Flutopfer in Burma Wo niemand über die Toten reden darf

An der thailändischen Küste starben Tausende von Menschen. Im Nachbarland Burma soll es nur 56 Tote gegeben haben. Doch die Angaben der Militärjunta in Yangon sind wenig glaubwürdig. Die zensierten Medien schweigen über das Seebeben im Indischen Ozean, über die Opfer in den Nachbarländern und über die eigenen.

Von Sonja Ernst




Die Zahl der Flutopfer bleibt ungewiss: Die Sorge wächst
AFP

Die Zahl der Flutopfer bleibt ungewiss: Die Sorge wächst

Berlin - Burma, in dem eines der finstersten Regimes Asiens herrscht, gibt keine Auskunft. Nach dem Seebeben im indischen Ozean ist ungewiss, wie viele Menschen entlang der burmesischen Küste in den Flutwellen starben. Die Regierung in Yangon meldet 56 Tote und 25 Vermisste. 17 Fischerdörfer seien zerstört und 200 Menschen obdachlos. Doch die Zahlen sind wenig glaubwürdig. Burma, das sich seit 1989 Myanmar nennt, ist bekannt für seine rigide Informationspolitik, seit Jahrzehnten herrscht Zensur. "Reporter ohne Grenzen" führt auf seiner Liste zur Bewertung der Pressefreiheit Burma als eines der Schlusslichter, nur auf Kuba und in Nord-Korea wird die Arbeit von Journalisten noch massiver behindert.

Burma grenzt im Südosten an Thailand. Zwischen dem Nachbarn und dem Indischen Ozean erstreckt sich der burmesische Küstenstreifen, der Richtung Süden immer schmaler wird. Die südlichste Hafenstadt Kawthuang ist nur einige hundert Kilometer von dem zerstörten thailändischen Urlaubsparadies Phuket entfernt. In Burma findet Tourismus im Norden statt, westlich von Yangon. Aber was ist mit den Bewohnern der Küstenregion? Sie sollen verschont worden sein, von einer Flutwelle, die selbst das Horn von Afrika erreichte, 4500 Kilometer entfernt.

Nur spärliche Informationen

Seit Mitte Dezember ist Benno Röggla in Mae Sot im thailändischen Grenzgebiet zu Burma. "Die Informationen laufen jetzt aus den verschiedensten Kanälen zusammen. 93 Tote bislang. 2000 werden noch vermisst. Auch 140 Fischerboote werden vermisst, mit jeweils sieben bis acht Leuten an Bord. 5000 und mehr wurden obdachlos", so der 47-jährige. In der kleinen Stadt, 500 Kilometer nordwestlich von Bangkok, ist ein Flüchtlingslager. Hier suchen Burmesen Schutz vor dem Militärregime in ihrer Heimat. Seit Jahrzehnten herrscht Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den ethnischen Minderheiten. Röggla hilft den Flüchtlingen, die auch in Thailand um ihr Überleben kämpfen. Der Marketingberater ist Gründer von "Helfer ohne Grenzen", einem kleinen gemeinnützigen Verein aus Südtirol.

Zerstörter Tempel: Die Regierung schweigt über das Ausmaß der Katastrophe
AP

Zerstörter Tempel: Die Regierung schweigt über das Ausmaß der Katastrophe

Röggla glaubt, dass die Flutwelle in Burma noch wesentlich mehr Menschen getötet haben könnte. "Es gibt hunderte und tausende Fischerdörfer entlang der Küste. Die Menschen leben in einfachsten Hütten." Auch wenn nur ein Teil der Flutgewalt die Küste erreicht habe, dann bedeute das eine Katastrophe, so Röggla und er fragt sich: "Wieso sollte die Flut genau an der Grenze zu Burma stoppen?" Doch die Zufahrtswege in die Küstenregion sind vom Militär abgeriegelt. Seit heute patrouillierten Kriegsschiffe die Küste, nicht um Hilfe zu bringen, sondern um ausländische Hilfstrupps fernzuhalten. Wenn die Militärregierung Hilfsorganisationen ins Land ließe, dann würde das Ausmaß des Bürgerkrieges überhaupt erst offenbar, so Röggla. Die Flüchtlinge im Lager machen sich Sorgen, um ihre Familien zu Hause. Die Ungewissheit wächst. Röggla wird noch einige Zeit des Bangens mit ihnen verbringen, doch irgendwann muss der Marketingberater zurück nach Südtirol. Eines steht für ihn fest: "Die Welt fordert wenig von der Regierung in Yangon."

Auch die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" meldet unter Berufung auf einen burmesischen Priester Zweifel an den offiziellen Zahlen. Im Gespräch mit dem katholischen Priester sagt dieser, die Regierung tische eine große Lüge auf. 800 Inseln seien bewohnt, wie könne es da nur 56 oder auch noch 90 Tote geben? Es müssten hunderte sein. An der Küste ständen die Pfähle der zerstörten Holzhütten wie verlorene Zahnstocher im Wasser. Das Militär zwinge die Menschen, die Toten so schnell wie möglich zu begraben und zu schweigen. Der Priester nennt keinen Namen, es gibt kein Bild von ihm. Zu groß ist seine Angst wieder ins Gefängnis zu kommen, doch ihn treibt das Gefühl, die Wahrheit sagen zu müssen.

Der Nationalfeiertag bestimmt die Medien

Auf den Webseiten der offiziellen Tageszeitung "The New Light of Myanmar" fehlt jeglicher Hinweis auf das Seebeben, das die ganze Region erschütterte. Keine Meldung von den Tausenden von Toten in den Nachbarländern. Alles dreht sich um die Militärparade und das Ziehen der Flaggen am heutigen Nationalfeiertag. Da ist kein Platz für schlechte Nachrichten.

Eine der wenigen internationalen Hilfsorganisationen in Burma sind "Ärzte ohne Grenzen". Einem kleinen Team mit Arzt und Wasserspezialist sei es gelungen, eine Erkundungstour zu machen, so Stephan Große Rüschkamp, Pressesprecher der deutschen Sektion in Berlin. "Die Kommunikationsmöglichkeiten sind begrenzt." Aber er versucht, mit seinen Kollegen Kontakt zu halten. Erste Rückmeldungen scheinen die geringen Opferzahlen der Regierung zu bestätigen. Noch dazu sei die Küstenregion wenig besiedelt. Das kleine Team wird weiter entlang der Küste reisen und versuchen, auf eine der Inselgruppen zu gelangen. Erst dann wird nach und nach ein realistisches Bild entstehen.

Drama an der Grenze zu Thailand: Kommunikation ist kaum möglich
AFP

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Auch das Internationale Rote Kreuz hat nun ein Erkundungsteam in die südliche Küstenregion geschickt, um eigene Informationen zu sammeln. Das Welternährungsprogramm der Uno sprach erstmals von 30000 Menschen, die Hilfe bräuchten. Die in Norwegen ansässige oppositionelle Radiostation, die "Demokratische Stimme Burmas" meldete 400 Tote in der südlichen Küstenregion und noch 200 vermisste Fischer.

Auch der amerikanische Außenminister Colin Powell, der sich seit Dienstag in Thailand aufhält, kann sich noch keinen Reim auf die unklaren Angaben aus Burma machen. "Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll oder nicht", antwortete er auf einer Pressekonferenz in Bangkok auf die Frage, ob er die offiziellen burmesischen Angaben über Tote und Verletzte für realistisch halte. Ein erster Blick auf Satellitenfotos lasse es aber tatsächlich so aussehen, als ob die burmesische Küste nicht so stark von der Flutwelle getroffen worden sei wie andere Länder. Über die Situation auf den Inseln konnte Powell nichts sagen.

Rainer Kind, Leiter der Sektion Seismologie vom Geoforschungszentrum Potsdam, hält es für möglich, dass Burma weniger schlimm betroffen ist. "Es kann tatsächlich sein, dass die Welle nicht so stark in Richtung Burma und auch Bangladesch war." Doch Konkretes ließe sich bislang nicht sagen, auch nicht anhand von Modellrechnungen. "Nach dem Seebeben kamen die ersten Meldungen ja auch aus Sri Lanka und Indien. Erst einmal kam nichts aus Sumatra." Da der Erdbebenbereich in Nord-Süd-Richtung verlief, hätten sich die größten Flutwellen nach Osten und Westen ausgebreitet. Auch kann es sein, dass die indischen Inselgruppen der Andamen und Nikobaren, zwei Flugstunden vor der Küste Burmas, der Flut ihre erste gewaltig Kraft nahmen." Die Inseln beeinflussen das zwar alles, aber abschotten können sie die Küste nicht." Auch hier Rätselraten.

Keine Einmischung in die "inneren Angelegenheiten"

Die Militärregierung tut nichts, um die Situation zu klären. Seit Jahren führt das Regime des "Ersten Generals" Than Shwe die internationale Gemeinschaft an der Nase herum. Immer wieder wird die Rückkehr zur Demokratie versprochen. Doch seit Jahren steht die Oppositionspolitikerin Aung Suu Sun Kyi unter Hausarrest. 1990 gewann die Friedensnobelpreisträgerin mit ihrer Oppositionspartei der "Nationalen Liga für Demokratie" die Wahlen mit 60 Prozent der Stimmen. Doch die Militärjunta ignorierte das Votum der Menschen und blieb an der Macht - bis heute.

Seit mehr als einem Jahrzehnt sind die Universitäten geschlossen. Eine ganze Generation ist damit verloren, ohne Bildung. Die Mächtigen fürchten eine Studentenbewegung, die Demokratie und Menschenrechte bringen könnte. Im Oktober war der Premierminister und Geheimdienstchef Khin Nyunt abgesetzt worden. Er galt als drittstärkste Kraft innerhalb der Militärregierung und als Reformer. Wie ernst er es mit seinem Kurs der Aussöhnung meinte, war schwer einzuschätzen. Aber ebenso unklar bleibt, wieso er gehen musste. Die USA und die Europäische Union fordern verstärkt Sanktionen gegen Yangon, doch die Nachbarn des südostasiatischen Staatenbündnisses Asean bleiben dem Prinzip der Nichteinmischung treu. Zuletzt wurde der Hausarrest für die Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi um ein weiteres Jahr verlängert.

Das Rätselraten geht weiter. Nur eins ist gewiss, entlang der Küste wird es keine Rettungsmaßnahmen mit ausländischer Hilfe geben. Yangon lehnt Unterstützung ab, aus Angst vor Einmischung in "innere Angelegenheiten".



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