Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sterbehilfe-Debatte in Deutschland: Der gewünschte Tod

Von und

Sterbehilfe in Deutschland: Was sollte erlaubt sein? Zur Großansicht
DPA

Sterbehilfe in Deutschland: Was sollte erlaubt sein?

In Belgien soll die aktive Sterbehilfe auf Minderjährige ausgeweitet werden, auch in Deutschland wird das Thema diskutiert. Soll der Staat Beihilfe zur Selbsttötung verbieten? Oder sogar aktive Sterbehilfe erlauben? Die Rechtslage in Europa - der Überblick.

Hamburg - Die Debatte über Sterbehilfe gehört zu den wichtigsten Themen in Deutschland. Wie sieht ein würdevoller Tod aus? Was muss rechtlich erlaubt sein? Wo sind Grenzen zu ziehen? Der Bundestag wird in diesem Jahr mehrfach darüber debattieren, die Abgeordneten sollen ihrem Gewissen folgen.

Die europäischen Länder gehen sehr unterschiedlich mit dem Thema um. In Belgien wird diese Woche über eine Ausweitung der aktiven Sterbehilfe auf Minderjährige abgestimmt. Aller Voraussicht nach wird die Abgeordnetenkammer den Gesetzentwurf billigen.

In Deutschland spricht sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe für ein Gesetz aus, das jede Form der organisierten Selbsttötung verbietet. Doch einer Umfrage zufolge können sich 55 Prozent der Deutschen vorstellen, ihrem Leben im Alter aufgrund von schwerer Krankheit, langer Pflegebedürftigkeit oder Demenz selbst ein Ende zu setzen. Zwei Drittel der Deutschen sprachen sich in einer weiteren Umfrage für aktive Sterbehilfe aus. Aber was bedeutet das? Und wie ist die derzeitige Rechtslage? Der Überblick.

1. Welche Formen von Sterbehilfe gibt es?

Aktive Sterbehilfe: Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).

Assistierte Selbsttötung: Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings spielt das in der Praxis keine Rolle. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren zum Entzug der Approbation gekommen wäre.

Indirekte aktive Sterbehilfe: Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.

Passive Sterbehilfe: Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.

2. Was ist, wenn ein Patient seinen Willen nicht mehr äußern kann?

In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

3. Welche Alternativen zu Sterbehilfe gibt es?

Gegner von Sterbehilfe fürchten, dass alte und kranke Menschen sich bei einer prinzipiellen Ausweitung der Sterbehilfe unter Druck gesetzt fühlen könnten. Sie fordern eine stärkere Nutzung der Palliativmedizin. Diese kommt bei unheilbar kranken Patienten mit begrenzter Lebenserwartung zum Einsatz. Es geht vor allem darum, die Beschwerden und Schmerzen des Kranken zu mildern und ihm "durch bestmögliche Unterstützung im Sterben mehr Leben zu geben", wie die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin schreibt. Das Sterben solle nicht aufgehalten werden. Allerdings fordert Michael de Ridder, einer der bekanntesten Vertreter der Palliativmedizin, als letztes Mittel auch die Zulassung ärztlicher Beihilfe zum Suizid - wenn ein Patient trotz aller palliativer Maßnahmen weiterleidet und den Tod frei verantwortlich und nachhaltig wünscht.

4. Was will Gesundheitsminister Gröhe?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe möchte "jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen". Der Vorstoß richtet sich vor allem gegen Vereine wie Dignitas oder Sterbehilfe Deutschland. Damit geht er noch einen Schritt weiter als die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ein Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe gefordert hatte. Geht es nach Gröhe, werden künftig aber auch Vereine und Organisationen, die assistierten Suizid ohne Gewinnstreben ermöglichen, in das Verbot eingeschlossen. Gröhe will als Gesundheitsminister die Palliativmedizin und das Hospizwesen weiter ausbauen. Unterstützung bekommt er von der Bundesärztekammer, der katholischen Kirche und der Deutschen Stiftung Patientenschutz.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Auch Sterben ist ein Menschenrecht
flippermann 11.02.2014
Ein schwieriges Thema durchaus, ethisch/moralisch ist das für die Parlamentsmitglieder auch eine Gewissensentescheidung. Ich bin dafür die Sterbehilfe zu legalisieren, da ein mündiger Bürger auch ein Grundrecht für einen würdevollen Tod haben muss.
2. ...
cato. 11.02.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIn Belgien soll die aktive Sterbehilfe auf Minderjährige ausgeweitet werden, auch in Deutschland wird das Thema diskutiert. Soll der Staat Beihilfe zur Selbsttötung verbieten? Oder sogar aktive Sterbehilfe erlauben? Die Rechtslage in Europa - der Überblick. http://www.spiegel.de/panorama/fragen-und-antworten-zur-sterbehilfe-debatte-in-deutschland-a-945147.html
Das Recht auf Leben und die Unantastbarkeit der Menschenwürde schließt auch den selbstbestimmten Tod als letztes Kapitel eines Lebens mit ein.
3. Hoffentlich setzt sich Gröhe durch
unky 11.02.2014
Mit der "passiven Sterbehilfe" hat Deutschland Sterbehilfe genug. Jede aktivere Form der Sterbehilfe führt früher oder später dazu, dass die Gesellschaft gegenüber Alten oder Kranken Druck aufbaut: Warum lässt der/die sich nicht endlich beim Sterben helfen? Wer also meint, sein Sterben beeinflussen zu müssen, kann in jungen, gesunden Jahren entsprechende Verfügungen treffen!
4. Agenda 2020
nomadas 11.02.2014
Es ist ein Tabuthema und ein Topthema zugleich. Da ist einmal die demoskopische Faktenlage, die alternden Gesellschaft en masse. Da ist ein andermal die völlige Säkularisierung und Bedeutungslosigkeit von Kirche, Glaube etc. pp - Und da ist, last but not least, die unbezahlbare Pflege von Millionen und Millionen und Millionen von Alten, in einer Gesellschaft ohne gesunde Bevölkerungspyramide, bei gleichzeitigem Steigen der Lebenserwartung und einer immer effizienteren Medizin und Pharmaindustrie. Kurzum,eine Katastrophe bahnt sich nicht an, sondern steht vor der Tür. Na ja, und nicht alle sind Gunter Sachs oder Eberhard von Brauchitsch, in diesem Land. Demnach wird es zu einer völlig legalen, legitimen und würdigen Loslass - Weggeh- Abreise- oder einfach: Und-Tschüß-Hilfe kommen müssen. Da niemand sterben will, wird man eben, rhetorisch pfiffig und spaßrelevant, formulieren. Ob das die GROKO hinbekommt? on verra
5. Katholische Kirche :P
Patriot75 11.02.2014
Da muss ich schon gar nicht weiterlesen. Schön das unser Gesundheitsminister sich von dieser Minderheitenreligion/Einrichtung vorschreiben lässt, was zulässig ist und was nicht. Für mich gehört es zur Freiheit eines aufgeklärten Individuums dazu, über sein eigenes Ende frei zu bestimmen. Gut das es hier (nicht-gewinnorientierte) Vereine und gemeinnützige Einrichtungen gibt, die genau das ermöglichen. Jedes Tier wird besser behandelt, als ein Mensch der sprichwörtlich elendiglich zugrunde gehen darf aufgrund irgendwelcher ethischer Grundsätze, die über die freie Willensentscheidung des einzelnen gehoben werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: