Flugzeugabsturz Polizei durchsucht Räume der Airline

Nach dem Absturz eines Passagierjets der Helios Airways hat die zyprische Polizei heute die Räume der Flugline durchsucht. Sie will Daten über den Wartungszustand der Maschine sichern. Gerichtsmediziner gehen davon aus, dass die Fluggäste bis zum Aufschlag lebten.


Spurensuche an der Absturzstelle: "Diese Maschine war ein fliegender Sarg"
REUTERS

Spurensuche an der Absturzstelle: "Diese Maschine war ein fliegender Sarg"

Athen/Grammatiko - "Die Staatsanwaltschaft hat den nötigen Durchsuchungsbefehl gegeben", sagte ein zyprischer Regierungssprecher. Die Polizeibeamten wollten sicher stellen, dass keine Daten über den Wartungszustand der Maschinen der Luftlinie abhanden kommen, berichtete das griechische Fernsehen MEGA-Channel. Zuvor hatte es erhebliche Kritik an Helios wegen angeblich mangelhafter Wartung der Maschinen gegeben.

Die Mutter des Co-Piloten sagte dem griechischen Fernsehsender MEGA-Channel, ihr Sohn habe ihr erzählt, dass es gefährlich sei, das Flugzeug zu fliegen. "Er hatte Angst", sagte sie. Zyperns Verkehrsminister Haris Thrassou reagierte mit harschen Worten auf die Vorwürfe. "Wer davon wusste und nichts gesagt hat, trägt auch einen Teil der Schuld für das, was geschehen ist."

Zyprische Zeitungen hatten berichtet, dass Techniker der Helios Airways kündigen mussten, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre Unterschriften unter die Tauglichkeits-Bescheinigungen für die Maschine zu setzen. Außerdem soll es in den vergangenen zwei Jahren mehrfach Zwischenfälle mit Flugzeugen der Helios-Flotte gegeben haben, in deren Folge die Maschinen notlanden mussten. Besonders die Unglücksmaschine sei "problematisch" gewesen, hieß es in einem Bericht. Das Unternehmen wies alle Vorwürfe zurück.

Helios entschied nach Angaben der zyprischen Nachrichtenagentur CNA, ihre Flotte bis auf weiteres am Boden zu lassen. Zuvor hatten sich Besatzungsmitglieder geweigert zu fliegen. Die zyprische Justiz hat Ermittlungen gegen Helios eingeleitet.

Unterdessen gibt es immer mehr Ungereimtheiten über den möglichen Hergang des Flugzeugunglücks mit 121 Toten. Nach einer ersten gerichtsmedizinschen Untersuchung einiger Leichen haben Athener Ärzte Medienberichten zufolge festgestellt, dass viele Opfer an Bord der Unglücksmaschine entgegen ersten Darstellungen noch bis zum Aufprall des Flugzeugs am Leben waren. Die Untersuchungen hätten gezeigt, dass sie keine giftigen Gase eingeatmet hätten. Die Todesursache sei nicht auf ein Ersticken oder eine Vergiftung zurückzuführen. Damit verstärken sich Zweifel an der Vermutung der Behörden in Zypern und Griechenland, ein Defekt der Klimaanlage habe das Unglück verursacht.

Der Verdacht war auch deshalb aufgekommen, weil ein Mann fälschlicherweise von einer entsprechenden SMS-Nachricht eines Flugzeuggastes berichtet hatte. Sein Cousin habe ihm eine Nachricht auf sein Handy geschickt mit den Worten "Mein Cousin, ich sage lebe wohl. Wir erfrieren." Die Polizei erklärte, der 32-Jährige habe gelogen. Der Name des angeblichen Cousins tauche nicht auf den offiziellen Passagierlisten auf. Der Mann sollte wegen Verbreitung falscher Informationen morgen vor Gericht erscheinen.

Ermittler untersuchen Stimmenrekorder

Am Absturzort wurde heute die zweite Blackbox mit den Gesprächen der Piloten gefunden, die sich nach Angaben des Vorsitzenden der griechischen Untersuchungskommission, Akrivos Tsolakis, jedoch in "sehr schlechtem Zustand" befand. Der Stimmenrekorder soll in Paris ausgewertet werden. Spezialisten des US-Herstellers Boeing helfen bei den Ermittlungen. Erste Ergebnisse sind den Angaben zufolge erst in einigen Tagen zu erwarten. Eine endgültige Klärung werde länger dauern, sagte Tsolakis.

Die Ermittlungen zur Absturzursache konzentrierten sich weiter auf mögliche Probleme mit der Klimaanlage und dem Luftdruck, von denen die Piloten berichtet hatten, bevor der Funkkontakt zur Luftüberwachung in Athen abgebrochen war. Experten zufolge begannen die Probleme etwa zehn Minuten nach dem Start in Larnaca. Zu diesem Zeitpunkt könne ein "schnell und unvermittelt auftretendes Problem" den Tod der Piloten verursacht haben, sagte der griechische Flugkontrolleur Manolis Antoniadis dem Fernsehsender Net.

Fachleute rätseln vor allem, warum die Piloten sich nicht mit Sauerstoff versorgt haben. Jeder Flugzeugführer wisse, dass ihm bei einem Druckabfall in zehn oder 13 Kilometern Höhe nur drei oder vier Sekunden Zeit blieben, um die Maske aufzusetzen, erklärten sie. Dass die Masken versagt haben könnten, schlossen die Experten aus: Es handele sich um ein außerordentlich simples System mit autarken Sauerstoffflaschen.

Fast alle Absturzopfer wurden inzwischen geborgen. Die zyprische Regierung hat nun die Namensliste der Opfer veröffentlicht. Demnach sind alle Opfer griechische Zyprer oder Griechen. "Nur der Pilot stammte aus Deutschland", bestätigte der Minister im Fernsehen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin handelt es sich um einen 58-Jährigen aus Berlin. Unter den Opfern sind auch 21 Kinder im Alter zwischen vier und 17 Jahren. Zuvor war die Zahl der toten Kinder noch mit mehr als 40 angegeben woden. Die Leichen werden in einer Halle in Athen aufgebahrt. Gerichtsmediziner und Familienangehörige sollen helfen, die Toten auch mittels DNA-Analysen zu identifizieren.

"Alle meine Engel sind weg"

Erste Verwandte waren schon gestern in Athen eingetroffen, weitere Angehörige kamen heute an. "Diese Maschine war ein fliegender Sarg. Ich habe meinen Sohn verloren. Ich will, dass die Verantwortlichen hart bestraft werden", sagte ein Mann. "Fünf! Fünf! Fünf Menschen muss ich heute abholen", schluchzte eine Frau. "Alle meine Engel sind weg", klagte eine andere, die ihren Sohn, ihre Schwiegertochter und ihren Enkel verlor.

An Bord des Flugzeugs spielten sich kurz vor dem Unglück offenbar dramatische Szenen ab. Vor dem Absturz hätten sie gesehen, wie zwei nicht identifizierte Insassen im Cockpit versuchten, die Kontrolle über das Flugzeug wieder zu gewinnen, berichteten die Piloten von zwei Kampfflugzeugen, die aufgestiegen waren, um die Maschine zu begleiten. Der Co-Pilot saß nach ihren Angaben "zusammengesackt" in seinem Sitz, der Pilot sei nicht am Platz gewesen.



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