Flutkatastrophe in Phuket "Ich dachte, jetzt ist es vorbei"

Sie haben nur noch das, was sie am Leib tragen: deutsche Touristen, die in Phuket den Tsunami überlebt haben. Einige waren tauchen, andere wurden im Schlaf überrascht oder waren beim Zahnarzt, als der Kampf auf Leben und Tod begann. Jetzt versuchen sie nach Hause zu kommen - doch es fehlt an Geld, an Fahrzeugen, an Flügen, an Informationen.

Aus Phuket berichtet Hardy Prothmann


Vachira-Hospital in Phuket: "Wir haben zwar nichts mehr, aber wir sind am Leben"
REUTERS

Vachira-Hospital in Phuket: "Wir haben zwar nichts mehr, aber wir sind am Leben"

Den überlebenden Urlaubern steht der Schock über die Flutkatastrophe ins Gesicht geschrieben. Dorothea R. war am gestrigen Morgen in Kao Lak an der Nordwestküste Thailands auf dem Weg zum Zahnarzt, als das Wasser durch die Straßen schoss: "Ich wurde von dieser Masse aus Wasser, Schlamm und Gerümpel mitgerissen und in ein Garage gedrückt. Von hinten kam ein Sofa angeschossen. Ich dachte, jetzt ist es vorbei. Dann konnte ich mich aber an dem Sofa festhalten. Nach ein paar Minuten verschwand das Wasser dann wieder."

Die Frau erzählt ihre Geschichte gefasst, aber deutlich mitgenommen. Überall am Körper hat sie Prellungen. "Ich humpelte dann los zum Zahnarzt in den zweiten Stock. Der versorgte mich mit Wasser. Dann kamen die zweite Welle und noch eine und noch eine. Nach zwei Stunden haben wir uns dann auf die Straße getraut. Seine Schwester und ein Assistent sind noch verschwunden."

Rund 200 Bungalows standen in dem Dorf Kao Lak. Nichts ist davon übrig geblieben. Die Polizei organisierte in den Anhöhen um den Ort und im Ort selbst provisorische Unterkünfte. Ein Taxifahrer brachte Dorothea R. und ihre zwei Bekannten, die sich auch retten konnten, ins 102 Kilometer entfernte Phuket. "Nachdem wir auf ihn eingeredet haben, hat er uns bei sich übernachten lassen. Wir haben zwar nichts mehr, aber wir sind am Leben."

Auch andere Urlauber berichten von der großen Hilfsbereitschaft der Thailänder. Viele Touristen sind nach der Flugkatastrophe auf Pritschenwagen, auf Mofas und allem, was noch fahren konnte, in die umliegenden Anhöhen geflüchtet. In der Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Phuket kommen ständig deutsche Urlauber an, die meisten sind notdürftig versorgt. Prellungen und Schnittwunden sind die häufigsten Verletzungen. Das Hab und Gut, Papiere, Bargeld ist weg, nur das nackte Leben blieb ihnen.

Der Flughafen ist mittlerweile wieder in Betrieb und viele wollen sofort ausreisen. Der Andrang ist allerdings immens und die Weiterreise in Bangkok wird zum Geduldsspiel. Die Hilfe der Botschaft ist kläglich und reicht meist nur für die notwendigen Telefonate: 1200 Bath, das sind umgerechnet 24 Euro.

Botschaft bietet nur "Hilfe zur Selbsthilfe"

Die Deutsche Botschaft kann nur "Hilfe zur Selbsthilfe" leisten und bittet deutsche Urlauber, sich gegenseitig zu unterstützen. In Phuket bietet die Vertretung eine erste kleine Geldhilfe an und die Versorgung mit Bescheinigungen für die Ausreise. Die Fluggesellschaften fliegen Urlauber aus in Richtung Bangkok. In Phuket ist die zentrale Anlaufstelle die City-Hall, wo alle Länder, die Vertretungen unterhalten, Informationen sammeln und Hilfe anbieten.

Zerstörung in Phuket: Prellungen und Schnittwunden sind die häufigsten Verletzungen
AFP

Zerstörung in Phuket: Prellungen und Schnittwunden sind die häufigsten Verletzungen

Telefonieren ist wegen der überlasteten Netze allerdings fast nicht möglich, in den zerstörten Gebieten mangelt es an Wasser und Unterkünften. Wie viele deutsche Urlauber ums Leben gekommen sind, ist noch vollkommen unklar. Die Berichte aus dem Nordwesten hören sich ebenfalls verheerend an. Die Urlauber treffen erst allmählich in Phuket-City ein, weil sie auf den Transport mit einer begrenzten Anzahl von Taxis oder Bussen aus dem Inland angewiesen sind. Private oder gemietete Fahrzeuge sind ebenso wie die Motorradtaxis und andere Transportmittel zumeist zerstört.

Tauchboote sollten auf dem Meer bleiben

Heidi Pollow aus Rosenheim erwischte die Welle beim Tauchen vor Racha Noi im Süden von Phuket. "Wir wussten, dass irgendwas kommen sollte. Trotzdem gingen wir ins Wasser. Die erste Gruppe hat wegen der starken Strömung den Tauchgang sofort wieder abgebrochen, wir nach einer Viertelstunde." Die Küstenwache informierte die Boote per Funk, dass sie nicht zurückkehren sollten. Bis zum Nachmittag harrten die 25 überwiegend deutschen Taucher auf dem Meer aus. "Wir saßen stundenlang mit Rettungswesten auf dem Boot und wussten nicht recht, was vorging, weil die Thai-Besatzung kaum Englisch gesprochen hat."

Phuket vor der Katastrophe: Aus dem Urlauberparadies wurde ein Albtraum
GMS

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Claudia Krekeler und ihre Familie traf es im Schlaf: "Wir lagen im Bett in unserer wunderschönen Villa. Mit einem Mal bebte alles und dann barsten die Verandascheiben. Unsere Betten wurden hoch geschwemmt, bis kurz unter die Decke. Ich packte unsere Tochter und wir kämpften uns gegen das Wasser nach draußen." Das Bang Tao Beach Cottage, in dem sie wohnte, war ein einziger reißender Bach.

Mit letzter Kraft rettete sich die Familie aufs Dach. Zuvor konnte die Frau noch die Besitzerin der Anlage am Arm packen. Deren Angestellte zogen sie aus dem Wasser. "Nach der zweiten Welle sind wir vom Dach runter und wurden an einer Rettungsleine über einen Bach, der vorher nicht da war, von Rettungskräften geborgen." Rund 30 Meter oberhalb der zerstörten Anlage trafen sie auf andere, ebenfalls verwirrte Urlauber: Die hatten von der Welle nichts mitbekommen und genossen gerade die Sonne und das schöne Wetter am Pool.



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