Frühchen-Tode in Bremen: Gutachter erneuert Vorwürfe gegen Senatorin

Zu wenig Personal, mangelhafte Umsetzung von Empfehlungen: Gutachter Walter Popp macht die Gesundheitssenatorin für den Hygiene-Skandal auf der Frühgeborenenstation im Klinikum Bremen-Mitte mitverantwortlich. Die Mitarbeiter trügen die "geringste Verantwortung" für den Tod mehrerer Säuglinge.

Frühgeborenenstation in Bremen: Gutachter kritisiert Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper Zur Großansicht
dapd

Frühgeborenenstation in Bremen: Gutachter kritisiert Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper

Bremen - Sein Bericht hatte bereits Mitte September für Wirbel gesorgt, nun sagte der Krankenhaushygieniker Walter Popp vor dem Untersuchungsausschuss aus, der sich mit dem Tod mehrerer Frühchen im Klinikum Bremen-Mitte beschäftigt. Popp hat im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Gutachten erstellt. Nach seiner Auffassung ist Bremens Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) an dem Hygiene-Skandal auf der Frühgeborenenstation mitschuldig. Ihre Behörde und die Geschäftsführung des Klinikverbunds würden die meiste Verantwortung für die Missstände tragen, sagte Popp.

So seien Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention nicht befolgt worden, sagte der Experte. Diese hätten etwa eine bessere personelle Ausstattung auf der Frühchenstation vorgesehen. Wären die Empfehlungen, die allerdings rechtlich erst ab 2016 gelten, umgesetzt worden, wären weniger Schäden aufgetreten, so Popp.

Moralisch wäre die Behörde jetzt schon verpflichtet gewesen, das Personal aufzustocken, sagte Popp. Denn bei dem bestehenden Betreuungsschlüssel sei die notwendige Desinfektion der Hände vor jeder neuen Berührung mit einem Kind unmöglich. Die Mitarbeiter der Klinik trügen die "geringste Verantwortung" für die Hygienefehler, so Popp. Sie seien angesichts der personellen Unterbesetzung überfordert gewesen. Zudem habe es nicht genügend Hygienefachkräfte gegeben.

Ungeeignete Desinfektionslösungen

Die Reinigung der Frühgeborenen-Station sei "desolat" gewesen. Zum Teil sei mit Desinfektionslösungen gearbeitet worden, deren Konzentration völlig ungenügend gewesen sei. Somit seien beim Wischen Keime von einer Geräteoberfläche zur nächsten und auch auf Hände übertragen worden. Obwohl die Probleme mit der Reinigung bekannt gewesen seien, sei nicht reagiert worden.

Drei Frühgeborene waren 2011 wegen mangelnder Hygiene gestorben, viele Babys erkrankten. Auch nach dem Umbau und einer umfangreichen Desinfektion der Frühchenstation war der gefährliche Darmkeim 2012 wieder aufgetaucht, wieder erkrankten Kinder. Die Abteilung wurde geschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den ehemaligen Chefarzt der Frühgeborenenstation. Senatorin Jürgens-Pieper soll sich am 11. Oktober noch einmal vor dem Ausschuss äußern. Sie lehnt bislang jede Verantwortung für den Hygiene-Skandal ab.

CDU-Mann Rainer Bensch kritisierte die Ausschuss-Vorsitzende Antje Grotheer (SPD) scharf für ihre Fragen an den Gutachter. Grotheer hatte dem Mediziner unter anderem vorgehalten, dass er für sein Gutachten offenbar einige wichtige Akten von der Staatsanwaltschaft nicht zur Verfügung gestellt bekommen habe und somit zum Teil zu falschen Schlussfolgerungen gekommen sei. "Wir wollen nicht Fehler beim Gutachter finden, sondern im System", sagte Bensch. Grotheer wolle offenbar von den Fehlern in der Behörde ablenken.

wit/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Bremen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback