Fluthilfe Das Spenden-Dilemma

Die Spendenbereitschaft der Deutschen für die Flutopfer ist immens. Doch die starke Anteilnahme bringt Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" in die Bredouille: Überschüssige Gelder dürften nicht für andere Zwecke verwendet werden - obwohl die Not in vielen Teilen der Welt ebenso groß ist.

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Tsunami-Oper in Aceh bekommen die ersten Hilfslieferungen
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Tsunami-Oper in Aceh bekommen die ersten Hilfslieferungen

Hamburg - Im Jahr 2003 nahm "Ärzte ohne Grenzen Deutschland" 17,5 Millionen Euro ein. Allein in den vergangenen neun Tagen flossen 20 Millionen Euro auf die Konten der Organisation. "Die Hilfsbereitschaft ist enorm. Wir gehen davon aus, dass wir mit den bislang eingegangenen Spenden unsere Arbeit in den Flutgebieten in Südasien finanzieren können", sagte Sprecher Stephan Große Rüschkamp gegenüber SPIEGEL ONLINE. Da zweckgebundene Mittel unter einem bestimmten Stichwort auch genau für diesen Zweck eingesetzt werden müssen und sollen, bitte die Organisation nun um freie Spenden.

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Suche nach Opfern: Zwischen Hoffen und Bangen

"Wir hoffen, dass die Spender uns so sehr vertrauen, dass die Organisation selbst entscheiden kann, in welchen Krisenregionen das Geld am besten eingesetzt wird. Natürlich konzentrieren wir uns auf Südasien und setzen sehr viele Mittel dort ein. Aber gleichzeitig ist die Not in anderen Krisenherden nicht beendet: Der Bürgerkrieg im Westen des Sudans dauert an. Und auch die Menschen in Uganda oder der Demokratischen Republik Kongo brauchen weiter unsere Hilfe."

Momentan sehe es so aus, als sei der Finanzbedarf für die Flutkatastrophe gedeckt. "Die Erkundungen sind aber noch nicht abgeschlossen", sagte Große Rüschkamp. Ein Flugzeug wird so bald wie möglich mit 32 Tonnen Hilfsgütern zur medizinischen Notversorgung von 30.000 bis 40.000 Menschen nach Sumatra starten. Geliefert werden Medikamente und medizinische Hilfsmittel, ein Zeltkrankenhaus, Materialien zur Reinigung von Trinkwasser, Generatoren, Plastikplanen sowie Moskitonetze zum Schutz vor Insekten, die Malaria- und Dengue-Fieber übertragen können. In der Provinz Aceh hat das mittlerweile 16-köpfige internationale Team die medizinische Arbeit aufgenommen. Rund 25 nationale Kollegen unterstützen die Aktivitäten der Ärzte ohne Grenzen. Weiteres Personal wird in den kommenden Tagen erwartet.

Auch die "Aktion Deutschland Hilft" hat in den vergangenen Tagen sehr viele Spenden für die von der Flutkatastrophe verwüsteten Regionen eingenommen. Christiane Geiter von der "Aktion Deutschland Hilft" sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Bis gestern kamen zwölf Millionen Euro zusammen. Dazu kommt dann noch das Geld, das durch die Spendengala von Sat.1 eingenommen wurde."

Nach Angaben einer Sprecherin des Senders wurde bei der Gala ein neuer Spendenrekord aufgestellt: Die Zuschauer hätten 10,25 Millionen Euro für verschiedene Projekte zur Unterstützung von Obdachlosen und Waisen gespendet. Die 2000 Helfer hätten nicht ausgereicht, um die Anzahl der Telefonanrufe entgegenzunehmen.

Die "Aktion Deutschland Hilft" bittet weiter um Spenden für Flutopfer - aber auch für die anderen Krisengebiete. "Was im Sudan oder im Kongo passiert, ist eine einzige Katastrophe. Auch diese Notleidenden dürfen natürlich nicht vergessen werden", sagte Geiter. "Die an "Aktion Deutschland Hilft" beteiligten Organisationen sind neben der Nothilfe in Südasien auch weiterhin in anderen Krisenregionen wie zum Beispiel für die Flüchtlinge aus dem sudanesischen Sudan aktiv."  

"Aktion Deutschland Hilft" ist ein Zusammenschluss deutscher Hilfsorganisationen, die im Falle großer Katastrophen und Notsituationen im Ausland gemeinsam schnelle und effektive Hilfe leisten wollen. Zu dem Bündnis gehören die Organisationen Johanniter, Malteser Hilfsdienst, Arbeiter-Samariter-Bund, Arbeiterwohlfahrt, HELP, CARE, Paritätischer Wohlfahrtsverband, ADRA und World Vision.

Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) spricht von einer "sensationellen Spendenbereitschaft": Bislang kamen 22,8 Millionen Euro zusammen. Die Organisation ruft weiter zu Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe auf.

Uno mahnt: Andere Krisenregionen dürfen nicht vergessen werden

Die Vereinten Nationen haben die "wahrhaft überwältigende" internationale Hilfsbereitschaft begrüßt - gleichzeitig aber auch davor gewarnt, die Menschen in anderen Krisengebieten wie Burundi, Kongo, Sudan, Uganda oder Tschetschenien zu vergessen. Mehr als zwei Milliarden Dollar wurden bislang von 45 Staaten als Fluthilfe zugesagt. Der Uno-Koordinator für die Katastrophenhilfe, Jan Egeland, und Generalsekretär Kofi Annan äußerten die Hoffnung, dass alle Zusagen auch in materielle Hilfe umgesetzt würden. Die Erfahrungen der Vergangenheit gäben allerdings zur Sorge Anlass, dass nicht alle Zusagen letztlich eingehalten würden, sagte Annan. Auch nach dem schweren Erdbeben in der iranischen Stadt Bam vor einem Jahr sei ein Großteil der zugesagten Spenden ausgeblieben. Die Leute im Bam seien frustriert, dass sie noch heute in Zelten leben müssten, sagte Egeland dazu.

Egeland und Annan hatte seit dem ersten Appell für die Rettung von Menschenleben in den Tsunami-Gebieten mehrfach dazu aufgerufen, die bedrohten Menschen in anderen Teilen der Welt nicht zu ignorieren. "Innerhalb von sieben Tagen", so rechnete Kofi Annan am Wochenende im US-Fernsehsender ABC vor, "haben wir mehr Geld für die Tsunami-Krise bekommen, als auf alle unsere humanitären Hilfsappelle im zurückliegenden Jahr zusammengenommen."

Geldmangel gehörte 2004 wieder zu den Gründen dafür, dass es der Uno nicht gelang, das vermeidbare Sterben in weiten Teilen Afrikas einzudämmen. "Im Osten Kongos kommen nach jüngsten Erhebungen jeden Tag rund 1000 Menschen an vermeidbaren Krankheiten und wegen der Vernachlässigung der humanitären Hilfe ums Leben", sagte Egeland gegenüber Reportern in New York. "Das summiert sich alle vier Monate zu einer Tsunami-Katastrophe. Und das schon seit Jahren."

Es gebe weltweit rund 20 Krisenherde, sagte Egeland. "Können wir nicht endlich aufwachen und uns diesen 20 vergessenen humanitären Katastrophen so widmen, wie wir es jetzt mit den Tsunami-Opfern in Asien tun?" Annan hatte gesagt: "Sie sind nicht in den Schlagzeilen, sind werden nicht im Fernsehen gezeigt, und sie werden ignoriert und übersehen."



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