Flüchtlingskatastrophe vor Italien Meer der Hoffnung, Meer des Todes

Wieder sind im Mittelmeer überfüllte Flüchtlingsboote gekentert. Hunderte Menschen starben - allein in diesem Jahr sind es bereits weit über 2000, die Dunkelziffer liegt weit höher. Und Europas Politik ist weiter ratlos, zerstritten und verlogen.

Von , Rom

Angehörige der italienischen Marine retten Flüchtlinge im Mittelmeer
AFP

Angehörige der italienischen Marine retten Flüchtlinge im Mittelmeer


Von einem Massenmord berichten zwei junge Palästinenser, die aus Gaza geflüchtet sind, und sich am 6. September im ägyptischen Hafen Damietta an Bord eines Schleuserbootes auf den Weg ins verheißungsvolle Europa gemacht haben.

Unterwegs habe ihr Schiff weitere Passagiere von anderen Schiffen aufgenommen, erzählen sie. Bis sich schließlich etwa 500 Menschen, aus Syrien, Palästina, Ägypten und dem Sudan an Deck drängten, wie in einem Viehtransporter.

Fünf Tage waren sie unterwegs, da tauchten Schleuser mit einem anderen, kleineren Schiff auf und befahlen den Menschen an Bord, auf dieses umzusteigen. Als die sich weigerten, kam es zu Schlägereien. Da rammten die Schleuser mit ihrem leeren Kahn das andere Schiffe so, dass dessen Heck wegbrach und das Boot sank.

Eineinhalb Tage am Rettungsring

Viele Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, ertranken sofort. Andere klammerten sich an allem fest, was auf dem Wasser schwamm. Einer der beiden Palästinenser erwischte einen Rettungsring, zusammen mit sechs anderen Schiffbrüchigen. Er hielt sich eineinhalb Tage fest, die anderen neben ihm verließ nach und nach die Kraft. Der letzte, der versank, war ein Junge aus Ägypten.

Irgendwann fischten Matrosen des Frachters "Pegasus" den Palästinenser, seinen Freund, der dank einer Schwimmweste überlebte, und weitere neun Menschen aus dem Wasser. Die "Pegasus" war auf dem Weg nach Sizilien. An Bord waren bereits über 300 Menschen, die einer anderen Schiffskatastrophe glücklich entkommen waren.

Das Sterben geht weiter. Jede Woche. 2500 Opfer zählt die Statistik in diesem Jahr. Und die erfasst längst nicht alle. Manchmal ist es besonders schlimm, dann regt sich Mitleid in Europa. Aber das ist bald vorbei. Dann gewinnen wieder "Das Boot ist voll"-Sprüche die Oberhand und die Politik verspricht, "den Strom der Flüchtlinge" einzudämmen oder wenigstens die Lasten besser unter den 28 EU-Ländern zu verteilen.

Dabei zeigen Untersuchungen, dass die Migranten den Einwanderungsländern zumindest ökonomisch mehr Vor- als Nachteile bringen. Auch wenn einzelne Einwandererfamilien sich in die Nischen des Sozialstaats kuscheln, insgesamt gilt: Die Zuwanderer zahlen mehr in Sozial- und Steuerkassen ein, als sie kosten, und sie sind langfristig ein Segen für die alternden und schrumpfenden Gesellschaften Europas. Kurzfristig freilich bescheren sie den Aufnahmeländern auch Kosten und Probleme.

Italiens Marine rettet Zehntausende

130.000 Menschen sind seit Jahresbeginn übers Meer nach Europa gekommen, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Die meisten kamen in Italien an und viele überlebten nur dank des Programms "Mare Nostrum" (übersetzt: "Unser Meer"). Mit Flugzeugen, Hubschraubern und Schiffen überwacht die italienische Marine einen weiten Teil des Wassers zwischen ihren und den nordafrikanischen Küsten und ist zur Stelle, wenn Flüchtlingsboote kentern. Dafür gibt Rom neun Millionen Euro im Monat aus.

Auch am vergangenen Wochenende retteten die Schiffe des Militärs wieder fast 3000 Menschen. Aber, das ist die Kehrseite der humanitären Aktionen, nach europäischem Recht hat das Land, in das die Flüchtlinge ihren ersten Schritt in Europa setzen, sich um diese zu kümmern. Asylantrag, Bleiberecht oder Zurückweisung, für alles das ist das "Erstland" zuständig.

370 Millionen Euro, sagen die Italiener, kostet sie in diesem Jahr die Unterbringung der Flüchtlinge. Und eigentlich sei das eine europäische Aufgabe. Denn die meisten, die in Italien ankommen, wollten dort ja gar nicht bleiben. Sie wollten weiter, vor allem nach Deutschland, Frankreich, Schweden oder in die Niederlande. Deshalb will der römische Innenminister Angelino Alfano "Mare Nostrum" jetzt beenden. Die EU soll mit ihrer Mittelmeer-Überwachung "Frontex" den Auftrag übernehmen.

Doch die EU, bedauert die bislang zuständige Kommissarin in Brüssel, die Schwedin Cecilia Malmström, habe weder die nötigen Schiffe noch das Geld. Und außerdem habe die Hilfsaktion der Italiener sogar "den Schleuserverkehr angeheizt". Mit der Aussicht, ihre Passagiere würden notfalls gerettet, hätten die Menschentransporter "noch unsicherere, noch kleinere Boote" auf die Reise geschickt. Vier Millionen Euro könnte sie für Italien locker machen, sagte Frau Malmström. Zynischer geht es kaum.

  • Spanien-Marokko, Griechenland-Türkei, Ungarn-Serbien: Orte entlang dieser drei Grenzen zeigen, mit welch rabiaten Methoden sich Europa gegen Arme und Schutzsuchende abschottet. SPIEGEL-Reporter Maximilian Popp und Fotograf Carlos Spottorno reisten zu Schutzzäunen und in Auffanglager, sie begleiteten Patrouillen auf See und trafen Flüchtlinge, die alles riskieren für eine Zukunft in Europa.
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Vom Nachfolger ist kaum anderes zu erwarten. Der bisherige griechische Verteidigungsminister Dimitris Avramopoulos soll ab 1. November in der Brüsseler EU-Kommission für Innen- und Flüchtlingspolitik zuständig sein. Ausgerechnet ein langjähriges Mitglied der Regierung in Athen. Uno-Flüchtlingsinstitutionen und Menschenrechtler berichten von schlimmsten Zuständen in überfüllten griechischen Flüchtlingslagern, von Gewalt gegen die Migranten, willkürlichen und ungesetzlichen Abschiebungen.

Nach entsprechenden Gerichtsurteilen schieben etliche EU-Länder, darunter Deutschland, derzeit keine Flüchtlinge nach Griechenland ab, auch wenn dies als Ersteinreiseland zuständig ist. Europas Streit über die Flüchtlingspolitik wird weitergehen. Wie das Sterben der Migranten.

Das findet nicht nur an Europas Süd- sondern auch an Afrikas Nordgrenzen statt. Wo meist noch weniger Aufhebens darum gemacht wird. In Libyen, in Ägypten sind die Menschen mit dem eigenen Überleben vollends ausgelastet. Mehrere Schiffskatastrophen sollen sich am vergangenen Wochenende vor der libyschen Küste ereignet haben. Eine Sprecherin des Uno-Flüchtlingskommissars spricht von "mindestens 500 Toten in drei Tagen".

Das bislang letzte Unglücksboot in dieser Serie kenterte am Sonntag mit 250 Menschen an Bord. "Wir haben bis jetzt 36 Personen gerettet", sagte ein Militärsprecher am Abend, zuverlässige neuere Informationen gibt es nicht. Auf dem Boot seien vor allem Afrikaner, in der Mehrzahl Frauen gewesen. Und, fügte der Sprecher hinzu, "viele Leichen treiben auf dem Meer".



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