Fotoprojekt über evangelikale US-Südstaatler "Die lieben verrückte Typen!"

Die Fotografin Phyllis B. Dooney hat fünf Jahre lang den Alltag einer lesbischen Tochter in einer konservativen Familie aus Mississippi dokumentiert. Das Projekt ist zugleich ein Gesellschaftsporträt der US-Südstaaten.

Phyllis B. Dooney/ Kehrer

Ein Interview von


Zur Person
    Phyllis B. Dooney ist eine amerikanische Dokumentarfotografin. Ihre Arbeiten wurden in vielen Zeitschriften veröffentlicht, unter anderem im "New York Times Magazine" und im "Atlantic".

SPIEGEL ONLINE: Ihre Protagonistin Halea haben Sie in einer Karaoke-Bar angesprochen, nachdem sie dort einen Eminem-Song rappte. War Ihnen sofort klar, dass sie im Mittelpunkt stehen soll?

Dooney: Nein, das war ein Prozess. Im ersten Jahr meiner Besuche in Greenville, Mississippi, habe ich noch viele verschiedene Menschen fotografiert. Bis mir dann klar war, dass es in Haleas Familie genug Geschichten zu erzählen gibt. Deshalb habe ich nur noch mit den Browns weitergemacht.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie an der Familie?

Dooney: Dieser Zwiespalt. Einerseits sind die Familienmitglieder typisch für die Gegend, konservativ und als evangelikale Christen sehr religiös. Andererseits gibt es mit Halea eine lesbische Tochter, die sie lieben und akzeptieren. Deshalb haben sie einen Weg gefunden, damit umzugehen. Es ist einfach, jemanden im Internet zu dissen, weil er schwul ist. In der eigenen Familie geht das so nicht.

Fotostrecke

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Foto-Projekt: Das Leben in Greenville

SPIEGEL ONLINE: Wie geht die Familie damit um?

Dooney: Man steht zueinander und sieht über Unterschiede hinweg. Das hat mich überrascht. Ich dachte nicht, dass dort in Greenville jemand so offen mit seiner Homosexualität umgeht. Insofern habe ich auch viel über meine eigenen Vorurteile gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Was genau?

Dooney: Eigentlich dachte ich, ich sei weltoffen und neugierig. Dann habe ich gemerkt, dass ich einige Stereotypen über das Leben im Mississippi-Delta aus New York City mitgebracht habe. Die Südstaatler stellte ich mir nur konservativ vor. Dabei sind die Menschen dort offen für Exzentrik und eigene Charaktere. Die lieben verrückte Typen! Im urbanen Amerika ist das nicht immer so - oder zumindest nur vordergründig. Auch mein Bild von Armut hat sich verändert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Dooney: Bei Walmart kann man sich heute eine Jeans für zehn Dollar kaufen. Auch in armen Familien sitzen keine Kinder mehr in dreckigen Windeln vor Wohnwagen. Das sind normal aussehende Leute, die zur Arbeit und in die Schule gehen. Und dennoch haben sie kaum Geld und kämpfen mit den wirtschaftlichen Bedingungen im Land.

SPIEGEL ONLINE: Und warum lässt sich das in Greenville besonders gut beobachten?

Dooney: Weil Greenville als Beispiel dafür steht, was vielen amerikanischen Städten passiert ist. Greenville war mal eine wichtige Hafenstadt und Teil einer ehemaligen Handelsroute am Mississippi. Dann brach in den Achtzigerjahren die Wirtschaft zusammen. Jetzt sind die Menschen dort auf der Suche nach neuen Einkommensquellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Browns im Bett, vorm Spiegel und immer wieder beim Rauchen fotografiert. Insgesamt waren Sie in den vergangenen fünf Jahren mehr als ein Dutzend Mal da. Wann wird der Beobachter zum Familienmitglied?

Dooney: Ich war eben jemand, der hinzukam mit seiner Kamera. Das ist immer eine Einschränkung. Gleichzeitig waren die Gespräche sehr intim. Wir sprachen über Dinge, über die man sonst vielleicht nicht mal mit der besten Freundin redet. Es war auch cool und interessant, Halea wachsen zu sehen. Als ich das Projekt begann, war sie 18, so ein kleines Ding. Inzwischen ist sie 23, hat eine eigene Wohnung und arbeitet als Elektrikerin.

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Phyllis B. Dooney, Alison Morley (Hrsg.), Jardine Libaire:
Gravity Is Stronger Here

Kehrer; 200 Seiten; gebunden; Englisch; 49,90 Euro

SPIEGEL ONLINE: Welches Motiv mögen Sie besonders von Halea?

Dooney: Das Foto mit der Hand auf der Brust. Ich mag es, weil es ihren Charakter zeigt, ihre Stärke und im Hintergrund noch ein bisschen was von den Häusern und die typische Landschaft Mississippis. Es ist so fruchtbar dort und nass. Außerdem sieht man Haleas Tattoos. Die zeigen, dass sie eine Geschichte hat, die auch ihren Körper gezeichnet hat.

SPIEGEL ONLINE: Neben ihren Fotos sind im Buch "Gravity is stronger here" auch Gedichte der Schriftstellerin Jardine Libaire. Warum?

Dooney: Jardine und ich haben mal über das Projekt gesprochen. Im vergangenen Jahr kam sie dann ein paar Mal zu den Browns mit. Davor hatte sie schon alle Fotos gesehen und wusste, was mich interessiert. Es ging aber nicht darum, dass die Fotos die Gedichte illustrieren. Das sind vielmehr zwei Arten, sich einem Thema kreativ zu nähern. Eigentlich waren nur Überschriften geplant. Aber das mit den Gedichten passt einfach. Die Browns sind Träumer und Musiker, haben eine sehr lyrische Art. Ein Gedicht repräsentiert ihre Lebensweise besser als es eine Überschrift jemals könnte.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.



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