Schäden durch die Flut: Existenzangst nach dem Hochwasser

Aus Grimma berichtet

Wo die Flut vorbei ist, beginnt die Arbeit der Gutachter. In Grimma ist der Schaden für viele beträchtlich und existenzbedrohend. Nur wenige sind gegen Hochwasserschäden versichert - nach der letzten Flut waren bezahlbare Policen kaum noch zu bekommen.

Am Tag vier nach der Muldeflut tragen, kehren und spritzen die Menschen in der Altstadt den Fluss aus ihren Häusern. Mit Schaufeln, Besen und Wasserschläuchen ziehen sie in die Schlacht. Stadt und Technisches Hilfswerk schicken Bagger, Container und Kehrmaschinen. Die Feuerwehr ist weiterhin im Dauereinsatz. Unzählige Helfer sind unterwegs. Auf dem Markt wird kostenlos gespendetes Essen und Wasser in Flaschen ausgegeben.

Es ist die Zeit der Nachbarschaftshilfe, des solidarischen Miteinanders. Und der Gutachter von Versicherungen. Jetzt geht es nicht mehr um steigende Pegel. Es geht um die nackte Existenz.

"Die Gutachter kommen heute", sagt Udo Schönfeld, das Handy am schlammverschmierten Ohr. Wie einige seiner Kunden ist er mit seinem Büro für Versicherungen der LVM abgesoffen. Sein Ladengeschäft liegt direkt am Markt. Hier stand das Wasser mannshoch. Er hat auch noch einen Spielwarenhandel - von der Mulde mitgenommen.

"Keine Versicherung wollte das Risiko tragen"

Doch die Gutachter mit den spitzen Bleistiften und fachmännischen Blicken, die heute für die wenigen Kunden in Grimma unterwegs sind, die gegen Überschwemmungen abgesichert sind, sagen ihm nur guten Tag. Mehr nicht. "Ich habe keine Versicherungspolice für Elementarschäden." Das klingt vielleicht paradox, meint er. "Doch einige Jahre nach der Flutkatastrophe von 2002 wollte keine Versicherung das Risiko tragen." Fünf Jahre danach hat er sein Büro eröffnet. Hier allein schätzt er den Schaden "auf 50.000 Euro".

So wie Schönfeld ergeht es den meisten Bewohnern der Straßen unmittelbar hinter dem Fluss und der Stadtmauer. Ihre Wohnungen, Häuser, Geschäfte und Werkstätten liegen im Gebiet der höchsten Gefährdungsklasse 4. Das bedeutet, dass hier statistisch gesehen häufiger als einmal in zehn Jahren mit einem Hochwasser zu rechnen ist.

Fotostrecke

19  Bilder
Hochwasser: Die Fluten und die Zerstörung
Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) hat nahezu jedes Gebäude in Deutschland in eine von vier Gefährdungsklassen eingestuft. Seit Frühjahr 2012 können sich Mieter, Hausbesitzer und Unternehmer darüber im Internet informieren. Unter zuers-public.de sind die Überschwemmungsdaten der Wasserwirtschaftsämter abrufbar.

Das computergestützte System ZÜRS (Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen) ist längst zu einem Instrument der Versicherungswirtschaft geworden. Auch wenn dort der Freistaat Sachsen informiert, dass ZÜRS "keine rechtlich verbindliche Auskunft liefert".

Die Ausnahme: Alte DDR-Policen

Bereits 2004, zwei Jahre nach der angeblichen Jahrhundert-Flutkatastrophe an Mulde und Elbe, sahen Verbraucherschützer aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen den finanziellen Folgen künftiger Hochwasser mit großer Besorgnis entgegen. Die Einführung einer Elementar-Pflichtversicherung für Wohngebäude, wie von ihnen gefordert, "wurde von Politik und Versicherungswirtschaft nicht umgesetzt", so Sprecherin Julia Schäfer. "Zur Begründung dafür hieß es unter anderem, dass die erforderlichen Garantien für den Bund und die Länder zu teuer seien."

Für Betroffene, die in gefährdeten Gebieten wohnen und immer seltener bezahlbaren Versicherungsschutz gegen Hochwasser und andere Elementarschäden erhalten, bedeutet das ein Leben und eine Zukunft in Angst, heißt es bei den sächsischen Verbraucherschützern. Ohne Versicherungsschutz sind Hochwasseropfer erneut auf staatliche Förderkredite und Spenden angewiesen. Doch mit einer so hohen Spendenbereitschaft der Menschen wie im Jahr 2002 könne man ein zweites Mal nicht rechnen.

Eine Ausnahme bilden alte DDR-Policen, die Überschwemmungsschäden absichern und durch die Allianz weitergeführt werden.

Im Jahr 2010, auch ein Flutjahr für Sachsen, startete die Verbraucherzentrale eine Umfrage unter 43 Versicherungsunternehmen, mit der Bitte um Auskunft zum Versicherungsschutz und den Konditionen in gefährdeten Zonen. Anlass war die Aufforderung von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich an die Bürger, mehr Eigenvorsorge vor derartigen Naturereignissen zu betreiben.

Gegen Überschwemmungen könne man sich versichern, habe es geheißen. "Im Gegensatz dazu hörten wir immer wieder, dass Betroffene keinen Versicherungsschutz erhalten", erzählt Versicherungsexpertin Andrea Heyer.

Griff in die Stadtkasse

Das Ergebnis der Umfrage, an der sich 28 Unternehmen beteiligten, ging für Grimma nicht gut aus. Kein Angebot; ZÜRS 4; ohne Überschwemmung; individuelle Prüfung - so lauteten die Antworten auf eine von der Verbraucherzentrale konkret genannte Adresse. "Mir klingt dieser Tage immer wieder die Aussage des GDV im Ohr, dass 99 Prozent aller Haushalte den Schutz gegen Elementarschäden bekommen würden", sagt Heyer. "Da haben wir unsere Zweifel." Deshalb werde die Verbraucherzentrale Sachsen eine erneute Umfrage starten und mit Infoständen in betroffene Regionen kommen, auch nach Grimma.

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger hat noch keine Antwort gefunden auf die Versicherungsfrage, die ihn wie die Bevölkerung der Stadt umtreibt. Einige Leute haben schon laut gesagt, dass sie ihre Geschäfte in der Altstadt aufgeben und wegziehen wollen. Noch ist sein Team dabei, die Schadenshöhen von Bürgern und Firmen aufzunehmen.

Doch anders als Kommunen ringsum wartet Berger nicht ab, was von Bund und Land zur Finanzierungsfrage an Signalen nach Grimma schwappt. Vier Tage nach der Evakuierung der Gefahrenzone der Mulde hat an diesem Donnerstag jeder Erwachsene, der sich ausweisen konnte und von der Katastrophe betroffen ist, 400 Euro in die Hand gedrückt bekommen, Kinder 250 Euro. "Mit einem Griff in die Stadtkasse haben wir das vorfinanziert", sagt Rathaussprecher Sebastian Bachan, der die gute Nachricht über Facebook verbreitete und damit eine lange Schlange an Hilfesuchenden auslöste.

Der Bürgermeister hatte für die Organisation der Geldausgabe keine Zeit. Er kämpft schon wieder an anderen Fronten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. es sind TONNEN VON geld da...
micromiller 06.06.2013
die regierung kann ohne probleme viele milliarden bereitstellen, sie hat das immer gemacht um banken und spekulaknten weltweit zu retten oder um denen etwas gutes zu tun . parteiuebergreifend.. sind alle dabei unser steuergeld milllliardenfach zu verschenken oder zu vergurken.. die deutschen haben ein recht auf hilfe.. und wenn es nicht kommmt .. bitte auf die strasse .. wie in stuttgart .. oder anderswo ..die gruenen sind da sehr erprobt und werden bestimmt helfen.
2. Bau von Schutzmauern verhindert
79LP43 06.06.2013
Leider fehlt in diesem Artikel, dass viele Bürger in Grimma den Bau von Schutzmaßnahmen verhindert haben, um die freie Sicht auf das Wasser nicht zu verbauen. Natürlich tun mir die Bewohner leid, innerhalb so kurzer Zeit so was nochmal zu erleben. Aber hätten die Bürgerinitiativen nicht Schutzmaßnahmen blockiert und erheblich verzögert, wäre der Schaden für einige sicher geringer.
3. Wegziehen
Frickel-Pit 06.06.2013
Zitat von sysopWo die Flut vorbei ist, beginnt die Arbeit der Gutachter. In Grimma ist der Schaden für viele beträchtlich und existenzbedrohend. Nur wenige sind gegen Hochwasserschäden versichert - nach der letzten Flut waren bezahlbare Policen kaum noch zu bekommen.
Wieso sollen Versicherungen (und ihre Kunden!!!) dafür geradestehen, daß Uneinsichtige quasi mitten im Wasser ihre Häuser errichten? Grimma ist ja keineswegs zum ersten mal überflutet worden. Da geht man weg! Da bleibt man nicht! Und wenn, dann nur auf eigenes Risiko!
4. Wieso?
Dragonborn 06.06.2013
Wieso holen wir die Griechen aus dem Schlamm und unsere eigenen Bürger dürfen jetzt ihre Existenz wieder von Null aufbauen, weil die Regierung es versäumt hat mit der Flutgefahr entsprechend umzugehen? Weil sonst der gesamte Euroraum kollabiert, wenn die für den deutschen Export ach so wichtigen Griechen nicht in diesem Ausmaß gerettet werden? Solidarität international, aber bloß nicht im eigenen Land? 100 Mio sind ja schön und gut und auch, dass mehr versprochen wurde. Aber als es um Griechenland ging waren plötzlich 800 MILLIARDEN einfach mal da. Hä?
5. So schlimm wird es nicht
Frickel-Pit 06.06.2013
Zitat von micromillerdie regierung kann ohne probleme viele milliarden bereitstellen, sie hat das immer gemacht um banken und spekulaknten weltweit zu retten oder um denen etwas gutes zu tun
Wieso soll die Regierung das Geld der Steuerzahler verpulvern, weil einige Zeitgenossen meinen, am Fluss würde es sich ganz toll leben, und alle paar Jahre ist man überflutet, aber so schlimm wird es schon nicht werden?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Hochwasser 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 84 Kommentare

Hochwasser-Entwicklung an der Elbe

Twitter zum Hochwasser

Bauernregel-Quiz