Hilfe für Hochwasseropfer: Sachsens Ministerpräsident appelliert an Versicherer

"Sprechen Sie keine Schadensfallkündigung aus": Sachsens Ministerpräsident Tillich bittet Versicherungskonzerne um Hilfe für die Flutopfer. In Bitterfeld sollen Tausende Menschen ihre Häuser verlassen, Magdeburg meldet Rekordpegelstände. Der Überblick.

Dresden - Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat Versicherungsunternehmen gebeten, Hochwasseropfern den Versicherungsschutz nicht zu verwehren. "Sprechen Sie keine Schadensfallkündigung aus", sagte Tillich im Bundesrat.

Tatsächlich sind viele Leute in den betroffenen Orten nicht gegen Hochwasserschäden versichert - weil nach der Flut 2002 bezahlbare Policen kaum noch zu bekommen waren. Man wolle weiter pulsierende Innenstädte, sagte Tillich - ein Hinweis auf viele der in Flussnähe liegenden, hochwasserbedrohten Orte. Es könne nicht sein, dass sich die dortigen Häuser jetzt nicht versichern ließen.

Der Ministerpräsident hofft, dass angesichts der riesigen Flutschäden ebenso wie 2002 ein Hilfsfonds des Bundes aufgelegt wird. Auch Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) sagte, für Beseitigung der Schäden und Wiederaufbau würden erhebliche Summen benötigt. Nötig sei deshalb auch Hilfe von der Europäischen Union. Der Bund und die übrigen Länder seien ebenso gefordert.

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Flut an der Elbe: Hochwasserwelle schiebt sich nach Norden
Kanzlerin Angela Merkel hat bereits Soforthilfe in Höhe von 100 Millionen Euro zugesagt - und weitere Hilfen angekündigt. 2002 hatten Bund und Länder einen "Aufbaufonds" mit einem Ausgabevolumen von 7,1 Milliarden Euro aufgesetzt. Damit wurden Firmen und Privatleute unterstützt sowie zerstörte öffentliche Infrastrukturen wieder aufgebaut.

An Aufbau - oder Aufräumen - ist in den betroffenen Gebieten derzeit nicht zu denken. Aber immerhin geben manche Orte in Sachsen vorsichtig Entwarnung. In Dresden wurden niedrigere Wasserstände gemessen, gleichzeitig bedrohte die Flut weiterhin Häuser und Deiche. Am Donnerstag hatte die Elbe bis zu 8,76 Meter erreicht, am Freitagmorgen stand sie bei 8,60 Metern. Normal sind knapp zwei Meter. Nach Angaben des Innenministeriums wurden in Sachsen bisher rund 16.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Der hohe Wasserstand könne noch vier bis fünf Tage anhalten.

Hochwasserrekord in Magdeburg

Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt wurden Tausende Menschen aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Sicherungsmaßnahmen am Lober-Leine-Kanal erhöhen die Gefahr eines Wassereinbruchs in den Goitzschesee. Wenn Wassermassen unkontrolliert in den See laufen, könnten Teile von Bitterfeld überflutet werden.

In Magdeburg wurde an der Elbe ein Hochwasserrekord gemessen. Am Freitagmorgen wurde an der Strombrücke erstmals die Marke von sieben Metern überschritten, fast 30 Zentimeter mehr als beim Hochwasser 2002. Normal sind für die Elbe in Magdeburg knapp zwei Meter. Der Hochwasserscheitel wird weiterhin für Sonntag erwartet und soll 7,20 Meter betragen. Am Freitag zeigte der Pegel allerdings schon zehn Zentimeter mehr an als prognostiziert. Tausende Helfer versuchten in und um Magdeburg, Deiche gegen die Wasserflut zu verstärken.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) will sich am Freitag in den Hochwassergebieten Sachsen-Anhalts ein Bild von der Lage machen. Der Minister wird in Lödderitz erwartet. Die Menschen dort sind vom Elbe-Hochwasser bedroht.

Evakuierungen wurden auch in Teilen Hitzackers angeordnet. Die Altstadt des Ortes in Niedersachsen ist auf einer Insel gelegen. Bis Sonntagmittag soll sie evakuiert werden, wie der Kreis Lüchow-Dannenberg mitteilte. Es handle sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Der Kreis geht von einem Pegelstand der Elbe von 8,15 Metern aus. Die Hochwasserzentrale hatte ihre Prognose zuletzt auf 7,65 Meter reduziert. Bereits am Freitag sei die Insel für den Autoverkehr gesperrt. Ab Samstag gebe es ein "Betretungsverbot für Fremde". Betroffen sind von der Evakuierung rund 250 Menschen. Die Altstadtinsel ist von Nebengewässern der Elbe komplett umschlossen.

In Bayern bleibt die Hochwasserlage an der Donau kritisch. Im Raum Deggendorf stand das Wasser am Freitagmorgen bei 7,40 Meter, durchweichte Dämme drohten zu brechen. Aus Passau wurden weiter sinkende Pegelstände gemeldet. Wie der bayerische Hochwassernachrichtendienst berichtete, registrierten noch 41 von 239 bayerischen Pegeln Hochwasser. Vor allem an der Donau in Niederbayern blieb es bei der höchsten Meldestufe 4.

FC Bayern und BVB helfen

Die beiden Top-Fußballclubs in Deutschland wollen den Hochwasseropfern helfen. Der FC Bayern München will in Passau zu einem Benefizspiel antreten. Die Partie gegen eine Regionalauswahl soll dem Verein zufolge zeitnah und gänzlich ohne Gage für den Rekordmeister ausgetragen werden. Sämtliche Einnahmen sollen an die Opfer in den Hochwassergebieten gehen.

Borussia Dortmund will für die Opfer der Hochwasserkatastrophe in Ost- und Süddeutschland mindestens 100.000 Euro spenden. Der BVB und seine Stiftung leuchte auf werden einen Teil der Eintrittsgelder vom Saisoneröffnungsspiel am 6. Juli der Hilfsorganisation Ein Herz für Kinder überreichen.

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Hochwasser: Land unter an Flüssen

ulz/dpa/AFP

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Als Mensch, kann man
pikup 07.06.2013
für eine solche Vorgehensweise appelieren. Als Aufsichtsratsmitglied steht die Rentabilität der Versicherung im Vordergrund. Weshalb sonst sind die Aufsichtsratsgremien der Versicherungen mit Politikern nur so gespickt.
2. optional
rebew_01 07.06.2013
warum sollen eigentlich nur die Versicherungen für ein mittversagen der Politik haften
3. Lachhafter Appell
noalk 07.06.2013
Versicherungen "bitten". Ich hab' laut gelacht. Anscheinend sitzt der gute Mann noch in keinem Aufsichtsrat einer Versicherung, hat wahrscheinlich nicht mal einen Beratervertrag, anders als Graf Lambsdorff seinerzeit. Und dass die Opfer keine Versicherung zu bezahlbaren Prämien bekommen, ist doch klar und logisch. Versicherer versichern ein Risiko, keinen mit Gewissheit eintretenden Schadensfall. Wenn alle 10 Jahre ein Schaden von (Durchschnitt min.) 50000 EUR entsteht, sollte man lieber selber jährlich 5000 EUR auf die hohe Kante legen. Das spart zumindest jährlich 1000 EUR Versicherungssteuer.
4.
alpenkraut 07.06.2013
Es lässt sich alles ausrechnen. Wenn eine Versicherung 1 Mrd. ausschütten muss, muss sie 2 Mrd. einnehmen. Nur so kann sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht werden.
5. Pulsierende Innenstädte
Emmi 07.06.2013
"Man wolle weiter pulsierende Innenstädte, sagte Tillich - ein Hinweis auf viele der in Flussnähe liegenden, hochwasserbedrohten Orte." Mal abgesehen davon, ob es nicht doch vernünftiger wäre, die besonders häufig von Hochwasser betroffenen Gebiete nicht (wieder) mit Wohn- und Gewerbebauten zu versehen (sondern der Natur zu überlassen, was auch das Mikroklima verbessern würde) - in Grimma und auch in Dresden "pulsiert" das Leben in der Ortsmitte nicht wirklich...
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