Frankreich Taizé-Gründer Frère Roger bei Attentat getötet

Frère Roger, der 90-jährige Gründer der internationalen ökumenischen Gemeinschaft Taizé, ist getötet worden. Nach dem Attentat wurde die mutmaßliche Täterin festgenommen. Der Angriff überschattet den Weltjugendtag in Köln, an dem viele Taizé-Anhänger teilnehmen.


Opfer eines Attentäters: Der 90-jährige Frère Roger
DPA

Opfer eines Attentäters: Der 90-jährige Frère Roger

Dijon - Eine offenbar Geistesgestörte habe dem 90-Jährigen während der Abendandacht mit einem Messer drei Mal in den Rücken gestochen. Dabei sei er so schwer verletzt worden, dass er trotz erster Hilfe starb, teilte die Gemeinschaft in Taizé im französischen Burgund mit. Als mutmaßliche Täterin nahm die Polizei eine 36 Jahre alte Frau aus Rumänien fest.

Frère Roger sei blutend aus dem Gottesdienst getragen worden, berichtete eine Augenzeugin. An der Andacht nahmen rund 2500 Menschen teil. "Wir stehen unter Schock", sagte ein Mitglied der ökumenischen Glaubensgemeinschaft in Taizé. "Niemand versteht, was gerade passiert ist." Es seien sofort zwei Ärzte da gewesen, die dem 90-Jährigen aber nicht mehr helfen konnten.

Der gebürtige Schweizer hatte sein Leben wie kaum ein anderer der christlichen Ökumene verschrieben und sich dabei stets vor allem für junge Christen engagiert. Hunderttausende Menschen aus ganz Europa pilgern jedes Jahr nach Taizé, wo Frère Roger nach seinem Theologiestudium eine ökumenische Gemeinschaft gegründet hatte. Ostern 1949 legten sieben Glaubensbrüder ein Gelübde ab. Sie verpflichteten sich, ihr Leben lang zölibatär, arm und gehorsam gegenüber der Gemeinschaft zu leben. Heute gehören ihr rund hundert Männer an, jeder dritte ist katholisch. Es ist die erste ökumenische Bruderschaft der Kirchengeschichte.

Zuletzt hatte Frère Roger bei der Beisetzungsfeier von Papst Johannes Paul dem II. für weltweites Aufsehen gesorgt. Der damalige Kardinal Ratzinger und heutige Papst Benedikt der XVI. reichte dem Protestanten die Kommunion - eine einzigartige Geste, dürfen doch die evangelischen Christen die Hostie nach katholischem Verständnis eigentlich nicht empfangen. In dem französischen Kloster Taizé dagegen wird schon seit Jahren während der Gebetszeiten gleichzeitig das evangelische Abendmahl und die katholische Kommunion gefeiert. Frère Roger hatte sich jahrelang bemüht, das Trennende der Konfessionen aufzuheben.

Im Mai 1940 war er als Roger Schutz, Sohn eines Schweizer Pastors, in dem inmitten der Weinhänge des Burgund gelegenen Dorf Taizé eingetroffen, wo er sich in einem verlassenen Haus einrichtete. Geleitet von dem Vorbild seiner Großmutter, die im Ersten Weltkrieg französische Flüchtlinge aufgenommen hatte und sich bemühte, die durch den Krieg verfeindeten Christen miteinander auszusöhnen, setzte er sich das Ziel, Taizé zu einer Stätte des Gebets, des Friedens und der Aussöhnung zwischen allen Menschen christlichen Glaubens zu machen.

Frère Roger saß seit längerer Zeit im Rollstuhl. Er war körperlich geschwächt, galt aber trotz seines hohen Alters als geistig sehr rege.



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