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Flut in Bayern: Plötzlich ist Eschenlohe eine Insel

Seit 24 Stunden kämpfen die Einwohner des Örtchens Eschenlohe in Oberbayern gegen die Fluten. Viele sind resigniert, klauben ihre letzte Habe aus den überschwemmten Häusern. Erst kam das Wasser - und wenig später Edmund Stoiber.

Hochwasser in Eschenlohe: Am Mittag brach der Damm
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Hochwasser in Eschenlohe: Am Mittag brach der Damm

Eschenlohe - Die Ortschaft Eschenlohe am Estergebirge liegt am Meer - diesen Eindruck jedenfalls hat Bruno Dematte, wenn er heute mit seinem Lastwagen in sein Heimatdorf fährt. Die Garmischer Straße hat sich in einen reißenden Fluss verwandelt, der die Wassermassen aus dem Ort herausträgt und dafür sorgt, dass das Örtchen Eschenlohe eher einer Insel gleicht. Eigentlich sollte der Lkw-Fahrer Bruno Dematte heute in Dachau arbeiten. Als jedoch klar war, dass sein Heimatort unter Wasser steht, rief er seinen Chef an und nahm Urlaub. Mit seinem Lastwagen fährt er nun schon den ganzen Tag Sand nach Eschenlohe.

Bruno Dematte ist einer von rund 500 Helfern von Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz und Polizei. Sie alle kämpfen seit gestern am späten Abend gegen die Wassermassen der Loisach.

Heute Mittag brach dann der Damm, der Eschenlohe vor dem Wasser schützen sollte. Das Wasser schwappte durch die Gassen und teilte den Ort in zwei Teile. Einige Eschenloher können nicht in ihre Häuser zurück, 21 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Immerhin ist es den Einsatzkräften gelungen, den reißenden Fluss aus der Ortsmitte wegzuleiten. Von außen kommen die Helfer nur mit Spezialfahrzeugen in den Ort.

"Wir wissen nicht, wie es weitergeht", sagt Georg Wagner, der Einsatzleiter der Feuerwehr Garmisch-Partenkirchen, der seit gestern Abend den Einsatz in Eschenlohe koordiniert. Schneller noch und mit viel größeren Wassermassen als beim Rekord-Hochwasser im Jahr 1999 seien die Überschwemmungen nach Eschenlohe gekommen. Der Pegel damals stieg auf 3,70 Meter. Jetzt ist das Pegel-Messgerät ausgefallen. Doch der Wasserstand sei höher als 1999, versichert Wagner.

Hoher Besuch: Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und der bayrische Umweltminister Werner Schnappauf (r.) machen sich ein Bild
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Hoher Besuch: Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und der bayrische Umweltminister Werner Schnappauf (r.) machen sich ein Bild

Die Eschenloher Bürger sind wütend auf die Landesregierung. "Wenn die Elbe überläuft, kriegen die Leute Geld. Wir kriegen nichts", sagt Joseph Höslmeier, dessen Montage-Werkstatt komplett unter Wasser steht. Mit mindestens 50.000 Euro Schaden rechnet er. "Doch wenn man Gewinn macht, dann braucht man erst gar nicht einen Antrag auf Beihilfen beim Landratsamt stellen", schimpft Höslmeier.

Christel Wentlandt hat eine schlaflose Nacht hinter sich. Sie betreibt das Altenheim St. Barbara, in dem 80 Senioren leben. Seit 21 Uhr gestern Abend läuft Wasser in den Keller und ins Erdgeschoss. "Wenn das mit dem Regen so weitergeht, müssen wir unsere Bewohner ganz aus Eschenlohe fortbringen", sagt sie. Bislang seien jeweils nur Rentner aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock verlegt worden.

Beinahe zu resignieren scheinen die Bewohner angesichts der Naturkatastrophe, und sie verweisen darauf, dass die Gefahr extremer Hochwasser den Behörden durchaus bewusst war. "Die machen einfach nichts", sagt ein Anwohner, dessen Haus von der Flut bedroht wird. Seit 40 Jahren sei das Problem bekannt, doch nichts passiere.

Das sehen die Politiker natürlich anders. Um 15 Uhr klettert Ministerpräsident Edmund Stoiber aus einem gepanzerten Einsatzfahrzeug der Bundeswehr. Mit erster Miene bespricht er sich mit der Einsatzleitung, macht dann einen Rundgang durch den Ort. "Die Bürger sollen wissen, dass wir sie nicht allein lassen", erklärt er, als er vor den Sandsäcken steht. Doch dann macht er Wahlkampf, obwohl er eine Bedeutung der Flut für den Bundestagswahlkampf abstreitet.

800 Millionen Euro habe die Landesregierung seit 1999 in den Hochwasserschutz investiert, sagt der Ministerpräsident, "als einziges Bundesland in Deutschland". An diesem Programm wolle er festhalten.

Den Bürgern hier hilft das wenig. Auf Sofortmaßnahmen angesprochen, bleibt Stoiber zurückhaltend. Er wolle erst mal die Schadenshöhe kennen. "Gegen solche Naturgewalten kann man sich nicht versichern." Dann ist er auch schon wieder weg. Einige der Einheimischen haben seinen Blitzbesuch zumindest auf einem Foto festgehalten.

Die gute Nachricht kam später. Laut Einsatzleiter Georg Wagner geht der Wasserstand leicht zurück.

Volker ter Haseborg, AP

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