Flugzeugunglück vor 30 Jahren: Tödliche Entscheidung im Nebel

Dichter Nebel, Missverständnisse und ein ungeduldiger Pilot, der nicht auf die Startfreigabe wartete: Vor 30 Jahren kam es auf der Ferieninsel Teneriffa zum schwersten Unglück der Luftfahrt-Geschichte, als zwei Jumbos kollidierten. 583 Menschen kamen im Feuerball ums Leben.

Frankfurt/Main - Willem Schreuder bemerkte als Erster im Cockpit des KLM-Jumbos, dass etwas nicht stimmte. "Ist er denn noch nicht weg?", fragte der Flugingenieur seine beiden Kollegen. Dicke Wolken versperrten die Sicht, und mit "er" meinte Schreuder den Piloten einer Pan-Am-Boeing, die gerade auf der Startbahn durch den Nebel von Teneriffa rollte.

Flugzeugunglück auf Teneriffa: 583 Menschen starben bei dem Zusammenstoß vor 30 Jahren
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Flugzeugunglück auf Teneriffa: 583 Menschen starben bei dem Zusammenstoß vor 30 Jahren

Doch Kapitän Jacob Veldhuyzen van Zanten ist von der freien Bahn überzeugt und gibt weiter Schub. Sekunden später kracht die KLM-Maschine gegen den anderen Jumbo und geht sofort in Flammen auf. Von den insgesamt 644 Menschen an Bord beider Maschinen überleben gerade mal 61 - 583 kommen ums Leben. Bis heute ist das Unglück vom 27. März 1977 das schlimmste in der Geschichte der Luftfahrt.

Die Katastrophe nimmt an diesem Frühlingssonntag schon Stunden vorher etwa 100 Kilometer östlich von Teneriffa ihren Lauf. KLM-Flug 4805, eine Boeing 747 mit dem Taufnamen "Rijn", startet am Morgen in Amsterdam und soll niederländische Urlauber auf die Nachbarinsel Gran Canaria bringen. Pan-Am-Flug 1736, eine 747 mit dem Namen "Clipper Victor", ist auf dem Weg von New York ebenfalls nach Gran Canaria. Die Passagiere an Bord kommen vor allem aus Kalifornien und freuen sich auf eine Mittelmeer-Kreuzfahrt.

Nebel versperrte plötzlich die Sicht

Am Flughafen Las Palmas auf Gran Canaria explodiert jedoch am Mittag eine Bombe. Der Schaden ist zwar gering, aber aus Angst vor einer weiteren Explosion wird der Flughafen vorübergehend geschlossen. Die Piloten der beiden Jumbos steuern daraufhin Teneriffa an. Der kleine Flughafen Los Rodeos ist am frühen Nachmittag schnell mit Maschinen überfüllt.

Um 13.38 Uhr setzt van Zantens Boeing auf dem Flughafen auf, die Pan-Am-Maschine unter dem Kommando des US-Piloten Victor Grubbs folgt um 14.15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt scheint noch die Sonne. Nachdem der Flughafen von Gran Canaria wieder offen ist, starten in Teneriffa nach und nach die wartenden Maschinen.

Doch der KLM-Jumbo blockiert die Pan Am. Van Zanten, der dienstälteste KLM-Pilot, mit dem auch in Bordmagazinen geworben wird, entscheidet sich, 55 Tonnen Treibstoff zu tanken, um auf Gran Canaria Zeit zu sparen. Die Crew sorgt sich, gegen die strikten Arbeitszeit-Begrenzungen zu verstoßen und nicht mehr am selben Tag nach Amsterdam zurückfliegen zu können.

Als der Jumbo schließlich startbereit ist, zeigt sich das unberechenbare Wetter von Los Rodeos: Der Flughafen liegt 632 Meter über dem Meeresspiegel in den Bergen. Innerhalb weniger Minuten zieht dicker Nebel auf. Weil die Rollwege blockiert sind, muss die KLM-Maschine die Startbahn benutzen, um ans Ende zu kommen. Die Lotsen sind wegen der schlechten Sicht auf den Funkkontakt angewiesen - ein Bodenradar gibt es nicht.

Van Zanten begeht einen schweren Fehler

Wenige Minuten später tastet sich auch die Pan-Am-Crew über die Startbahn und erhält vom Tower die Anweisung, sie an der dritten Ausfahrt zu verlassen, um den KLM-Jumbo starten zu lassen. Zur selben Zeit befindet sich die KLM bereits am Ende der Bahn und ist bereit für den Start.

In diesem Moment begeht der 50-jährige Karriere-Pilot van Zanten den ersten schweren Fehler: Ohne die Genehmigung des Towers abzuwarten, drückt er die vier Schubhebel nach vorn. "Warten Sie noch, wir haben keine Genehmigung vom Lotsen", sagt der 32-jährige Klass Meurs, der als Erster Offizier neben ihm sitzt. "Das weiß ich, fragen Sie", antwortet sein Vorgesetzter laut den Aufzeichnungen aus dem Cockpit. Was die Crew vom Tower gefunkt bekommt, ist zwar eine Beschreibung der Abflugroute, aber noch keine Startfreigabe. Trotzdem: Noch während Meurs ins Mikrofon spricht und die Anweisungen wiederholt, gibt van Zanten Schub. Die Triebwerke heulen auf.

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Pan-Am-Maschine noch immer auf der Bahn - verhüllt von dichten Wolken. Infolge einer Überlagerung auf dem Funkkanal entgehen den niederländischen Piloten zwei lebenswichtige Nachrichten: Der Co-Pilot der Pan Am sagt, dass seine Maschine noch immer auf der Startbahn ist, und der Lotse weist die KLM-Crew an, auf seine Startfreigabe zu warten.

Keine Chance im brennenden Wrack

Die Pan-Am-Piloten sehen den KLM-Jumbo zuerst in Form von Lichtern, die immer größer werden. Verzweifelt versuchen sie noch, ihre Maschine von der Bahn zu bekommen. Van Zanten zieht die Flugzeugnase so sehr nach oben, dass die Maschine mit dem Heck auf dem Asphalt langschrammt und einen 20 Meter langen Metallstreifen hinterlässt. Zu spät: Um 17.06 Uhr reißt die startende KLM-Maschine das Dach der Pan Am weg, fliegt noch 150 Meter und explodiert schließlich. 248 Menschen kommen in dem Feuerball um.

Im anderen Flugzeug haben die Passagiere zumindest im vorderen Teil eine Chance und können sich mit Sprüngen aus der zerstörten Maschine retten. Doch von den insgesamt 396 Menschen an Bord überleben auch nur 61. Nach der Katastrophe ermitteln 70 Experten aus Spanien, den USA und den Niederlanden. Man registrierte eine tragische Verkettung von Umständen. Die Hauptschuld wurde in dem spanischen Ermittlungsbericht jedoch van Zanten zugewiesen: Er startete ohne Genehmigung, ignorierte danach eine hörbare Anweisung zum Warten und überging die Zweifel des jungen Flugingenieurs Schreuder.

Morgen - 30 Jahre nach der Katastrophe - soll zum Gedenken an die 583 Opfer auf Teneriffa ein Denkmal eingeweiht werden.

Thomas Seythal, AP

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