Verschwundene Boeing Die seltsame Rolle des malaysischen Militärs

Neue Fakten, neue Fragen: Auch an Tag acht nach dem Verschwinden von Flug MH370 bleibt der Vorfall ein Mysterium. Zwar gibt es neue Informationen zu den möglichen Entführern - aber auch Rätselraten über das Verhalten der malaysischen Luftwaffe.

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Nach Tagen des Rätselratens über das Schicksal von Flug MH370, der auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden war, gibt es nun immerhin ein paar Gewissheiten. Zum Beispiel, dass die Boeing 777-200 nicht, wie ursprünglich angenommen, kurz nach dem Start ins Meer gestürzt ist. Stattdessen gilt als sicher, dass die Maschine vorsätzlich für Radarsysteme unkenntlich gemacht und auf einen anderen Kurs gebracht wurde.

Die für ein derartiges Manöver nötigen Kenntnisse lassen zumindest Rückschlüsse darauf zu, wer das Flugzeug in seine Gewalt gebracht haben könnte. Das systematische, sukzessive Abschalten aller Kommunikationsmittel und ein, wie seit Freitag bekannt ist, stundenlanger Flug um die sogenannten Wegmarken der zivilen Luftfahrt herum ist für Laien nicht zu bewerkstelligen. Und so überrascht es nicht, dass inzwischen vor allem die Piloten ins Visier der Ermittler geraten sind, wie malaysische Behörden am Sonntag auf einer Pressekonferenz bekannt gaben.

Sie verrieten zudem weitere, aufschlussreiche Details. Zum Beispiel, dass ein Teil der Kommunikationssysteme bereits abgeschaltet worden war, als sich eine Stimme aus dem Cockpit über Funk in die Nacht verabschiedete mit den Worten "Alles klar, gute Nacht". Klar war aber offensichtlich zu diesem Zeitpunkt an Bord von Flug MH370 wenig. Wer genau die letzten Worte aus dem Cockpit sendete, ist bislang unbekannt. Aber man darf davon ausgehen, dass die vorsätzliche Umleitung der Maschine zu diesem Zeitpunkt schon begonnen hatte.

Wer lenkte Flug MH370?

Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass keiner der beiden Piloten den jeweils anderen als Partner für diesen Flug angefordert hatte, wie auf der Pressekonferenz bestätigt wurde. Die beiden waren also wohl eher eine zufällig zusammengeführte Schicksalsgemeinschaft, kein planvoll herbeigeführtes Team.

Wer von beiden die Maschine in seine Gewalt gebracht haben könnte, ist unklar. Der erfahrene Pilot Zaharie Ahmad Shah, der von Anwohnern als freundlicher Familienmensch beschrieben wird, der das Fliegen so liebt, dass er sich zu Hause einen Flugsimulator installiert hat (der inzwischen von der Polizei beschlagnahmt wurde und aktuell untersucht wird)? Oder der junge Co-Pilot Fariq Abdul Hamid, laut Lokalpresse Sohn eines einflussreichen Beamten und Lebemann, der schon mal unerlaubterweise auf einem Flug zwei Damen zu sich ins Cockpit gebeten hat?

Vielleicht war es auch jemand ganz anderes, ein Passagier mit umfassenden Kenntnissen in Navigation und Aviatik? Das Eindringen in ein Cockpit zumindest ist trotz der umfassenden Sicherheitsvorkehrungen, die nach den Entführungen des 11. September etabliert wurden, nach einhelliger Meinung von Piloten kein größeres Problem.

Passagiere und Crew werden intensiv durchleuchtet

Zur Zeit schließen die Ermittlungsbehörden deswegen kein Szenario aus: Sie haben bei allen Staaten, deren Bürger an Bord der Maschine waren, sogenannte Backgroundchecks erbeten, die Aufschluss über mögliche kriminelle Verflechtungen oder allgemeine Auffälligkeiten geben sollen. Die Ermittler verfolgen derzeit vier mögliche Motive: Entführung, Terroranschlag oder aber persönliche oder psychische Probleme der Piloten.

So erhellend die Erkenntnisse der beiden letzten Tage sind, eine der großen Fragen in Bezug auf das Verschwinden von Flug MH370 wurde auch bei der Pressekonferenz am Sonntag nicht erörtert: Warum nämlich die Boeing 777-200 nach Abbruch des Funkkontakts umkehren, malaysisches Gebiet überfliegen und dabei vom Radar des Militärs erfasst werden konnte - und trotzdem nichts geschah.

Die gängige Reaktion nämlich auf das Eindringen eines nicht identifizierten Flugzeugs, wie es Flug MH370 nach Abschalten des Transponders und des ACARS war, ist massiv: In der Regel steigen binnen Minuten Kampfjets auf, um den Eindringling abzufangen.

Rätselhafte Passivität bei Malaysias Luftwaffe

Doch am Morgen des 8. März passierte - nichts. Obwohl auf der Butterworth Air Force Base im Norden von Malaysia eigentlich vier Personen das Radar überwachen sollen und auf diesem auch die Boeing 777-200 auftauchte, wie das Studium der Aufzeichnungen später ergab, meldete keiner von ihnen den Vorfall an Vorgesetzte. Auch zwei weitere Radarstationen, die Flug MH370 registrierten, reagierten nicht, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon bekannt war, dass es einen Vorfall gegeben hatte.

Erst am Mittwoch, gut fünf Tage nach Verschwinden des Fluges, bestätigte Luftwaffengeneral Rodzali Daud die Sichtungen. Dabei betonte er, dass bislang keine gesicherten Erkenntnisse darüber vorlägen, worum es sich bei dem Flugobjekt handele, da dieses keine Daten ausgesendet habe. Dabei war er, wie die "New York Times" berichtete, schon am Morgen nach dem Verschwinden von Flug MH370 auf der Butterworth Air Force Base über das Eindringen eines unbekannten Flugzeugs in den Luftraum informiert.

Dieser Vorgang ist in doppelter Hinsicht pikant. Zum einen wurde durch dieses Vorgehen wertvolle Zeit verschenkt, in der die Suchflotte an einer völlig falschen Stelle nach der Boeing fahndete. Zum anderen wirft er ein unschönes Licht auf die Rolle des malaysischen Militärs beim Verschwinden von Flug MH370. Es mag an Tag acht nach Verschwinden des Malaysia Airlines Flug Antworten auf manche Fragen geben - doch vieles bleibt weiterhin rätselhaft.

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