Frauen-Kampagne im Vatikan Die Schönheitsoperation als "Burka aus Fleisch"

Der Vatikan hat die Frauen für sich entdeckt. Bei einer Konferenz soll über Schönheits-OPs diskutiert werden, einer "Aggression gegen den weiblichen Körper". Werbung für die Veranstaltung macht die Schauspielerin Nancy Brilli. Die sieht so gar nicht aus, wie Gott sie schuf.

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AP/ Pontifical Council for Culture

Wer viel italienisches Fernsehen konsumiert, dem wird sie gar nicht so aufgefallen sein: Die blondgelockte Dame, die da seit Wochen Werbung macht für eine päpstliche Konferenz zum Thema Frauen, sieht irgendwie ein bisschen seltsam aus. So wie viele Protagonistinnen im italienischen Fernsehen. Zu wenig Mimik, zu viel Lippe, die Augen seltsam zugekniffen und aufgerissen zur gleichen Zeit.

"Wer bist du, was machst du, was denkst du über dein Frausein, deine Kraft, deine Schwierigkeiten, deinen Körper und deine Spiritualität?", fragt die Schauspielerin Nancy Brilli ihre ZuschauerInnen.

Puh, so viele Fragen auf einmal. Zum Glück kann man die Antworten plus Selfie posten und mit anderen Frauen teilen, unter dem Hashtag #lifeofwomen. Der Twitter-Account wurde vom Päpstlichen Kulturrat eröffnet, um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen für eine Plenarsitzung, die an diesem Mittwoch in Rom beginnt. "Weibliche Kulturen - zwischen Gleichheit und Unterschied" heißt die geschlossene Veranstaltung.

Der Hintergrund: "Ein den Frauen eigener Blick auf die Welt"

Es ist vermutlich eine ketzerische Frage, was denn bitte "weibliche Kulturen" sein sollen. Google liefert auf Nachfrage ebenso heterogene wie unbefriedigende Ergebnisse: Da gibt es den Philosophen und Soziologen Georg Simmel, der sich dem Begriff bereits 1911 widmete, man verweist auf "weibliche literarische Salons" und die "weibliche Metal-Power" bei Doro Pesch.

"Der Ausdruck 'weibliche Kulturen' bedeutet nicht, dass man sie von den männlichen unterscheidet", betont der Präsident des Päpstlichen Kulturrats, Gianfranco Kardinal Ravasi. "Es existiert aber ein den Frauen eigener Blick auf die Welt."

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Werbevideo: Der Vatikan auf Frauenfang
Genau der soll diskutiert werden, darunter der Themenschwerpunkt "Der weibliche Körper - zwischen Kultur und Biologie". Offenbar um den Diskurs zu befeuern, griffen die Teilnehmerinnen zu einer steilen These: In einem von 15 Frauen verfassten Vorbereitungsschreiben wurden Schönheitsoperationen als "Aggression gegen den weiblichen Körper", als "Burka aus Fleisch" bezeichnet. Wir verstehen: etwas Verhüllendes, Aufgezwungenes, Unfreiwilliges und Frauenfeindliches.

Nun kratzt das nicht nur am Selbstverständnis einer ganzen Armada gut verdienender Chirurgen und ihrer in der Regel freiwillig in die Praxis kommenden PatientInnen. Es ist auch in Zeiten islamistischen Terrors und großer Bemühungen um den interreligiösen Dialog mit Muslimen nicht gerade feinfühlig. Dass Ravasi, dem das Schreiben bekannt gewesen sein sollte, seit Jahren Mitglied im Päpstlichen Rat für interreligiösen Dialog ist, macht es nicht besser.

Das Aushängeschild der Frauen-Werbe-Kampagne: Nancy Brilli

Und dann ist da auch noch Nancy Brilli, die nicht nur Werbeträgerin für das neue Frauen-Engagement des Vatikans ist, sondern gleichzeitig auch unübersehbar Promoterin eines, sagen wir, großzügigen Umgangs mit Körpermodifikationen. Diese Diskrepanz kam bei einigen Gläubigen gar nicht gut an.

In den USA, Kanada, Großbritannien und Australien waren die Proteste gegen den Videoclip derart massiv, dass der Päpstliche Kulturrat beschloss, die englischsprachige Version aus dem Netz zu nehmen. Konservativen Kräften war er zu gewagt, liberalen zu klischeehaft und altbacken.

Für Kardinal Ravasi kein Problem, man habe ja immer dieses Spektrum an Meinungen, ließ er verlauten, "auf der einen Seite die Enthusiasten, auf der anderen jene, die gar satanische Dimensionen entdecken".

Nun ist es verwegen, im Zusammenhang mit dem schlecht gemachten Werbevideo von weiblicher Kultur zu sprechen, haben wir es doch hier vor allem mit italienischer Medienkultur zu tun. Dies könnte die Abscheu der anglo-amerikanischen Katholiken erklären, die mit der sehr speziellen Bewegtbild-Ästhetik der Italiener nicht aufgewachsen sind.

Blond, mit großer Oberweite: So sind Frauen im italienischen TV

Seit Jahrzehnten werden in Bella Italia beharrlich Gender-Stereotype gepflegt - und das bei Weitem nicht nur auf Berlusconi-Kanälen. Natürlich gibt es kluge Denkerinnen, Politikerinnen, Unternehmerinnen, die sich fundiert in Talk-Shows äußern. Aber selbst wenn sie vom Objekt zum handelnden Subjekt werden, bleibt die Perspektive der Kamera auf sie chauvinistisch.

Es gibt Italiener, die schon lange kein Fernsehen mehr schauen, weil sie es satt haben, dass irgendwo im Bild zwangsläufig eine blonde/erblondete Frau mit großer Oberweite erscheint. Manchmal darf sie reden, in der Regel ist sie zu illustrativem Plappern verdammt. Ach ja, operiert sind viele der Damen auch.

Nancy Brilli selbst erklärte - noch ganz beseelt von einem persönlichen Treffen mit Papst Franziskus -, die an der Konferenz beteiligten Frauen wollten ja "mit Sicherheit nicht Kardinäle werden", sondern lediglich an der Schaffung von etwas Neuem teilhaben.

Oh Gott, Kardinälinnen, das fehlte gerade noch. Allein, die Möglichkeit einer Frauenordination zu erwähnen, ist ja eigentlich schon revolutionär. Vielleicht war es der historische Moment, der Frau Brilli zu diesem Aberwitz verführte, denn: Sie war ja schon so dankbar, dass sie das tolle Video überhaupt drehen durfte: "Als Frau, Berufstätige und Mutter spüre ich, dass es das erste Mal ist, dass wir nach unserer Meinung gefragt werden." Tatsächlich?

Vom Thema Schönheitsoperation im Sinne einer frauenverachtenden "Burka aus Fleisch" sei sie persönlich besonders betroffen, sagte Brilli. Denn - und da sind wir doch gleich bei Gudrun T.B., Zahnarztfrau aus der Perlweiss-Werbung anno 1990 - schließlich sei sie doch "Lebensgefährtin eines Schönheitschirurgen". Sie habe - und nun der Allgemeinplatz - überhaupt nichts gegen Schönheits-OPs: "Wenn jemand sich nach der Operation besser fühlt, verstehe ich nicht, wo der Schaden sein soll."

Der schlechte Witz an dem Ganzen: Die miese Werbung für die Frauen-Kampagne des Vatikans konterkariert eine vom Päpstlichen Rat selbst formulierte Forderung: Darüber nachzudenken, "wie man eine rein funktionale Herangehensweise an den Körper der Frau im Sinne von Verführung, Kommerzialisierung und Marketing vermeiden kann".

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