Ehrenamtlicher Einsatz für Flüchtlinge "Wir machen es, oder niemand macht es"

Aus dem Nichts haben ehrenamtliche Helfer in Berlin einen medizinischen Behandlungsraum für Flüchtlinge aufgebaut. Eine tragende Rolle spielt Ärztin Dinah Laubisch.

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Carsten Koall/ DER SPIEGEL

Es ist heiß, stickig, laut und unglaublich eng in dem kleinen Behandlungsraum in Haus C der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Berlin-Moabit.

In der Ecke steht ein Regal mit gespendeten Medikamenten, "Durchfall" steht auf Klebeband unter einem Fach voller Pillenschachteln geschrieben, "Schmerzen" unter einem anderen. Ein Bündel Krücken liegt unter einem Tisch, der überquillt mit Papieren und Verbandsmaterial.

Hinter zwei Stellwänden untersucht gerade eine Kinderärztin einen erkälteten Säugling, der Vater und ein Übersetzer stehen daneben. Ein junger Mann, dem ein Zahn abgebrochen ist, sitzt auf einem Hocker und wartet geduldig auf seine Behandlung. Eine Ärztin befragt einen hustenden Jungen; ihr Handy ist auf laut gestellt, eine Frau am anderen Ende der Leitung übersetzt das Gespräch.

Die Ärztin Dinah Laubisch drängt sich am vergangenen Mittwoch durch das Gewusel hindurch zum Ausgang. Alle hier kennen die 35-Jährige mit dem Pferdeschwanz und den wachen braunen Augen. "Dinah", spricht sie ein Kollege an, "kriegen wir noch den zweiten Raum? Wir laufen total über!" Laubisch ruft zurück: "Wir haben noch keine Untersuchungsliegen, aber guckt ruhig schon mal rein!"

Sie will noch mehr sagen, doch da klingelt ihr Handy. "Das Auto mit der Spendenlieferung kommt wegen der Nazidemo nicht bis zu uns durch", erklärt sie nach dem Telefonat. Dann schnappt sie sich einen jungen bärtigen Helfer, der gerade vorbeikommt. "Kannst du den Leuten helfen, die Sachen bis zu uns zu tragen?"

Laubisch ist eigentlich Neurologin in einem Berliner Krankenhaus. Doch in den vergangenen vier Wochen hat sie, gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreiter und viel Unterstützung der Bürgerinitiative Moabit hilft, aus dem Nichts die Flüchtlingsbehandlungsstelle aufgebaut - ehrenamtlich und während ihres Urlaubs. Als die erste Koordinatorin, eine erfahrene Sozialmanagerin, wieder ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen musste, übernahm Laubisch vor Ort die Koordination der zahlreichen medizinischen Helfer.

Zerschundene Füße, wunde Babypopos

"Solange die Flüchtlinge nicht registriert sind, existieren sie in Deutschland offiziell gar nicht", sagt Laubisch, während sie zu Haus A hinüberläuft, dem riesigen Betonklotz des Landesamts für Gesundheit und Soziales, Lageso genannt. Hier werden die Flüchtlinge registriert (in unserem Fotoblog können Sie einige von ihnen kennenlernen).

Auf dem staubigen Platz vor Haus A stehen, sitzen und liegen Hunderte Menschen. In den vergangenen Wochen kamen so viele, dass ein Teil der Flüchtlinge jetzt in Notunterkünften registriert wird. Bald soll im ehemaligen Gebäude der Berliner Landesbank die neue, deutlich größere Registrierungsstelle entstehen.

Noch aber müssen viele Flüchtlinge in Moabit in Haus A eine Wartenummer für ihre Registrierung ziehen. Bis sie aufgerufen werden, kann es Tage dauern. Manchmal, berichtet Laubisch, dauere es sogar Wochen - und in dieser Zeit müssen die Menschen sehen, wie sie klarkommen. Anspruch auf eine medizinische Behandlung haben sie in dieser Zeit nur im allergrößten Notfall.

"Aber die Menschen hier haben noch viele andere medizinische Probleme", erzählt Laubisch. Vor vier Wochen seien sie und andere Helfer deshalb mit Einkaufswagen und Kisten voller Verbandsmaterial über den Platz gelaufen. "Der Bedarf war riesig. Wir haben zerschundene Füße verbunden oder schrecklich wunde Babypopos behandelt."

Seit die große Hitze vorbei ist, sind viele der Flüchtlinge erkältet. Manche Flüchtlingsfrauen sind schwanger und völlig erschöpft. Ein großes Problem haben Diabetiker: "Wir können ihnen nicht einfach Insulin zum Selbstspritzen mitgeben, das wäre ohne eine gute Diabetikerschulung zu gefährlich", sagt Laubisch. "Deshalb kommen sie immer wieder mit viel zu hohen Blutzuckerwerten zu uns." Zu früh darf sie den Notarztwagen aber auch nicht rufen, denn die Kosten dafür werden nur bei echten Notfällen übernommen.

Wie krank die Flüchtlinge wirklich sind, werde von den Behörden oft unterschätzt. "Noch bis vor zwei, drei Wochen mussten wir dafür kämpfen, nicht belächelt zu werden", sagt Laubisch. "Erst dann setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass es wirklich einen relevanten Bedarf für unsere Arbeit gibt."

Irgendwann bekamen die Helfer ein staubiges Zelt zur Verfügung gestellt, vor Kurzem dann die Räume in Haus C. Überall auf dem Gelände hängen jetzt Pappschilder mit einem roten Kreuz und einem roten Halbmond, die den Weg zum Behandlungsraum weisen sollen.

"Ich bin keine professionelle Nothilfe-Managerin"

Fast 1000 Ärzte boten per E-Mail und SMS ihre Hilfe an. "Das waren so viele, ich konnte leider gar nicht allen antworten", sagt Laubisch. Hebammen, Krankenschwestern, Medizinstudenten sind ebenfalls vor Ort. Migranten, die schon lange in Berlin sind, oder Flüchtlinge, die auch Englisch sprechen, springen als Übersetzer ein. "Es kommen sogar immer wieder Flüchtlinge, die Arzt sind und ihre Hilfe anbieten", sagt Laubisch.

Zurück am Haus C muss sie sich jetzt schnell um die Spendenlieferung kümmern, die mittlerweile herangeschleppt worden ist. "Eigentlich ist es absurd, dass ich das hier alles organisiere. Ich bin ja nur eine ganz normale Ärztin und keine professionelle Nothilfe-Managerin", sagt sie. "Aber wir standen vor der Wahl: Wir machen es, oder niemand macht es."

Seit Freitag ist endlich eine hauptamtliche Koordinatorin für die medizinische Versorgung vor Ort. An die wird Laubisch nun Schritt für Schritt übergeben. Dafür ist es auch höchste Zeit - Ende September läuft ihr Urlaub aus.

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