Flüchtlingshelferin in Hamburger HafenCity "So kann Integration nicht gelingen"

Christine Simon-Noll engagiert sich in der Hamburger HafenCity für Flüchtlinge. Inzwischen ist es viel schwerer geworden, Helfer zu finden. Hier sagt sie, was für eine gelungene Integration passieren müsste.

Flüchtlingsunterkunft in der HafenCity
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Flüchtlingsunterkunft in der HafenCity

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SPIEGEL ONLINE: Vor zwei Jahren haben Sie die Flüchtlingshilfe HafenCity in Hamburg mitgegründet. Wie ist es heute um das Projekt bestellt?

Christine Simon-Noll: Es ist sehr viel schwieriger geworden, Freiwillige zu finden. Auf unsere Suchanfragen nach Helfern und Helferinnen bekommen wir nur sehr wenig Rückmeldung. Ich würde mir nicht nur wünschen, dass sich wieder mehr Leute in der Flüchtlingsarbeit engagieren, sondern auch, dass jüngere Menschen mitmachen. Wir haben zum Beispiel versucht, Studenten der HafenCity Universität zu gewinnen. Die haben einmal geholfen - und das war es dann.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das Durchschnittsalter der ehrenamtlichen Helfer?

Simon-Noll: Sechzig plus.

Christine Simon-Noll
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Christine Simon-Noll

SPIEGEL ONLINE: War es anfangs auch schon schwierig, ehrenamtliche Helfer zu finden?

Christine Simon-Noll: Nein, gar nicht. Bei der Gründungsveranstaltung waren ungefähr hundert Bewohner des Quartiers, die sich dann für verschiedene Arbeitsgruppen eingetragen haben: Kinderbetreuung, Deutschkurs, Behördengänge zum Beispiel. Es war eine sehr positive Stimmung. Die Menschen wollten auch zeigen, dass im angeblichen Reichenviertel ganz normale Menschen wohnen, die andere unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Und für welche AG hatten Sie sich gemeldet?

Simon-Noll: Ich wollte gerne etwas für Kinder tun, ich habe früher als Erzieherin gearbeitet. Wir haben die Kinderhafen-AG gegründet und spielen, basteln, singen in der hiesigen Unterkunft jeden Montag und Freitag mit den Kindern, während die Mütter im "Deutsch-Café" Deutsch lernen. Mittwochs werden wir unterstützt von Mitarbeiterinnen eines Unternehmens aus der HafenCity, die mit den Kinder spielen und bei Hausaufgaben helfen. Außerdem hat dieses Unternehmen Räume für ein Mutter-Kind-Bildungszentrum gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die rund 700 Flüchtlinge, die im Oktober 2016 in die Containerbauten am Rande der HafenCity zogen, die Angebote der Flüchtlingshilfe angenommen?

Simon-Noll: Die Geflüchteten kamen damals mit Bussen aus Notunterkünften, wir haben sie mit Tee und Gebäck begrüßt. So haben wir uns gegenseitig kennengelernt, und daraufhin wurden unsere Angebote sehr gut angenommen. Manchmal haben wir 30 Kinder gleichzeitig im Gemeinschaftsraum der Flüchtlingsunterkunft betreut.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Simon-Noll: Heute ziehen kontinuierlich Bewohner ein und aus, die können wir nicht einzeln begrüßen. Ich denke, deshalb ist die Hemmschwelle höher, zu uns zu kommen. Der Zulauf hat abgenommen. Dennoch sprechen uns häufig Schüler an, weil sie Unterstützung bei der Suche nach Praktikumsplätzen benötigen. Dafür fehlen aber die Helfer. Das Angebot des "Kinderhafen" am Freitag können wir beispielsweise nur aufrechterhalten, da wir von unserem Kooperationspartner "KidsWelcome" Bundesfreiwillige zur Unterstützung bekommen. Ohne diese Hilfe können wir manchmal keine Betreuung leisten, weil kein einziger ehrenamtlicher Helfer zur Verfügung steht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn auch die Geflüchteten die Angebote nicht mehr so intensiv in Anspruch nehmen, dann wird ehrenamtliches Engagement vielleicht auch nicht mehr so gebraucht wie vor zwei, drei Jahren?

Simon-Noll: Im Gegenteil. Ich glaube, viele der Geflüchteten brauchen eine sehr viel intensivere Begleitung und Unterstützung, um beispielsweise den Schulabschluss, den mühseligen und komplizierten Weg in Ausbildung und Arbeitsmarkt zu schaffen oder eine Wohnung zu finden. Deshalb haben wir eine Patenbörse veranstaltet, wo Geflüchtete und Bewohner des Quartiers sich kennenlernen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Und wie viele Patenschaften hat die Börse ergeben?

Simon-Noll: Keine einzige.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das? Sind die Menschen zu beschäftigt, zu gestresst?

Simon-Noll: Alle haben viel zu tun, aber es gibt trotzdem Freiräume. Eine Stunde in der Woche, zwei Stunden im Monat - irgendeine Lücke findet sich immer, auch bei Vollzeit arbeitenden Menschen. Ich finde, die Stimmung gegenüber Geflüchteten hat sich in Deutschland verändert. Heute glauben viele, den Geflüchteten würde alles geschenkt, sie dürften kostenlos wohnen. Nein, denen werden die Kosten für die Unterkunft natürlich von der Grundsicherung abgezogen, wie allen anderen in öffentlich-rechtlichen Unterkünften auch.

SPIEGEL ONLINE: Warum engagieren Sie sich denn für Flüchtlinge?

Simon-Noll: Ich habe schon seit meiner Jugend ehrenamtlich gearbeitet. Sich zu engagieren und Sinnvolles zu tun, bereitet einfach Freude - und man bekommt meistens eine direkte Rückmeldung: Die Kinder haben Vertrauen zu mir gefasst, sie erzählen von ihrer Flucht, sie umarmen mich, sie zeigen mir ihre Zuneigung. Das finde ich sehr schön. Mit Sorge beobachte ich allerdings, dass diese Kinder bisher keine deutschen Freunde in der HafenCity finden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Simon-Noll: Fast alle schulpflichtigen Kinder aus der Flüchtlingsunterkunft besuchen eine Schule außerhalb der HafenCity, weil die dortige Grundschule voll ausgelastet ist und es im Stadtteil bisher keine weiterführende Schule gibt. Ein 18-jähriges Mädchen aus der Unterkunft hat mir gesagt, sie hätte so gerne eine gleichaltrige deutsche Freundin. Sie finde aber keine. Ich höre immer wieder, dass die Kinder aus der Unterkunft von ihren deutschen Mitschülern nicht zu Geburtstagen eingeladen werden. Das deprimiert mich. Es gibt wohl grundsätzlich einfach noch zu wenig Begegnungspunkte - da muss noch viel getan werden, denn so kann Integration nicht gelingen, trotz des großen Engagements unserer freiwilligen Helfer.

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