Hochwasser an Donau und Elbe: Welle der Verwüstung

Was die Flut anrichtet, lässt sich in vielen Orten besichtigen - so auch im bayerischen Deggendorf. Wohnungen, Autos und Geschäfte stehen dort unter Wasser. Anderen Städten an Donau und Elbe ist das Schicksal Deggendorfs Warnung und Drohung zugleich.

Deggendorf - Joachim Zimmermann hat eine Schreinerei in Fischerdorf, einem Stadtteil Deggendorfs. Er hatte eine Schreinerei, muss es wohl nun heißen. Fischerdorf ist komplett von der Donau überspült. Zimmermann, auf einem schwarzen Schlauchboot der Feuerwehr, will sehen, was von seinem Betrieb noch übrig ist.

Die Einsatzkräfte auf dem Boot trauen sich nur selten, den Motor anzuwerfen. Sie gleiten direkt über die Straßen, unter denen überschwemmte Autos stehen. Auf einem Hausdach, das gerade noch aus dem Wasser ragt, ruhen sich ein paar Gänse aus. Möbel, Benzinkanister und Unmengen von Holz schwimmen in der braunen Brühe. Das Wasser ist mit Öl getränkt, zwischen den einzelnen Ruderschlägen tauchen immer wieder Heizöl- und Gastanks auf, so groß wie Autos.

Als das Schlauchboot bei der Schreinerei ankommt, offenbart sich für Zimmermann, wie schwer die Schäden sind. "Die Werkstatt im Erdgeschoss steht komplett unter Wasser, alle Maschinen und die Materialien wie Lacke und Holz sind umspült", sagt er. Vor einigen Tagen hatte er die Türen noch mit Folien und Montageschaum abgedichtet. "Jetzt habe ich eine Tür nach innen aufgerissen, damit das Wasser später abfließen kann."

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Hochwasser: Land unter an Flüssen
Wie Joachim Zimmermann geht es Zehntausenden Menschen in Deutschland. Das Hochwasser hat ihre Häuser verschluckt, ihre Geschäfte verwüstet, ihre Autos zerstört. Allein bei Deggendorf steht eine Fläche so groß wie der Tegernsee unter Wasser. In der Stadt gilt wie auch in Passau und Regensburg weiter die höchste Meldestufe vier, außerdem auch in Straubing einige Kilometer flussaufwärts. Dort sank das Wasser von knapp acht auf 7,19 Meter.

Einen kleinen Erfolg verzeichneten die Einsatzkräfte im nahe gelegenen Osterhofen. Dort ist die Gefahr, dass ein 2,5 Kilometer langer Damm bricht, erst einmal gebannt. Die Wasserwacht im Landkreis Deggendorf teilte mit, die Bevölkerung werde dennoch auf eine mögliche Evakuierung vorbereitet. Denn der Kollaps des Deiches sei immer noch nicht ausgeschlossen. 2500 Menschen und eine Fläche von mehr als hundert Fußballfeldern seien von Überflutung bedroht.

335.000 Hektar Ackerfläche betroffen

Was in Deggendorf an der Donau, in Grimma an der Elbe oder in Halle an der Saale geschieht, dient anderen Orten an den Flüssen als Warnung und Drohung zugleich: Laut Bundesinnenministerium sind in den diversen Hochwassergebieten 85.000 Einsatzkräfte von Feuerwehren, Technischem Hilfswerk, Bundeswehr und weiteren Organisationen im Einsatz. Hinzu kamen Tausende freiwillige Helfer.

Sie füllen Sandsäcke, helfen Betroffenen, räumen in der von den Fluten zurückgelassene Zerstörung auf - doch oft ist es ein aussichtsloses Bemühen. Das Wasser drückt, die bis an die Grenze belasteten Dämme weichen auf und drohen zu brechen - mancherorts ist das auch schon geschehen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sprach davon, das Hochwasser übersteige alle Dimensionen. Kanzlerin Angela Merkel versprach weitere Finanzhilfen für Betroffene.

Allein in der Landwirtschaft hat die Flut bislang Schäden von rund 173 Millionen Euro angerichtet. Insgesamt sind 335.000 Hektar Ackerfläche oder zwei Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Mitleidenschaft gezogen. Diese Zahlen nannte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) auf Basis einer ersten vorläufigen Schadensbilanz. Es ist offensichtlich, dass die Summe noch erheblich steigen wird.

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Hochwasser: Die Fluten und die Zerstörung
Am schwersten sind bislang Landwirte in Bayern betroffen: Für sie wurden finanzielle Einbußen von rund 75 Millionen Euro gemeldet. In Sachsen lag der Betrag bei knapp 30 Millionen, in Sachsen-Anhalt bei 20 Millionen Euro. Die Wassermassen haben vor allem bei Spargel, Erdbeeren, Mais und Getreide Verluste bis hin zum Totalausfall verursacht.




Die Hochwasserlage im Überblick:

Der Verkehr in Bayern ist weiter stark beeinträchtigt. Die Autobahnen 3 und 92 bleiben bei Deggendorf gesperrt. Die Bahn sperrte die Strecke zwischen Übersee und Traunstein bis Montag. In Oberbayern ist das Schlimmste wohl überstanden. In keinem der seit Sonntag betroffenen Landkreise besteht mehr der Katastrophenfall, teilte die Bezirksregierung mit. Als letzte hoben am Mittwochabend Stadt und Landkreis Rosenheim den Katastrophenalarm auf. In Passau sank der Wasserstand im Vergleich zum historischen Rekord zwar um drei Meter, stagnierte dann aber. In der Altstadt zwischen Inn und Donau steht das Wasser teilweise noch immer meterhoch.

In Sachsen-Anhalt waren Orte wie Bitterfeld weiter akut bedroht. Dort könnte es zu einem Wassereinbruch in die Innenstadt kommen, in der rund 10.000 Menschen leben. "Das Wasser steigt permanent", sagte die Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen, Petra Wust. Zwei Deichsprengungen hatten nicht die erhoffte Entlastung gebracht.

Auch in Halle war die Lage weiterhin angespannt, obwohl der Pegelstand der Saale zurückging. Der Wasserspiegel der Elbe steigt weiter. In Magdeburg wird der Hochwasserscheitel für das Wochenende erwartet. In Barby im Salzlandkreis starb ein Mann, der als Freiwilliger geholfen hatte, Sandsäcke zu füllen.

Angespannt blieb die Lage auch in den überschwemmten Gebieten entlang der Elbe in Sachsen - das Hochwasser des Flusses erreichte am Donnerstag seinen Höhepunkt. In Dresden kam es mittags auf 8,76 Meter. Damit lag das Maximum unter der Prognose, die von etwa neun Metern ausgegangen war. Normal sind knapp zwei Meter, 2002 wurden 9,40 Meter gemessen. Während Stadtteile im Osten und Westen unter Wasser standen, blieb die historische Altstadt anders als bei der Flutkatastrophe 2002 zunächst verschont. Der hohe Wasserstand soll vier bis fünf Tage anhalten. Nach Angaben der Stadt waren rund 9000 Haushalte ohne Strom.

Thüringen hat das Schlimmste überstanden. Die Lage an den Flüssen entspannte sich weiter. Nur noch an drei Messstellen der Saale - in Kaulsdorf, Rothenstein und Camburg-Stöben - galt die höchste Alarmstufe 3. Mit dem Rückgang des Wassers werden die Zerstörungen immer mehr sichtbar.

In Brandenburg wird der Höhepunkt der Flut ebenfalls erst in den kommenden Tagen erwartet. Laut Innenminister Dietmar Woidke wird die Lage schwieriger als 2002. "Es ist eben nicht nur die Elbe, die kommt. Dieses Mal kommen alle Nebenflüsse mit großer Wucht mit dazu", sagte der Minister.

Hunderte Bundeswehrsoldaten unterstützten die Schutzmaßnahmen an der Elbe in Mecklenburg-Vorpommern. Etwa 40.000 Sandsäcke wurden bereits gefüllt - zwei Millionen Sandsäcke sind zur Verstärkung der Deiche nötig. Das Wasser soll wohl kommenden Donnerstag den Höchststand erreichen. Umweltminister Till Backhaus (SPD) erwartet ein nie dagewesenes Hochwasser an der Elbe. In Dömitz erreichte der Fluss schon eine Höhe von 4,42 Meter, normal sind gut zwei Meter. Ausgelegt sind die Deiche für ein Hochwasser von 7,50 Meter. Das Problem sei, dass zu den Fluten der Elbe auch das Hochwasser der Saale komme.

In Niedersachsen wird das Elbe-Hochwasser wohl weniger bedrohlich als befürchtet ausfallen. Prognosen für die höchsten Pegelstände wurden um rund einen halben Meter nach unten korrigiert. Für Hitzacker werden nun für Dienstag und Mittwoch Höchststände von 7,65 Metern erwartet, 1,15 Meter weniger als noch vor zwei Tagen.

ulz/dpa/AFP

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Grimma an der Elbe
nepi 06.06.2013
Oh je, die Geographiekenntnisse sind ja zum davonrennen: Grimma liegt noch immer an der Mulde. Die Elbe ist ne ganze Ecke weiter im Osten... Aber wenn der NDR schon in den Nachrichten davon spricht, dass Sachsen in Norddeutschland liegt, was soll man da noch groß erwarten. Peinlich!
2. Kein Wunder ...
frigenium 06.06.2013
... wenn zuerst (vielleicht grad noch zu verstehen) zuerst viele bayrische Milliarden in den Ostaufbau abfließen und noch mehr bajuvarische Milliarden in Zypern, Griechenland oder sonstwo versickern, daß es dann eben überall fehlt wenn die Heimat ersäuft. Schade um Bayern - hoffentlich merkeln die sich das - wer Schuld hat ...
3. wo bleiben eigentlich..
bellybatton 06.06.2013
.. die Angebote zur Unterstützung in dieser Notlage aus unseren Nachbarländern? Unsere Hilfe reichte bis New Orleans.
4. Klimaerwärmung
specialsymbol 06.06.2013
Zitat von sysopWas die Flut anrichtet, lässt sich in vielen Orten besichtigen - so auch im bayerischen Deggendorf. Wohnungen, Autos und Geschäfte stehen dort unter Wasser. Anderen Städten an Donau und Elbe ist das Schicksal Deggendorfs Warnung und Drohung zugleich. Hochwasser an Donau und Elbe: Norddeutschland rüstet sich für Flut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-an-donau-und-elbe-norddeutschland-ruestet-sich-fuer-flut-a-904256.html)
Da sieht man mal wieder: in Bayern gibt es keine Klimaerwärmung. Sonst wäre es ja trockener. Logisch!
5. Wann gehen diese Menschen
wirklick 06.06.2013
auf die Barrikaden und nennen die Leute, die für ihr Unglück verantwortlich sind? Das ist keine höhere Gewalt, sondern von Menschen gemacht. Wieso wird das nicht diskutiert, wieso sind die Geschädigten stumm?
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