noch wenige Formalitäten, dann kann der 25-Jährige, dessen Name im Text geändert wurde, ganz unbesorgt zum Einwohnermeldeamt gehen.

Raus aus der Gemeinschaftsunterkunft, rein in Privatwohnungen oder WGs - kann das ein Weg sein, die überfüllten Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland zu entlasten? Der Betrieb von Massenunterkünften ist schließlich nicht nur teuer für die Kommunen, die Kasernierung der Flüchtlinge auf engstem Raum provoziert auch soziale Probleme. Dennoch polarisiert das Ansinnen, ehrenamtliches Engagement trifft auf heftige Vorurteile. Zudem stehen vielerorts bürokratische Hürden im Weg.

Andrea Kothen, Referentin bei der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, appelliert, mehr Aufwand für Einzelvermittlung zu betreiben: "Natürlich ist es einfacher, 100 Flüchtlinge auf einen Schlag in einem Wohnheim unterzubringen, als für jeden individuell eine Wohnungslösung zu finden." Dabei sei es für die Integration der Menschen viel besser, mitten in der Gesellschaft zu wohnen, als in einem Heim. Wer wie Amir als Flüchtling anerkannt wird, kann seinen Wohnsitz innerhalb Deutschlands frei wählen. Ob auch jene Flüchtlinge die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen dürfen, deren Asylverfahren noch läuft, ist aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt.

Video: Ein beschlagnahmtes Haus in Berlin wird zur Flüchtlingsunterkunft

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In Bayern sollen Asylbewerber ganze vier Jahre in den Gemeinschaftswohnheimen bleiben, nur für Familien wurde die Regelung gelockert. Ein umstrittener Sonderweg, dazu ein teurer: Der bayerische Flüchtlingsrat hat ausgerechnet, dass das Land jährlich fast 14 Millionen Euro einsparen könnte, wenn es alle Flüchtlinge in Wohnungen statt in Wohnheimen unterbrächte. Grund: In Heimen entstehen hohe Kosten für Instandhaltung und Personal, etwa für Hausmeister und Wachdienste.

Fragwürdig bleiben auch die Motive für die Unterbringung in Wohnheimen: Noch bis 2013 stand im bayerischen Asylgesetz, die Unterbringung in Lagern solle "die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern" - dann wurde der umstrittene Satz gestrichen. Auf Integration statt Abschreckung setzt dagegen Rheinland-Pfalz. Hier lebt ein Großteil der Asylbewerber in Privatwohnungen, 2014 waren es über 90 Prozent. Die meisten haben ihre eigene, abgetrennte Wohnung. Die Miete wird von den Kommunen übernommen.

In Deutschland stehen 1,7 Millionen Wohnungen leer

Bereits seit 2002 praktiziert die Stadt Leverkusen das "Leverkusener Modell", das heute manchen Kommunen als Vorbild gilt. Flüchtlinge dürfen hier selbstständig auf Wohnungssuche gehen - unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Die Miete zahlt die Stadt. "Der Flüchtling gilt nicht mehr als Problem in einer Problemunterkunft, sondern als ganz normaler Nachbar", sagt Rita Schillings vom Leverkusener Flüchtlingsrat, der das Modell zusammen mit Stadt und Caritas auf den Weg gebracht hat. "Wir beraten sie, erklären wie ein Mietvertrag aussieht oder wie man richtig Müll trennt."

Lange Jahre sei das Modell nicht an Kapazitätsgrenzen gestoßen. Die neuen Flüchtlingszahlen aber gefährden den Anspruch der Stadt, private Unterbringung für jeden Flüchtling zu gewährleisten. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl forderte angesichts der Prognosen jüngst massive Investitionen in sozialen Wohnungsbau. Einen anderen Ansatz schlägt das Wirtschaftsberatungsinstitut Empirica vor: Es hat ermittelt, dass in Deutschland 1,7 Millionen Wohnungen leer stehen - vor allem auf dem Land.

Auch Köln bemüht sich, private Mietwohnungen zu vermitteln. Im Projekt "Auszugsmanagement" suchen hier soziale Träger nach Wohnungen für Flüchtlinge. Auf dem freien Wohnungsmarkt bekommen Asylbewerber oft Probleme. Einige Vermieter haben Vorurteile, Sprachprobleme sind eine weitere Hürde. "Für manche finden wir schnell etwas, bei anderen dauert es viele Monate oder gar Jahre", sagt Nahid Fallahi, Leiterin des Kölner Flüchtlingszentrums. Gleichzeitig müssten die Projektmitarbeiter darauf achten, dass sich Vermieter nicht an Flüchtlingen bereichern, indem sie heruntergekommenen Wohnraum anbieten.

Das Kölner Projekt hat in den vergangenen zwei Jahren über 400 Flüchtlinge in Mietwohnungen vermittelt. In letzter Zeit, sagt Fallahi, mehren sich auch Anfragen von Kölnern, die Flüchtlinge direkt in ihrer Wohnung aufnehmen würden. Doch ist so viel Nähe wirklich hilfreich? Die meisten Asylbewerber sehnten sich nach der Zeit im Heim eher nach Privatsphäre, weiß Fallahi. Auch die Leverkusener Kollegin Rita Schillings betrachtet solche Wohnformen mit Skepsis. "Die Flüchtlinge sind oft traumatisiert, manche schreien nachts laut. Ich halte das nur für sinnvoll, wenn man sich schon sehr gut kennt."

"Hysterische Ängste"

Anders sieht das der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt. Er forderte schon im Sommer 2014, die Deutschen sollten Flüchtlinge etwa in leer stehende Kinderzimmer aufnehmen. Bald darauf musste der Politiker das Gästebuch auf seiner Homepage schließen. Es quoll über vor Wutkommentaren. Er erhielt Drohungen per Mail und per Post. "Auch du wirst bald an einer Laterne baumeln", schrieb jemand. Ähnlich wie Patzelt äußerte sich Anfang September die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt. Jemand schrieb ihr: "Ihr löscht das deutsche Volk aus, ihr Verbrecher."

"Solche hysterischen Ängste in der Bevölkerung müssen abgebaut werden", sagt Patzelt. Der 68-jährige Diplom-Sozialpädagoge hat in seinem Haus im Dorf Briesen in Brandenburg selbst zwei junge Flüchtlinge aus Eritrea aufgenommen. "Wir haben die Welt am Küchentisch zu Gast, das ist auch toll für meine Enkelkinder."

Eine, die anpackt, ist Mareike Geiling, die das Internetportal "Flüchtlinge Willkommen" mitgegründet hat, das Flüchtlinge in Wohngemeinschaften vermittelt. "Gerade das Zusammenleben sorgt doch für Integration." Das Projekt bekomme oft von den Unterkünften geeignete Flüchtlinge empfohlen. Bis heute hat es 114 Flüchtlingen einen WG-Platz vermitteln können. Wird die Miete nicht vom Sozialamt übernommen, sammelt das Projekt Mikrospenden, um die Unterbringung zu finanzieren - etwa im Freundeskreis der Wohngemeinschaften. So lief es zunächst auch im Fall von Amir S. der über "Flüchtlinge Willkommen" zu seiner Bonner WG fand.

Jetzt aber ist es bald möglich, Miete vom Amt zu beantragen. Wenn auch seine Studienunterlagen aus Syrien anerkannt werden, kann er sein Pharmaziestudium fortsetzen und in Deutschland Apotheker werden. Fortschritte im Deutschen macht er vor allem im Gespräch mit seinen Bonner Mitbewohnern. "Schluss mit Englisch", sagte er deshalb schon kurz nach seinem Einzug, "ab heute reden wir nur noch Deutsch."

Unterbringung von Flüchtlingen
Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, werden nach einem Quotensystem auf die Bundesländer verteilt. In der Regel wohnen sie dort zuerst für drei Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung, einer großen Unterkunft mit oft mehr als 500 Betten.

In letzter Zeit entstehen notgedrungen auch Zeltlager. Nach Ablauf der drei Monate verteilen die Länder die Flüchtlinge weiter auf die Kommunen, deren Aufgabe die längerfristige Unterbringung ist. Geregelt ist diese in den jeweiligen Flüchtlingsaufnahmegesetzen der Länder.

Die meisten Flüchtlinge landen so ein weiteres Mal in einer Gemeinschaftsunterkunft - im Asylgesetz des Bundes steht, dass Flüchtlinge in der Regel dort untergebracht werden sollen. Dabei bleibt den Ländern aber ein gewisser Spielraum, denn nach dem Gesetz sind dabei "sowohl das öffentliche Interesse als auch Belange des Ausländers zu berücksichtigen". Einige Länder und Kommunen bemühen sich entsprechend, Flüchtlinge möglichst schnell in den privaten Wohnungsmarkt zu vermitteln.

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