Fotokunst "Barcelona legt die Kleider ab"

Er hat sich ein Mammut-Projekt vorgenommen - weltweit massenhaft Menschen nackt zu fotografieren. In Barcelona brach Spencer Tunick am Sonntag alle Rekorde. 7000 Menschen ließen die Hüllen fallen.


 Barcelona: 15000 hatten sich angemeldet, die Hälfte zog sich aus
REUTERS

Barcelona: 15000 hatten sich angemeldet, die Hälfte zog sich aus



Barcelona - Der 36-Jährige Fotograf übertraf damit seinen eigenen Rekord vom Oktober 2001 in Melbourne, wo sich 4500 Australier für den US-Fotografen ausgezogen hatten. "Barcelona legt die Kleider ab", titelte die Lokalzeitung "La Vanguardia" am Montag.

Ursprünglich hatten sich in der nordspanischen Metropole sogar 15000 Teilnehmer gemeldet. Aber viele von ihnen verließ im letzten Augenblick dann doch der Mut. Bei dem Foto-Happening am Pfingstsonntag dienten dem Künstler Freiwillige als "Models", die für ihre Teilnahme kein Geld erhalten, sondern lediglich die Kopie eines Fotos. Die Nackedeis posierten auf dem eigens abgesperrten Maria-Cristina-Boulevard in drei verschiedenen Stellungen: stehend, rücklings auf dem Asphalt liegend und zusammengekauert.

Weniger Frauen nahmen teil

Die "Models" waren mehrheitlich junge Männer, aber auch alle anderen Altersgruppen vom Rentner bis zum Säugling waren vertreten. "So etwas hat in Barcelona noch gefehlt", meinte ein 74-jähriger. Eine junge Frau, die ihr fünf Monate altes Baby mitgebracht hatte, räumte ein: "Ich fühle mich ein wenig als eine schlechte Mutter. Aber ich denke, das Kunstwerk ist es wert."


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Tunick, der sich mit Aufnahmen von großen Massen nackter Menschen einen Namen gemacht hat und dem selbst in katholischen und eher prüden Ländern wie Chile im vergangenen Jahr Massenaufnahmen gelang, dirigierte die Menge der Nackten von einer fahrbaren Hebebühne aus. "Wenn ich in New York diese Fotos gemacht hätte, würde ich jetzt als Krimineller behandelt und vor Gericht gestellt", sagte der Künstler. In New York war er fünf Mal wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen worden.

Unterstützung durch die Verwaltung

In Barcelona unterstützte die Stadtverwaltung das Foto-Happening Tunicks, der mit seinen Werken den Kontrast zwischen den nackten Körpern und der kalten Anonymität öffentlicher Gebäude zum Ausdruck bringen will.

Dennoch lief nicht alles wie am Schnürchen. Tunick stand oben auf seinem Podest zuweilen kurz davor, die Nerven zu verlieren. Die Nackten unter ihm waren in ausgelassener Stimmung und ließen es an der gebotenen Ernsthaftigkeit fehlen. Dabei mussten sie im Morgengrauen bei nur 15 Grad über eine Stunde unbekleidet im Freien stehen. "Ihr sollt Eure Brillen abnehmen", rief Tunick den Freiwilligen zu. "Die weiße Schirmmütze dahinten soll verschwinden!»



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