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Friedman gesteht Fehler ein: "Ich bitte um eine zweite Chance"

Von , Frankfurt am Main

Mit einem öffentlichen Kniefall endet die Affäre Friedman. Der TV-Moderator, dem Kokainbesitz und -konsum vorgeworfen wird, akzeptierte den Strafbefehl der Justiz. Anschließend legte der nunmehr vorbestrafte Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland alle Ämter nieder.

Friedman: Der Dandy, der Geschlagene, der Fernsehprediger
DPA

Friedman: Der Dandy, der Geschlagene, der Fernsehprediger

Frankfurt am Main - Der Teint sonnengebräunt, die Frisur gegelt, der nachtblaue Anzug auf Maß, die Krawatte mit breiten Streifen dezent, doch en vogue. Michel Friedman, wie ihn der Fernsehzuschauer und die Frankfurter Gesellschaft kennen. Friedman, der Dandy.

Doch das Bildschirm-Lächeln will nicht ganz gelingen. Die Gesichtszüge scheinen eingefroren. Der Blick starr. Zwei Minuten lässt er das Blitzlichtgewitter über sich ergehen, dann tritt er ab. Friedman, der Geschlagene, der Büßer.

Zwei Minuten lang ist der erste Auftritt des Talkmasters und Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden. 10:12 Uhr verschwindet er wieder und überlässt seinem Anwalt Eckard Hild das Terrain. Der Strafverteidiger verkündet im brechend vollen Konferenzsaal der Frankfurter Anwaltskanzlei Jones Day unter dem Firmenlogo "Legal Minds Global Intelligence" vor einer Wand von Kameras und in dünnen Worten das Ende der Causa Friedman um Kokain und leichte Mädchen aus Osteuropa. Sein Mandant habe einen Strafbefehl über 17.400 Euro akzeptiert. 150 Tagesätze à 116 Euro. Damit gilt Friedman als vorbestraft.

Dann kommt der Moment, auf den die Kamerateams und rund 60 Journalisten seit neun Uhr im 20. Stock eines Bürohochhauses im Frankfurter Westend gewartet haben; für den sie sich Sicherheitschecks wie auf dem Frankfurter Flughafen und Einlasskontrollen wie bei einem Staatsbesuch haben über sich ergehen lassen.

Der über Wochen Sprachlose spricht über Schuld, Sühne und Vergebung. Sechs Minuten lang, stehend am Pult, den Blick zum Publikum in die Kameras. Um Verständnis bittet er, dass er geschwiegen habe. "Ich brauchte Ruhe und Distanz."

Der Fernsehmann, der in seinen Talksendungen angriffslustig, insistierend, ja provokant sein kann, wirkt wie ein müder Fernsehprediger in eigener Sache. Mea culpa, mea maxima culpa. Alle öffentlichen Ämter werde er niederlegen. Er müsse akzeptieren, dass an ihn dieselben Maßstäbe angelegt werden, die er an seine Gesprächspartner in der Talkshow angelegt hat.

Drogen zu nehmen, auch in einer Lebenskrise, sei keine Lösung. Das möchte er auch jungen Leuten mit auf den Weg geben. Entschuldigen müsse er sich für sein Fehlverhalten bei der Öffentlichkeit, der jüdischen Gemeinde und "ganz persönlich und in aller Öffentlichkeit" auch bei Bärbel Schäfer, seiner Lebensgefährtin, mit der er immer noch eine gemeinsame Zukunft plane.

Menschen, sagt Friedman, machen Fehler, und auch er sei nur ein Mensch. Er akzeptiere seine Strafe und bitte um eine zweite Chance. Denn der Mensch Friedman habe auch andere Seiten, als die, die in den vergangenen Wochen die Öffentlichkeit beschäftigt haben. Dann verschwindet er in Begleitung eines Bodyguards. Fragen beantwortet er nicht.

Auch Strafverteidiger Hild bleibt wortkarg. Zu Friedmans Verhalten in der Affäre will er sich nicht äußern, Schuld auch nicht verteilen. Die Berliner Staatsanwaltschaft, die mit ihren Ermittlungen gegen einen ukrainischen Menschenhändlerring die Sache ins Rollen brachte, habe "handwerklich sauber gearbeitet". Nur der Berliner Justizsprecher Björn Retzlaff habe durch seine Informationspolitik eine "öffentliche Hinrichtung" betrieben. Dabei bleibe er, so Hild.

Doch nach Friedmans Kotau war es auch für Hild die Stunde der Buße: Dass der vertrauliche Ermittlungsbericht der Berliner Staatsanwaltschaft von seinem Büro aus irrtümlich an einen Frankfurter Pizzabäcker gefaxt wurde und dann bei der "Bild"-Zeitung landete, war natürlich eine schlimme Sache . "Da stehe ich dazu". Aber, so schloss Hild, der für seinen Mandanten das Hauptziel erreicht hat, eine peinlichen Prozess zu vermeiden, achselzuckend: "Shit happens".

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