Verschollene Boeing Was wurde eigentlich aus Flug MH370?

In der teuersten und aufwendigsten Suchaktion aller Zeiten fahnden Spezialschiffe nach der Boeing 777, die am 8. März spurlos verschwand. Gefunden haben sie bisher nichts. Liegt Flug MH370 überhaupt im Indischen Ozean, wie die Ermittler vermuten?

Spezialschiff Fugro Discovery (Archiv): Mit Schleppsonden und Seitensichtsonar soll MH370 geortet werden
AFP PHOTO / FUGRO

Spezialschiff Fugro Discovery (Archiv): Mit Schleppsonden und Seitensichtsonar soll MH370 geortet werden

Von Rainer Leurs


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Perth/Hamburg - Keine Schwimmwesten, kein Stück Außenhaut, nicht einmal ein Sitzkissen: Bis heute gibt es nicht die geringste physische Spur von Flug MH370. Die Boeing 777, die am 8. März mit 239 Menschen an Bord verschwand, könnte zum größten Mysterium der Luftfahrtgeschichte werden - bereits jetzt läuft im Indischen Ozean die teuerste und aufwendigste Suchaktion aller Zeiten.

48 Millionen Dollar kostet der auf ein Jahr ausgelegte Einsatz, bei dem drei Spezialschiffe im Auftrag Malaysias und Australiens den Ozean durchkämmen, bei bis zu sechs Metern Seegang und der vagen Aussicht, mit Schleppsonden und Spezialsonar Wrackteile am Meeresboden zu finden.

Die Annahme, dass die Passagiermaschine südwestlich von Australien zu finden ist, beruht dabei allein auf den Kommunikationsprotokollen der britischen Firma Inmarsat. Zu deren Satellit "Inmarsat-3F1" hatte die Boeing trotz abgeschalteter Funk- und Ortungssysteme zuletzt einmal pro Stunde Kontakt. Auf Grundlage dieser sogenannten Handshakes berechneten Ermittler eine wahrscheinliche Flugroute.

"Niemand spricht mehr über die ersten vier Stunden"

Seit Monaten konzentrieren sich die Bemühungen deshalb auf den sogenannten siebten Bogen, jenes Tausende Kilometer lange Stück eines gedachten Kreises, auf dem sich die Maschine beim letzten Handshake befunden haben soll. Doch während es auch in den Medien stets nur um die letzten Minuten von MH370 zu gehen scheint, richten einige Beobachter ihr Augenmerk zunehmend auf einen anderen Aspekt seines Verschwindens: die Phase gleich nach dem Start.


"Niemand spricht mehr über die ersten vier Stunden dieses Fluges, dabei war diese Phase absolut entscheidend", sagt etwa der australische Flugsicherheitsexperte Desmond Ross, selbst ehemaliger Pilot und Fluglotse. Er weist vor allem auf zwei Vorgänge hin:

  • Gegen 1:21 Uhr (Ortszeit) verlässt MH370 den malaysischen Luftraum und verschwindet vom Radarschirm. Übernehmen müssten die Fluglotsen in Vietnam - doch die scheinen lange überhaupt nicht zu merken, dass eine Maschine fehlt. 17 lange Minuten dauert es, bis die vietnamesische Flugsicherung in Kuala Lumpur nachfragt. "Normal wären maximal zwei Minuten Verzögerung gewesen", sagt Ross. "Das ist eine ernsthafte Sache, die erklärt werden muss."

  • Nach dem Abschalten der Funk- und Ortungssysteme drehte Flug MH370 offenbar nach Südwesten ab und überquerte dabei das malaysische Festland. Erst Tage später gab das Militär des Landes zu, ein nicht identifiziertes Flugzeug über der Halbinsel per Radar geortet zu haben. Weitere Maßnahmen ergriff in Malaysia allerdings niemand.

Vor allem der zweite Punkt sorgt bei Experten für Unverständnis. "Wo war bei alledem die malaysische Luftwaffe?", fragte bereits Mitte März der Ex-Pilot Andrew Brookes bei BBC.com. Der Hintergrund: Jeder halbwegs entwickelte Staat der Welt überwacht seinen Luftraum per Radar. Dringt ein Flugzeug ein, zu dem dauerhaft kein Funkkontakt besteht oder dessen Identität nicht zu klären ist, werden Kampfflugzeuge losgeschickt, um den Irrläufer zu begleiten - spätestens seit dem 11. September 2001 ein Routinevorgang, auch in Südostasien.

"Der Kurs dieser Maschine führte zudem in Richtung Penang, wo sich einer der größten Luftwaffenstandorte Malaysias befindet", sagt Ross. "Sie haben also ein nicht identifiziertes Flugzeug, das sich einer großen Militärbasis nähert, und trotzdem gehen Sie der Sache nicht nach?" Ex-Pilot Brookes drückte es folgendermaßen aus: "Wenn diese bizarre Geschichte vorüber ist, werden die Regierung und die Luftwaffe Malaysias einiges zu klären haben."

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Rätselhaft bleibt auch, warum es in dieser Nacht offenbar keine engeren Absprachen zwischen Militär und ziviler Luftraumsicherung gab. Letzterer fehlte immerhin eine Passagiermaschine - während auf dem Primärradar der Armee aus Richtung Westen ein mysteriöses Flugzeug auftauchte. "Zwei trainierte Affen hätten diesen Zusammenhang bemerkt", sagt Ross. "Trotzdem saßen diese Leute offenbar einfach nur da, tranken Kaffee und hofften, dass sich die Sache bis zum Morgen von selbst klärt."

Über die Gründe für dieses Versagen kann man nur spekulieren. "Vielleicht war es Fahrlässigkeit, vielleicht haben alle geschlafen. Aber es fällt mir schwer, das zu glauben", sagt Ross. Hätten die Behörden in Malaysia angemessen reagiert, wäre der Absturz von MH370 womöglich trotzdem nicht zu verhindern gewesen. Dennoch wüsste man heute mehr über das Schicksal der Maschine und könnte sich die Mammut-Operation im Indischen Ozean sparen. Wenn man dort überhaupt an der richtigen Stelle sucht.

Denn auf dem angenommenen Kurs hätte MH370 wohl den Luftraum eines weiteren Staates durchqueren müssen: jenen Indonesiens, eines Landes also, dass definitiv in der Lage ist, potenziell bedrohliche Maschinen zu orten und abzufangen. Die indonesische Luftwaffe allerdings bestreitet, in der fraglichen Nacht irgendetwas Ungewöhnliches beobachtet zu haben. Auf den Radaraufzeichnungen sei nichts zu sehen.

Inzwischen wachsen bei manchen Beobachtern die Zweifel am Ozean-Szenario. "Da man entlang des siebten Bogens bisher rein gar nichts entdeckt hat, wäre es an der Zeit, diese Theorie auf den Prüfstand zu stellen", sagt etwa Jan-Arwed Richter vom Flugunfallbüro JACDEC in Hamburg. Ähnlich äußerte sich kürzlich Tim Clark, Chef der Fluggesellschaft Emirates: Die Erfahrung zeige, dass bei Abstürzen über Wasser immer irgendetwas zu finden sei. "MH370 dagegen ist einfach verschwunden. Für mich ist das verdächtig, und ich bin total unzufrieden mit dem, was bislang herausgekommen ist."

Um solche Bedenken zu haben, muss man kein Verschwörungstheoretiker sein. Es gibt schlicht keine Beweise, kein allgemein akzeptiertes Modell, was mit der Malaysia-Airlines-Maschine passiert ist. "Alles, wirklich alles, was sich nach 1:21 Uhr ereignet hat, ist Theorie, Spekulation, Gerücht, Märchen... was Sie wollen", sagt Richter.

Das dürfte sich erst ändern, wenn eines der Spezialschiffe im Indischen Ozean das Trümmerfeld von Flug MH370 ortet - oder wenn an einer der Küsten der Region Wrackteile angespült werden. Bis dahin sollten die Ermittler zügig aufarbeiten, wie es zu den Pannen beim Bodenpersonal kommen konnte - und wie man Fehler dieser Art künftig vermeiden kann. "Etwas im System ist in dieser Nacht schrecklich schiefgegangen", sagt Ross. "Und diese Mängel muss man beheben."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
ANDIEFUZZICH 03.12.2014
1. Neue Gerüchte
Welche Pannen beim Bodenpersonal? Davon war doch bis jetzt gar nicht die Rede, oder habe ich da was verpasst?
Mach999 04.12.2014
2.
Zitat von ANDIEFUZZICHWelche Pannen beim Bodenpersonal? Davon war doch bis jetzt gar nicht die Rede, oder habe ich da was verpasst?
Ja, Sie haben selbstverständlich etwas verpasst: http://www.reuters.com/article/2014/04/11/us-malaysia-airplane-investigation-idUSBREA3A0NS20140411 http://www.spiegel.de/panorama/flug-mh-370-erkenntnisse-und-fragen-zur-verschwundenen-boeing-a-958947.html Um nur mal 2 Beispiele zu nennen.
H.Yalcin 04.12.2014
3. Ja ne, is klar.
"Die aufwändigste Suche". ja ne, is klar. Die Geheimdienste finden mit Ihren Sateliten und Aufklären noch so kleine Details, aber ein RIEßEN Flugzeug samt insassen und Gespäck wird nicht gefunden. Die welt wird für Dumm verkauft und weiss das noch nicht mal... Blöd ist, wer anders denkt!
Senf-Dazugeberin 04.12.2014
4. Uhrzeit
Zitat von ANDIEFUZZICHWelche Pannen beim Bodenpersonal? Davon war doch bis jetzt gar nicht die Rede, oder habe ich da was verpasst?
Fast genauso rätselhaft ist die Frage, wie heute um 23:13 Uhr (also in der Zukunft) jemand einen Beitrag zu einem Bericht schreiben kann, der um 12:22 Uhr erschienen ist. Aktuell ist es 12:37 Uhr. SPON, hat jemand eure Uhr verstellt? Davon mal abgesehen, sind mit "Bodenpersonal" vermutlich die Fluglotsen und Radar-Überwacher in den verschiedenen Ländern gemeint.
tstar 04.12.2014
5. Sonnenklar
ist meiner Meinung nach, dass das malaysische Militär mauert. Denen ist offenbar lieber als "die Deppen die nichts gemerkt haben" dazustehen, als reinen Wein einzuschenken. Es ist doch das gleiche mit MH17, mein alter Anatomieprofessor sagte immer : Häufiges ist häufig, Seltenes ist selten.
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