Migranten in Spanien Said al Ghoury rettet ein Dorf 

Millionen Migranten machten sich in den vergangenen 20 Jahren nach Spanien auf. Heute können sie die aussterbenden Orte auf dem Land wiederbeleben.

El País

Von "El País"-Redakteurin Laura Delle Femmine


Kleine Ereignisse können manchmal viel bewirken: Am 1. Juli 2015 begrüßte eine Gemeinde im Nordosten Spaniens einen neuen Bürger. Eigentlich ein ganz normaler Umzug - doch er verhinderte das demografische Aus des Dörfchens Visiedo.

"Ich bin gern hier", sagt Said al Ghoury heute. Lächelnd, im Blaumann, die Taschen voller Werkzeug. Vor zwei Jahren suchte der Marokkaner Arbeit. Und Visiedo brauchte Schüler. Al Ghourys Töchter, die zwölfjährige Yassmin und die achtjährige Fidaf, bewahrten die einzige Schule im Dorf vor der Schließung. "Dass Said mit seiner Familie hergezogen ist, war unsere Rettung", sagt Bürgermeisterin María Ángeles Zaera.

An sonnigen Tagen erinnert Visiedo an die kargen Mondlandschaften, die der Westernregisseur Sergio Leone so liebte. Allerdings finden hier weder Pistolenduelle statt noch erklingt Ennio Morricones Soundtrack. Im Dorf sieht man mehr verfallende Backsteinhäuser als Menschen, auf der Straße begegnet einem eher ein Trecker als ein Auto. Von den 136 gemeldeten Einwohnern leben nur ungefähr achtzig tatsächlich im Dorf. Laut Landwirtschaftsministerium ist Aragon, in der Visiedo liegt, mit 9,6 Einwohnern pro Quadratkilometer die autonome Region Spaniens mit der geringsten Bevölkerungsdichte.

Für al Ghoury, 43, ist Visiedo der kleinste Ort, in dem er jemals gelebt hat. Vor zwanzig Jahren kam er aus Tanger nach Barcelona, die Stadt wurde zu seiner zweiten Heimat. Es war die Zeit konstanter Einwanderung, als Spanien Zehntausende Migranten aufnahm: Seit 1998 ist die Zahl der gemeldeten Zuzügler aus dem Ausland um das Zehnfache gestiegen. Das nationale Statistikamt INE meldet eine Zunahme ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung von 1,6 Prozent 1998 auf 12,2 Prozent im Jahr 2016. In absoluten Zahlen sind das 4,6 Millionen Menschen.

Es ist eine gigantische Aufgabe für Europa: Millionen Flüchtlinge müssen integriert werden. Vier internationale Medien beschreiben ihr Leben und untersuchen Perspektiven auf die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Die Familie al Ghoury ist längst nicht mehr die einzige ausländische Familie, die sich in Visiedo niedergelassen hat. Zwei weitere marokkanische Familien leben mittlerweile im Dorf; ihre Kinder gehen mit Yassmin und Fidaf zur Schule. Auch die Nachbargemeinden registrieren Neubürger. In der Provinz Teruel, wo seit Ende der Sechzigerjahre eine kontinuierliche Abwanderung stattfand und die spanische Bevölkerung laut INE seit 1998 von rund 136.000 auf etwa 123.000 Personen zurückging, nahm die Zahl der Migranten im gleichen Zeitraum um fast 14.000 Personen zu.

Der Traum von Europa

Rosario Sampedro erinnert sich noch an die ersten Zuwanderer, die in den Neunzigern zunächst als Saisonarbeiter für die mediterrane Intensivlandwirtschaft in die ländlichen Regionen Spaniens kamen und knapp zehn Jahre später ins Binnenland zogen. "In einigen Gebieten kam es so zu einer Verjüngung der Bevölkerung", sagt die Migrationssoziologin der Universität Valladolid. "Dank der Migranten sehen wir dort wieder Zuzüge und Bevölkerungswachstum. In den abgelegenen Zonen ist die Lage jedoch nach wie vor angespannt." Teruel zählt zu den Provinzen, in der besonders viele Alte leben: Ein Drittel der Bevölkerung ist über sechzig.

Ohne die Wirtschaftskrise wären Said al Ghoury und seine Familie in Barcelona geblieben. "Als ich dort ankam, hatte ich den Traum von Europa", sagt er und lacht. "Aber ich fand keine Arbeit." Nach Aragon gelangte er durch die Initiative einer Stiftung: Das Programm "Neue Wege" fördert den Umzug von Migranten in die verlassenen ländlichen Gemeinden. "Wir wollen die sterbenden Dörfer wiederbeleben", erklärt Vicente Gonzalvo, der Vertreter der Stiftung. "Die gebürtigen Spanier auf dem Land müssen einsehen, dass auch sie profitieren, wenn ihre Gemeinden neue Einwohner gewinnen."

Er will nicht mehr weg

Etwa zwanzig Kilometer von Visiedo entfernt lebt al Ghourys Landsmann Hassan Bellahmama. Die Stille, die seinen Arbeitsplatz umgibt, wird nur vom Blöken der Schafe unterbrochen. Tausend Tiere hütet er Tag für Tag auf den Weiden des 500-Seelen-Nests Alfambra. Mit 19 kam Bellahmama aus seinem Dorf in Kelaa bei Marrakesch nach Spanien. Den Vertrag als Hirte hatte er da bereits in der Tasche. Nach elf Jahren im Land will er nicht mehr weg. Erst kürzlich wurde der Antrag auf Familiennachzug für seine Frau und den anderthalbjährigen Sohn positiv beschieden.

Hassan Bellahmama: die sterbenden Dörfer wiederbeleben
El País

Hassan Bellahmama: die sterbenden Dörfer wiederbeleben

Hassan Bellahmama ist nicht der einzige Bellahmama im Ort: Vor ihm waren schon zwei seiner Brüder nach Alfambra gezogen. Ein weiterer Bruder lebt in Zaragoza. Alle drei sind Hirten. "Es gibt nur wenige Spanier, die diesen Job machen wollen. Die meisten Viehhalter in der Provinz beschäftigen Ausländer", sagt Hassans Chef Pedro José Escusa. Für eine Region, die - so die Zahlen aus dem Landwirtschaftsministerium - 2013 neun Prozent der gesamten Agrarproduktion Spaniens lieferte, ist der Arbeitskräftemangel ein großes Problem. "Seit fünfzehn Jahren arbeiten wir in der Viehwirtschaft mit Migranten." Die meisten Hirten stammen aus Marokko, Pakistan und Rumänien.

Das Dilemma der sterbenden Dörfer: Ohne Bevölkerung gibt es keine öffentlichen Angebote. Und wo es kein Angebot gibt, will niemand leben. "Es ist schwierig", sagt Visiedos Bürgermeisterin Zaera. "Wenn wir wenigstens eine Fabrik oder Ähnliches hätten. So aber können wir nichts bieten und - gleichgültig, wie sehr wir uns bemühen - bestenfalls den Status quo wahren. Wachsen können wir nicht." Zum Glück sind Said al Ghoury und seine Familie im Dorf schon etabliert. Seine Töchter sind in Barcelona geboren und damit Spanierinnen. "Ihre Heimat ist hier", sagt al Ghoury. Er freut sich auf das dritte Kind: Seine Frau ist im siebten Monat mit einem weiteren Mädchen schwanger.

Übersetzung aus dem Spanischen: Lilian-Astrid Geese

Redaktionelle Überarbeitung: Eva Thöne, Maria Feck


Dieser Text erschien zuerst in der spanischen Zeitung "El País" und gehört zur Langzeitserie "The New Arrivals", bei der SPIEGEL ONLINE die syrische Familie Abu Rashed bei ihrem Alltag in Deutschland begleitet und gemeinsam mit "The Guardian", "El País" und "Le Monde" Perspektiven auf europäische Migrations- und Flüchtlingspolitik recherchiert. Das Projekt wird durch das European Journalism Centre (EJC) mit Mitteln der Bill und Melinda Gates Foundation unterstützt. Hier erfahren Sie mehr.

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