Stopfleber in Frankreich Qual für das Festtagsessen

Delikatesse auf Kosten des Tierschutzes? Der Streit über "Foie gras" entzweit Frankreich: Videos über die Produktion der Stopfleber könnten der Gourmetnation den Feiertagsappetit verderben.

L214 - Ethique & Animaux

Das Gericht gehört zum traditionellen Weihnachtsmenü wie Champagner, Jakobsmuscheln, Pute und die Bûche de Noël: Foie gras, Stopfleber, kommt roh, halbgar oder gedünstet auf den Tisch, wird meist mit Honigkuchen, Pfeffer und Sauternes serviert. Jeder Metzger und Feinkosthändler, der etwas auf sich hält, hat Gänse- oder Entenleber im Angebot. Zum Jahresende übertreffen sich Supermärkte und Discounter mit Dosenware als Sonderangebot, und natürlich gibt es Foie gras längst online zu kaufen.

Vier von fünf Franzosen halten die Feinkost für die Feiertage für "unverzichtbar", seit 2006 ist die Stopfmast vor Verboten geschützt: Foie gras wurde damals zu einem "Teil des kulturellen und gastronomischen Erbes" erklärt. Und trotzdem: Die Liebe der Franzosen zu ihrer weihnachtlichen Leibspeise wird zunehmend auf die Probe gestellt.

Die Organisation "L214" - benannt nach der Landwirtschaftsrichtlinie, die Tiere erstmals als "fühlende Lebewesen" beschreibt - bekämpft die Praxis der Turbomast, weil sie "mit den biologischen Bedingungen der Art nicht vereinbar" sei. Und "Turbo" ist keineswegs übertrieben: Die Entenleber wird binnen weniger Wochen auf ihr Schlachtgewicht gemästet.

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Foie gras: Wie Stopfleber produziert wird
Fotos und Videos des Vereins zeigen eine Massenaufzucht, bei der vielen Gourmets die Stopfleber im Hals stecken bleiben dürfte. Selbst die Produktion für den Elysée, wo Foie gras gern bei Staatsdiners gereicht wird, entlarvten die Tierschützer als "Drei-Sterne-Tortur".

Tatsächlich werden die Enten für die Produktion vorsortiert; die weiblichen Exemplare werden meist zermahlen, die männlichen Küken nach rund acht Wochen erster Aufzucht bis zu 14 Tage lang in Käfigen zwangsernährt. Zwei bis drei Mal täglich werden die Vögel dazu durch herabsinkende Gitter immobilisiert.

Die Leber der Vögel reagiert mit einem starken Anschwellen

Dann wird den Enten "von oben oder von vorn" ein Schlauch bis zum Kropf eingeführt - so die Beschreibung der Firma FAF über ihre mit dem Innovationspreis ausgezeichnete Maschinerie "Der Traum" (Le Rêve): Anschließend wird eine Portion Futter in den Hals katapultiert. "Hundert Gramm pro Sekunde" sind es etwa beim FAF-Modell "Turbo 2000", das damit eine Mast von "bis zu 500 Enten/Stunde" erlaubt.

Der kalorienreiche Maisbrei, ein knappes Kilo, übersteigt bei Weitem den normalen Nahrungsmittelbedarf der Vögel - deren Leber reagiert mit einem starken Anschwellen und erreicht zum Teil das Zehnfache seiner natürlichen Größe. Verletzungen, Entzündungen oder Infektionen von Speiseröhre und Darm sind keine Seltenheit, außerdem drohen Pilz- und Bakterienbefall. Bis zu vier Prozent der Enten, so "L214", sterben durch derartige Nebenwirkungen.

Foie-gras-Hersteller bezeichnen die Darstellung der Tierschützer als "Manipulationen", die "nichts mit der Realität zu tun" hätten. Werbekampagnen preisen die Stopfleber als "antikes Erbe" von Ägyptern und Römern. Und TV-Spots gaukeln den Verbrauchern eine ländliche Praxis auf idyllischen Höfen vor: Zwischen Elsass, Aquitaine und Poitou, Loire und Midi-Pyrénées pflegen knorrige Gestalten bäuerliche Traditionen, "weitergegeben von Generation zu Generation".

In Wahrheit geht es um eine industrielle Export-Produktion, viel Geld und 100.000 Arbeitsplätze: 40 Millionen Enten werden in Frankreich jährlich per Mast aufgezogen, macht rund 19.000 Tonnen Stopfleber. Frankreich sorgt für etwa 70 Prozent der weltweiten Produktion.

Bekannte Küchenchefs verbannen Foie gras von ihrem Menü

Die Organisation CIFOG, deren Ziel es ist, die Herstellung von Foie gras "im Interesse des Berufsstandes zu verteidigen", preist die Produktionsbedingungen als komfortabel für die Tiere. Die "hepatische Steatose" (Leberverfettung) der Vögel sei ein "normaler physiologischer Prozess, weil die Lagerung von Fett in der Leber eine ihrer normalen Funktionen ist".

Zumindest im Ausland mehren sich die Zweifel an dieser Darstellung. Nach der Veröffentlichung der jüngsten Tierschützer-Videos schrieb Großbritanniens "The Daily Mirror" von einem "Akt der Barbarei"; bekannte Küchenchefs haben Foie gras von ihrem Menü gestrichen. Polen, Italien und Israel hatten zuvor schon auf die Form der Mast verzichtet, in Kalifornien und Indien ist der Import von derartigen Produkten verboten.

Das wollen die Tierschützer von "L214" auch für ihr Land erreichen: Zwar einigte sich die EU bereits 1999 auf ein Ende der umstrittenen Aufzucht. Die wichtigsten Produzenten - Bulgarien, Ungarn, Spanien und Frankreich - erhielten jedoch Aufschub bis 2016.

Bereits im Januar wird ein Gericht in La Roche-sur-Yon, Westfrankreich, über Foie gras zu befinden haben: Ein Enten-Produzent beschuldigt die Aktivisten, sie hätten für ihr Schock-Video seine Zuchtanlage beschädigt. Die Tierschützer revanchierten sich mit einer Grundsatzklage gegen die umstrittene Mastpraxis - die Gourmetnation ist gespannt.

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Stefan Simons berichtet aus Paris für SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Simons@spiegel.de

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
kolux 21.12.2014
1. Den meisten ist's egal
Hauptsache, es schmeckt. Das ist so bei Foie Gras, das ist so bei Schnitzel, Steak und Co. aus der Massentierhaltung, das ist so bei Fischen, die beim Fang erdrückt werden und ersticken etc. Gegen vegetarisches und veganes Essen wird gelästert und wenn die Grünen einen Veggie-Day einführen wollen, geht ein Aufschrei durch's Land, als würde die Demokratie durch ein Militärregime bedroht werden. Ich verstehe meine Mitmenschen nicht und empfinde diese Ignoranz und Verrohung erschreckend.
spon-facebook-10000216344 21.12.2014
2. als Gourmet und Hobbykoch
habe icj mir persönlich die Lieferanten unserer Nahrungsmittel ausgesucht. Die maschinelle Stopfung ist dem Msinstream preiswerter Luxussegmente der Europäischen Handelsketten geschuldet, denn auch billig geht nur über Masse. Meine Partner nehmen die Ganse zwischen die Kniee, futtern sie uber einen Trichter mit Schlauch und streicheln sie dabei. Nach Ende der Prozedur geht die Ganz ruhig und angstfrei wieder auf die Weide. Man schmeckt die so hergestellte Qualität. Die stellt sich ganz alleine uber den Preis ein, Verbote schaden nur der breiten Masse.
interdet 21.12.2014
3. Die Sterneküche ist hier in der Verantwortung
Solange Stopfleber ein Essen der gehobenen Klasse ist, wird man wohl großzügig über die Zucht- und Haltemethoden hinweg schauen. Auch ist insbesondere die Gänsestopfleber ein Muss in der hiesigen Sternegastronomie, die auf das Angebot dieser "Delikatesse" nicht verzichten möchte und die Kunden anscheinend auch nicht. Aber es gibt noch mehr Leckerein aus Frankreich, zum Beispiel die Blutente. Für mich steht schon lange fest, dass ich Gastronomie, die derartige Produkte auf der Speisekarte anbieten, nicht besuche. Vielleicht werden wir durch diesen Beitrag ja mehr
albertaugustin 21.12.2014
4. Höchste Zeit
dieser "kulinarischen" Tierquälerei ein Ende zu machen !
oneil57 21.12.2014
5. Streicheln die Gans dabei!
egal ob gestreichelt oder nicht, eine "Zwangsernährung" mit dem Schlauch ist einfach widerlich. Man erkennt eine gute Gesellschaft daran wie sie mit den Schwächsten umgeht, egal ob Mensch oder Tier.
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