Suche nach verschwundener Boeing: Zwei Fotoflecken als einzige Spur

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Satellitenaufnahmen von zwei möglichen Wrackteilen sind der wichtigste Anhaltspunkt bei der Suche nach Flug MH370. Aber die Aussagekraft der Fotos ist gering, das Auffinden der beiden Gegenstände mühsam und schwierig. Experten bezweifeln, ob sie jemals gefunden werden.

Zwei Stück Treibgut, von denen niemand weiß, ob sie Wrackteile von Flug MH370 sind. Die Vermutung, dass die Gegenstände Hunderte Kilometer von dem Ort entfernt sein dürften, an dem sie ein Satellit vor fünf Tagen fotografierte. Ein viele tausend Quadratkilometer großes Suchgebiet in einer abgelegenen, regnerischen und stürmischen Meeresregion. Und Wassertiefen von mehreren Kilometern.

So lässt sich die Lage beschreiben, an die sich bei der Suche nach dem verschwundenen Flugzeug Hoffnung knüpft. Und nun dämpft der stellvertretende australische Premierminister die Hoffnungen. Es sei möglich, dass die beiden Gegenstände nicht mehr an der Meeresoberfläche zu finden seien, sagte Warren Truss. "Etwas, das vor so langer Zeit auf dem Meer trieb, schwimmt dort vielleicht nicht mehr."

Premierminister Tony Abbott war in die Kritik geraten, weil manche Beobachter ihm vorwarfen, bei der Veröffentlichung der Satellitenfotos zu starke Hoffnungen geweckt zu haben. "Es ist so ziemlich der unzugänglichste Fleck auf der Welt, aber wenn dort unten etwas ist, werden wir es finden", sagte Abbott. "Wir sind es den Familien, Freunden und Nächsten der Insassen schuldig, alles zu tun, um dieses außergewöhnliche Rätsel zu lösen."

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Flug MH370: Schwierige Suche vor Australiens Küste
"Mich würde es überraschen, wenn große Teile des Flugzeugs an der Wasseroberfläche treiben", sagt Bill Palmer, Pilot und Autor eines Buches zum Absturz von Air-France-Flug 447, zu SPIEGEL ONLINE. "Bevor eine Suche am Meeresgrund beginnt, müssen die Einsatzteams die wahrscheinliche Position der Maschine beim Aufprall kennen und Meeresströmungen beachten. Ansonsten dauert die Suche ewig."

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Vermisste Boeing: China schickt Eisbrecher als Verstärkung
Der einzige Anhaltspunkt der Einsatzkräfte sind die beiden Satellitenfotos. Sie stammen vom WorldView-2-Satelliten der Firma Digitalglobe und wurden am 16. März gemacht. Die Auflösung liegt nach Unternehmensangaben bei etwa 50 Zentimetern. Trümmerteile von der Größe eines Flugzeug-Klapptisches sind damit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, ein Flugzeugsitz aber nicht.

Das Dilemma: Um große Flächen des Ozeans abzusuchen, ist eine grobe Auflösung besser geeignet. Aber die Suche richtet sich auch auf kleine Objekte - für die wiederum eine feine Auflösung notwendig ist. Die australischen Behörden haben deshalb einen anderen Satelliten neu ausgerichtet, der Fotos mit höherer Auflösung liefern soll.

Karte: Die gesichteten Wrackteile im Indischen Ozean Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Karte: Die gesichteten Wrackteile im Indischen Ozean

Was die Fotos genau zeigen, ist offen. Die Gegenstände sind etwa 5 und 24 Meter lang - viel mehr lässt sich nicht erkennen. Wenn es sich um Wrackteile von Flug MH370 handeln sollte, wären für Palmer angesichts der abgelegenen Meeresregion Theorien widerlegt, "wonach die Maschine unterwegs zu einem geheimen Ort war". Entweder sei das Flugzeug absichtlich aufs offene Meer gesteuert worden oder die Crew habe die Maschine nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Palmer geht davon aus, dass die Maschine ihre Treibstoffvorräte aufgebraucht hat - wie es etwa geschehen würde, wenn der Autopilot eingeschaltet gewesen wäre.

Selbst Experten halten die Aussagekraft der Bilder für gering. "Sehr vage" sei das Material, sagt Tobias Schneiderhan, Leiter des Zentrums für satellitengestützte Kriseninformation (ZKI) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Er half unter anderem bei der Suche nach Trümmerteilen von Air-France-Flug 447.

"Das Risiko einer optischen Täuschung besteht auf jeden Fall, etwa durch Lichtreflektionen auf den Wellen oder Müll im Ozean. Vielleicht ist ein Objekt nur ein Fischernetz, in dem sich Abfall verfangen hat", sagt Schneiderhan. Die Suche nach Wrackteilen im Meer sei ohnehin sehr schwierig, weil man nicht wisse, wie die Bruchstücke aussehen. "Und in diesem Fall weiß man nicht einmal, wo sie herumschwimmen."

"Eine der abgelegensten und unwirtlichsten Gegenden der Welt"

Deshalb befürwortet der ZKI-Experte den Ansatz, Freiwillige in aller Welt über das Portal Tomnod an der Auswertung der Satellitenbilder zu beteiligen. Dort kann jeder mögliche Ölspuren, Wrackteile, Rettungsinseln oder anderes in eine Karte eintragen. Dank der Freiwilligen ließen sich große Teile des Ozeans "mit einiger Sicherheit ausschließen", teilte DigitalGlobe mit.

Das hilft sicherlich. Aber überspitzt formuliert läuft dann die Suche nach dem einen bestimmten Sandkorn eben nicht mehr am Strand, sondern im Sandkasten - einfacher, aber immer noch äußerst schwierig. Die Meeresregion rund 2500 Kilometer südwestlich von Australien "ist eine der abgelegensten und unwirtlichsten Gegenden der Welt", sagte Charitha Pattiaratchi, Ozeanografie-Professor an der Universität von Westaustralien. Nach Perth, der nächstgelegenen Stadt, seien es vier Flugstunden - deshalb blieben den Einsatzkräften nur etwa zwei Stunden zur Suche, bevor sie wieder zum Tanken umkehren müssten.

"Die extremen Tiefen machen die Suche nach dem Wrack noch schwieriger", sagt auch AF447-Experte Palmer. Ultraschallsender an Blackbox und Sprachrekorder im Cockpit senden nur für 30 Tage und haben eine Reichweite von etwa 2000 Metern. Suchgeräte müssen Tausende Meter tief ins Meer hinabgelassen werden. "Sollte der Piepser nicht funktionieren, könnte es quasi unmöglich werden, das Wrack in schwierigem Terrain zu finden."

"Gut möglich, dass Flug MH370 für immer verschollen bleibt"

Australien entsandte am Freitag fünf Suchflugzeuge. Zudem sind inzwischen mehrere Schiffe am Ort der Satellitenaufnahme. Der norwegische Autofrachter "St. Petersburg" war als erster dort. Man habe nichts gefunden, "aber das Schiff setzt seine Suche weiter fort. Die australischen Behörden geben die Anweisungen in dieser Mission", sagt Christian Dehll, Sprecher der Reederei Höegh. Die Crew stehe an Deck und suche das Meer mit bloßen Augen und Ferngläsern ab.

Das Schiff habe eine Menge Treibstoff an Bord und könne die Suche noch lange fortsetzen. Dadurch komme es zu Verspätungen, "aber das ist jetzt kein Thema. Darum kümmern wir uns später". China will den Eisbrecher "Schneedrache" und fünf weitere Schiffe in die Region entsenden.

Selbst wenn die beiden Gegenstände gefunden würden und es tatsächlich Wrackteile von Flug MH370 wären, "würden Ermittler Teile des Flugzeugkorpus sowie Blackbox und Gesprächsrekorder benötigen, um ganz zu verstehen, was geschehen ist", sagt Pilot Palmer. Möglicherweise sei auch eine chemische Analyse notwendig, um Hinweise auf Sprengstoff oder ein Feuer zu finden. "Es ist aber gut möglich, dass Flug MH370 für immer verschollen bleibt."

Mitarbeit: Benjamin Knaack

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1. never ever
comfortzone 21.03.2014
Die Chancen, dass das Wrack des Flugzeugs jemals gefunden wird, sind praktisch Nukk. Es liegt seit einer Woche iregndwo in tausenden metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Selbst wenn - irgendwann und irgendwo - ein kleines Wrackteil angeschwemmt wird, das dann tausende von Kilometern "Reise" hinter sich hat, ist es naiv zu glauben, daraus Rückschlüsse auf die Fundstelle des Wracks schließen zu können.
2.
syracusa 21.03.2014
Zitat von comfortzoneDie Chancen, dass das Wrack des Flugzeugs jemals gefunden wird, sind praktisch Nukk. Es liegt seit einer Woche iregndwo in tausenden metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Selbst wenn - irgendwann und irgendwo - ein kleines Wrackteil angeschwemmt wird, das dann tausende von Kilometern "Reise" hinter sich hat, ist es naiv zu glauben, daraus Rückschlüsse auf die Fundstelle des Wracks schließen zu können.
... aber immerhin weiß man dann, dass das Flugzeug im Ozean zerborsten ist, und nicht noch auf irgend einer einsamen unbewohnten Insel notgelandet ist. Und dieses Wissen ist für die Angehörigen der Opfer durchaus wertvoll.
3.
uzsjgb 21.03.2014
Zitat von syracusa... aber immerhin weiß man dann, dass das Flugzeug im Ozean zerborsten ist, und nicht noch auf irgend einer einsamen unbewohnten Insel notgelandet ist. Und dieses Wissen ist für die Angehörigen der Opfer durchaus wertvoll.
Zumindest für die Verschwörungstheoretiker unter den Angehörigen.
4.
nota.bene 21.03.2014
Zitat von sysopSatellitenaufnahmen von zwei möglichen Wrackteilen sind der wichtigste Anhaltspunkt bei der Suche nach Flug MH370. Aber die Aussagekraft der Fotos ist gering, das Auffinden der beiden Gegenständen mühsam und schwierig. Experten bezweifeln, ob sie jemals gefunden werden. http://www.spiegel.de/panorama/flug-m370-suche-nach-moeglichen-wrackteilen-aufwendig-und-schwierig-a-960043.html
Es gibt keine Hoffnung mehr für Flug MH370. Man sollte das endlich akzeptieren und nicht noch weitere zig-Millionen für die Suche ausgeben. Oder sie zumindest dann einstellen, wenn es die ersten Beweise für den Absturz gibt. Natürlich wäre es wichtig zu wissen, was genau an Bord passiert ist, aber ein Bergungsversuch würde hunderte von Millionen von Dollar kosten. Da stehen dann Aufwand und Nutzen in keinem rationalen Verhältnis mehr. Die Weltmeere haben im Lauf der Geschichte hundertausende, wenn nicht Millionen von Seelen verschlungen. Da sollte man es halt akzeptieren, dass noch 270 weitere dazugekommen sind.
5.
Hans58 21.03.2014
Zitat von uzsjgbZumindest für die Verschwörungstheoretiker unter den Angehörigen.
Ich glaube nicht, dass es unter den Angehörigen Verschwörungstheoretiker gibt.
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