Flugpioniere Vom Ikarus zum Überflieger

Zwölf Sekunden veränderten die Geschichte: Am 17. Dezember 1903 schwang sich der Mensch mit einer motorisierten Maschine in die Luft auf – und stürzte nicht ab. In den USA werden nun die Brüder Wright als die ersten Luftpioniere gefeiert. Dabei soll es schon vorher erfolgreiche Motorflüge gegeben haben - und das in Deutschland.

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Der "Flyer" der Wright-Brüder am Strand von Kitty Hawk: Beweisbild fürs Geschichtslexikon
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Der "Flyer" der Wright-Brüder am Strand von Kitty Hawk: Beweisbild fürs Geschichtslexikon

Per Münzwurf eroberte sich Orville Wright den Platz am Steuerknüppel und damit einen Platz in den Geschichtsbüchern. Sein Bruder Wilbur musste vom Strand von Kitty Hawk im US-Bundesstaat North Carolina zusehen, wie der fragile, einmotorige Doppeldecker um 10.35 Uhr abhob und über eine Strecke von 36,60 Metern knatterte. Gleich drei weitere Flüge gelangen an diesem Tag vor 100 Jahren mit dem 274 Kilogramm schweren Vehikel. Beim letzten Flug des Tages legte die Kiste in 56 Sekunden beinahe 260 Meter zurück. Nach der Landung wurde sie von einer Windböe gepackt und herumgewirbelt. Am Strand blieben nur Trümmer zurück.

Bis heute gelten die Brüder Wright, Fahrradmechaniker aus Ohio, als die ersten Menschen, die es schafften, ein motorisiertes Fluggerät zu fliegen. Dabei gibt es durchaus berechtigte Zweifel, ob die Amerikaner tatsächlich die Ersten waren. Der Traum vom Fliegen, die Sehnsucht, die Schwerkraft zu besiegen, hatte bis zu jenem historischen Tag meist mit Blessuren oder gar dem Tod geendet.

Frühe Filmdokumente zeigen Möchtegern-Piloten, die mit hölzernen Geräten auf dem Rücken todesmutig über Abhänge plumpsen. Einige Flugbegeisterte stürzten sich sogar in der wahnsinnigen Annahme vom Eiffelturm, sie könnten mit ihren flatterigen Stoffflügelchen in die Geschichte eingehen - Todesmeldungen statt der erhofften Schlagzeilen waren das Ergebnis. Doch nicht alle Opfer waren vergeblich. So soll der tödliche Absturz des "ersten fliegenden Menschen", Otto Lilienthal, im Jahr 1896 die Wright-Brüder inspiriert haben, sich ernsthaft für das Fliegen zu interessieren. Damit hatte das Wettrennen um den Platz in den Geschichtsbüchern endgültig begonnen. Mit dabei: die beiden Deutschen Gustav Weißkopf und Karl Jatho.

Wilbur und Orville Wright: Per Münzwurf entschieden
DPA

Wilbur und Orville Wright: Per Münzwurf entschieden

Dem von Deutschland nach Amerika ausgewanderten Weißkopf, oder Gustave Whitehead, wie er sich später nannte, gelangen bereits am 14. August 1901 motorisierte Flüge - also zwei Jahre, vier Monate und drei Tage vor den Wrights, schreibt Albert Wüst in seinem Buch "Gustav Weißkopf - "Ich flog vor den Wrights" (Verlag Fritz Majer & Sohn). Fotos, die die Maschine des gebürtigen Franken im Flug zeigen, gibt es nicht, dafür aber Zeugenaussagen.

Weißkopfs Flugkollege Anton Pruckner beeidete: "Ich schwöre, dass ich bei dem Flug am 14. August 1901 dabei gewesen bin. Dieser Flug erstreckte sich über etwa eine halbe Meile und hob die Maschine ungefähr 50 Fuß in die Luft. Das Flugzeug zog einen Halbkreis und landete ruhig und ohne Schaden für den Flugkörper und Piloten Mr. Weißkopf." So nachzulesen auf der Internetseite des Gustav-Weißkopf-Museums in Leutershausen, der Geburtsstadt des Flugpioniers. Ein weiterer Gefährte des Flugpioniers, Junius Harworth, gab dem Bericht zufolge ebenfalls eine eidesstattliche Erklärung ab. Er sei am 14. August 1901 zugegen gewesen, "als Mr. Weißkopf seine durch Motor und Propeller angetriebene Maschine bei Lordship Manor im Bundesstaate Connecticut flog .... was etwa vier Minuten in Anspruch nahm".

Seither tobt der Krieg unter den Gelehrten: Dass der Ikarus wohl eher ein Luftikus war, behaupten 2001 die Buchautoren Hans Holzer und Werner Schwipps. In dem Band ("Flugpionier Gustav Weißkopf: Legende und Wirklichkeit", Aviatic Verlag) wird der fränkische Auswanderer als schon zu Lebzeiten bekannter Hochstapler und Phantast beschrieben, der 1902 sieben Meilen geflogen sein will. Wegen des schlechten Wetters habe er keine Beweisbilder machen können. Ein nachvollziehbares Argument, das allerdings nicht zum Wetterdienst passe, der in der Region eitel Sonnenschein registriert habe. "Zwar haben wir keine Fotos von dem Flug Weißkopfs, aber auch Bilder von anderen Pionieren wurden erst Jahre später veröffentlicht. Man muss da mit gleichem Maß messen", verteidigt dagegen Hermann Betscher, Vorsitzender der Flughistorischen Forschungsgemeinschaft Gustav Weißkopf Leutershausen den berühmtesten Sohn der Stadt.

Wright-Denkmal in Kitty Hawk: Mit Pomp und Trara
GMS

Wright-Denkmal in Kitty Hawk: Mit Pomp und Trara

Dass Weißkopfs historischer Erfolg nicht gebührlich gewürdigt wurde, habe mehrere Ursache, heißt es auf der Internetseite des Museums: Ansprüche, Ausdauer - und die Raffinesse der Konkurrenz. Unter Kollegen habe der Deutsche trotz seiner Erfolge gesagt: "Diese Flüge taugen alle nichts, weil sie nicht lange genug anhalten. Als sich andere als erfolgreiche Luftpioniere feiern ließen, habe Weißkopf "die Lust verloren". Zudem habe der Deutsche spätestens seit dem ersten Weltkrieg mit Ressentiments zu kämpfen gehabt.

Belege für ein historisches Komplott meinen die Weißkopf-Anhänger in einem dubiosen Dokument von 1948 zu finden: Schriftlich verpflichtete sich die Smithsonian Institution, die Stiftung der National-Museen in den USA, niemals öffentlich zu behaupten, dass vor 1903 ein Flugzeug existierte, das in der Lage war, "einen Menschen unter eigener Kraft im kontrollierten Flug zu tragen". Dafür erhielten die Forscher den Nachbau der Wright-Maschine - die noch heute im Nationalen Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington an der Decke hängt. "Die Wright-Erben hatten Angst, sonst hätten sie nicht so einen Vertrag mit der Smithsonian Institution geschlossen", sagt Betscher. Dass nicht einmal vom Deutschen Museum Unterstützung komme, sei klar: "Das Deutsche Museum, bei dem der Autor Holzer beschäftigt ist, arbeitet eng mit der Smithsonian Institution in Washington zusammen. Von daher war von dieser Veröffentlichung nichts anderes zu erwarten." Die "Kampagne", so Betscher, richte sich zudem nicht nur gegen Weißkopf, sondern auch gegen den Hannoveraner Karl Jatho.

Im Sommer 1903 startete Jatho seinen selbst gebauten Dreidecker in der Vahrenwalder Heide - mit Erfolg. "Am 18. August der erste Luftsprung bei ganz stillem Wetter, 18 Meter in dreiviertel Meter Höhe. Große Freude!" schrieb der Stadtinspektor in sein Tagebuch. Im November gelang ihm dann mit einer abgespeckten Version seines Gefährts ein weiterer Satz: In drei Metern Höhe knatterte er 60 Meter mit seinem Motordrachen. Doch die Maschine erwies sich als zu schwer, zu schwach, um mit den Erfindungen Schritt halten zu können, die die Brüder Wright auf der anderen Seite des Atlantiks machten. "Trotz vielen Übens", so notierte Jatho, "können längere und höhere Flüge nicht gemacht werden".

Am 17. Dezember 2003 wird sich nun die Geschichte gleich doppelt wiederholen: Unter großem Trara wird in den USA des Jungfernflugs der Brüder Wright gedacht. Allerdings, wenn der Nachbau des "Flyer" am Strand von Kitty Hwak abhebt, ist man dort schon wieder zu spät: In Leutershausen startete ein Nachbau des Weißkopf-Modells bereits 1998. Die Jatho-Freunde aus Hannover haben ihren Kampf um Anerkennung dagegen aufgegeben. Ein originalgetreuer und flugfähiger Nachbau des Drachens, wie es der Arbeitskreis Technik und Industrie-Geschichte Hannover bis zum Herbst 2003 angestrebt hat, scheiterte.

"Wir haben seit über einem Jahr gesammelt, aber die 150.000 Euro, die wir für die Rekonstruktion des Jatho-Drachen benötigt hätten, kamen nicht zusammen", sagt Norbert Senftleben vom Jatho-Arbeitskreis. Es sei bedauerlich, "dass wir in Deutschland so etwas nicht feiern". Dem Arbeitskreis sei es zum Schluss gar nicht mehr so wichtig gewesen, wer nun tatsächlich der Erste war. "Man hätte ja auch den Pioniergeist, der zu Beginn des Jahrhunderts Europa erfasste, feiern können."



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