Eine Familie und eine Elster Sie hatten einen Vogel. Er war ihre Rettung

Eine Mutter ist nach einem Unfall querschnittsgelähmt, verliert den Lebensmut. Ein Elsterküken fällt aus dem Nest, ist dem Tod geweiht. Familie und Vogel finden zueinander. Und es geschieht ein kleines Wunder.

Cameron Bloom

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Familie Bloom aus Australien hatte ein wunderbares Leben. Dann fuhr sie in den Urlaub nach Thailand. Dort lehnte sich Mutter Sam Bloom im Januar 2013 auf einer Aussichtsterrasse an ein morsches Geländer und fiel zwei Stockwerke tief. Es war ein Moment, in dem die Zeit für die Familie stehen blieb. Und in dem sich das Leben der Blooms für immer veränderte.

Sam brach sich das Rückgrat und ist seither querschnittsgelähmt. Nach mehr als drei Monaten im Krankenhaus und einem Vierteljahr in der Reha kam sie nach Hause zu Ehemann Cameron und den Söhnen Rueben, Noah und Oliver zurück. Sie hatte unerträgliche Schmerzen. Und täglich wurde ihr bewusst, was sie verloren hatte: Unabhängigkeit, die Fähigkeit, alleine Mountainbike zu fahren oder surfen zu gehen. "Ich brauche jemanden, nur um ins Fitnessstudio zu kommen. Ich fühle mich wie eine totale Belastung", sagt Sam.

Sie verlor ihren Lebensmut, Ehemann Cam musste mit ansehen, wie er langsam die Liebe seines Lebens verlor.

Und dann fiel Hilfe vom Himmel. Oder, genauer gesagt, aus einem Baum: ein Küken, das aus einem Nest geflogen war. Die Blooms nahmen die australische Elster bei sich auf und tauften es Penguin, wegen seines schwarz-weißen Federkleids. Die Familie wollte das Leben des kleinen Vogels retten. Ohne es damals zu ahnen, rettete sie damit auch sich selbst.

"Penguin wurde der Kitt, der die Familie zusammenhielt", sagt Cam. "Es ist eine Liebesgeschichte. Da ist Tragik, aber auch die Fähigkeit, jemanden zu stützen." Die Pflege des Vogels gab der Familie Zusammenhalt.

Für Sam wurde Penguin zur Gefährtin. Die Elster war Zuhörerin, Therapeutin, Gefährtin. "Cam und die Jungs haben in gewisser Weise genauso viel durchgemacht wie ich. Da wollte ich mich nicht immer vor ihnen beklagen. Das hätten sie irgendwann sattgehabt", sagt Sam. Umso wichtiger war es, Penguin an ihrer Seite zu haben.

Weil Cam Bloom Fotograf ist, richtete die Familie für Penguin einen Instagram-Account ein. Eigentlich nur ein Spaß für die Familie. "Man muss neben all der Trauer auch Fröhlichkeit finden", sagt Cam Bloom. Die Fotos waren bald so beliebt, dass sich Verleger meldeten.

Über den unverhofften Engel im Körper eines Vogels hat Cameron Bloom gemeinsam mit dem Autor Bradley Trevor Greive ein Buch geschrieben, das nun in Deutschland erscheint; Naomi Watts und Reese Witherspoon haben sich die Filmrechte gesichert. Bloom trug zu dem Buch einige Dutzend der insgesamt rund 14.000 Fotos bei, die er von Penguin gemacht hat.

"Sams Geschichte wurde auf Instagram nicht erzählt. Das waren einfach nur süße Fotos über unser Leben mit einem Vogel", sagt Cam. Seine Frau wollte es so. "Ich habe immer gesagt: Fotografiere mich nicht im Rollstuhl. Ich hasste das, mag es noch immer nicht besonders. Es war mir peinlich", sagt Sam.

Eine Elster als ständige Begleiterin

Das Buch sollte aber mehr als nur die Geschichte einer geretteten Elster sein. "Ich wollte Penguins Geschichte genauso wie Sams Geschichte erzählen", sagt Cam. Es wäre auch unmöglich, die beiden voneinander zu trennen.

Penguin saß bei Sam, wenn sie kochte. Sie lag mit Sam bei der Reha auf der Matte. Sie gingen gemeinsam unter die Dusche. Penguin saß bei den Jungs auf der Schulter oder dem Kopf, wenn die Fernsehen schauten oder Videospiele spielten.

Und sie kackte überall hin. Möbel und Fußböden litten gleichermaßen, besonders das weiße Sofa der Familie. "Wir mussten ständig den Bezug wechseln", sagt Cam. "Und manchmal machte sie ihr Geschäft auch auf unsere Schultern."

Trotzdem genossen die Blooms Penguins Gesellschaft. Aber sie wollten den Vogel nicht seines Lebens in der Natur berauben. Es wurde Zeit, die junge Lady zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen. Penguin war zu Beginn allerdings wenig geneigt, in einen Baum in den Garten umzuziehen. Immer wieder kam sie zurück, für eine Streicheleinheit oder ein warmes Schlafplätzchen im Bett eines Familienmitgliedes.

"Langeweile zieht dich runter. Ich fokussiere mich auf die Schmerzen und das Warum"

Dennoch wuchs ihre Selbstständigkeit. Sie blieb tageweise weg, erkundete die Welt. Bis sie endgültig verschwand. Im Juli 2015 flog Penguin in den Sonnenuntergang; seither hat die Familie sie nicht mehr gesehen. "Ich glaube, ich würde sie nicht einmal erkennen", sagt Sam Bloom. "Es sei denn, sie würde singen. Sie hatte dieses besondere Lied, klang wie eine Katze."

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Cameron Bloom, Bradley Trevor Greive:
Penguin Bloom

Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Aus dem Englischen von Ralf Pannowitsch

Albrecht Knaus Verlag; 208 Seiten; 19,99 Euro

Der Vogel hätte sich keinen besseren Zeitpunkt für seinen Abgang aussuchen können. Sam war damals nach Italien aufgebrochen, um an einem Kajak-Wettbewerb - ihrer neuen Leidenschaft - teilzunehmen. Sam und Cam geben zu, dass dieses Timing fast ein bisschen kitschig ist. So, als habe Penguin sagen wollen: Alles klar, meine Aufgabe ist hier ist erfüllt, ihr kommt jetzt auch ohne mich zurecht.

Doch so einfach ist es nicht. "Meine Normalität ist, frustriert zu sein und Schmerzen zu haben", sagt Sam. Sie könne das Leben gelegentlich etwas genießen, "aber ich hasse meinen Zustand". An manchen Tagen fühlten sich ihre Beine an, als stünden sie in Flammen. Entsprechend schwankend sei ihre Laune.

"Langeweile zieht dich runter. Ich fokussiere mich auf die Schmerzen und das Warum: Warum sind wir nach Thailand gefahren, warum sind wir auf die Terrasse gegangen? Und es wird mir bewusst, was ich alles vermisse, und das macht mich wütend." Die Familie lebt bei Sydney am Meer, vor Sams Unfall war der Strand das erweiterte Wohnzimmer. "Ich will nicht schwimmen gehen, weil ich es peinlich finde, auf dem Rücken ins Wasser und wieder herausgetragen zu werden, während alle anderen rumrennen und Spaß haben", sagt Sam.

Die Erinnerung an Penguin hilft der Familie. Monatelang sprachen sie jede Elster im Garten an, in der Hoffnung, Penguin sei zurückgekehrt. Inzwischen haben sich die Blooms damit arrangiert, dass der Vogel vermutlich irgendwo eine eigene Familie gegründet hat. "Das ist okay, sie ist zu einem guten Zeitpunkt gegangen", sagt Cam.

Die Blooms haben ohnehin neue Aufgaben: Zwei neue Elstern sind bei ihnen untergekommen, Puffin und Panda. Sam Bloom sagt, sie rede viel mit den beiden.

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Zehn Prozent der Erlöse aus dem Verkauf des Buches gehen an Organisationen wie Wings for Life, die sich der Erforschung von Rückenmarksverletzungen und der Suche nach Heilmethoden verschrieben haben.

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