Früher Brief Erstes antisemitisches Dokument Hitlers veröffentlicht

Die Unmenschlichkeit seines Denkens, sein Hass auf Juden, seine spätere Vernichtungspolitik kündigen sich in dem frühen Schreiben bereits an: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat in New York einen Brief Adolf Hitlers aus dem Jahr 1919 der Öffentlichkeit präsentiert.


New York - Er war noch ein einfacher Soldat, 30 Jahre alt, doch er begann schon, seine Kameraden mit antisemitischen Wutreden anzustacheln. Im Jahr 1919 forderte ein höherer Offizier den Soldaten Adolf Hitler auf, seine Ideen zu Papier zu bringen. So entstand ein Brief, adressiert an Adolf Gemlich, der sich in der deutschen Armee um die Propaganda kümmerte. Hitlers Brief sollte die Ansicht verbreiten, dass jemand verantwortlich sei für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, dass die Juden schuld gewesen sein.

Ab Juli will das Simon-Wiesenthal-Zentrum den Brief in seinem Museum of Tolerance in Los Angeles ausstellen, am Dienstag wurde er der Öffentlichkeit präsentiert.

Rabbi Marvin Hier vom Simon-Wiesenthal-Zentrum sagte, die Organisation habe den auf einer deutschen Militärschreibmaschine verfassten Brief im vergangenen Monat für 150.000 Dollar (100.000 Euro) von einem privaten Händler gekauft. Die vier von Hitler handschriftlich unterzeichneten Seiten seien "das bedeutendste historische Dokument", das das Zentrum je erworben habe.

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Früher Brief: Erstes antisemitisches Dokument Hitlers veröffentlicht
"Der absolute Kern von Hitlers politischem Streben"

Ursprünglich hat den Brief nach Angaben des Rabbis ein US-Soldat namens William F. Ziegler kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Nazi-Archiven nahe Nürnberg gefunden.

"Es ist seine erste schriftliche Erklärung zu den Juden", sagte der Historiker Saul Friedlander der "New York Times". Friedlander gewann 2008 den Pulitzer Preis für seine Forschungen zum Holocaust. "Sie zeigt, dass dies der absolute Kern von Hitlers politischem Streben war."

Hitlers verquast-brutales Weltbild wird in dem Brief deutlich: Er schreibt über eine "nicht wegzuleugnende Abneigung" gegen Juden, die angeblich in großen Teilen des deutschen Volkes verbreitet sei. Er schreibt von einem "bewusst oder unbewusst planmäßig verderblichen Wirken der Juden als Gesamtheit auf unsere Nation". Er nennt den Antisemitismus eine politische Bewegung, die bestimmt werde von der "Erkenntnis von Tatsachen", um dann vom Judentum als "Rasse" zu schreiben, deren Vertreter man nicht als Deutsche bezeichnen könne.

Schließlich spricht sich Hitler für eine starke Regierung aus, die "mit den Juden fertig" werde und sie "beseitigen" könne. Letztes Ziel müsse "unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein".

Experten sind recht sicher, dass es sich um das Original handelt

Der Brief habe bereits im Jahr 1919 den Maßstab für die folgende Unmenschlichkeit Hitlers vorgegeben, sagte Rabbi Hier. "Was als Privatbrief, als Meinung eines Mannes begann, wurde 22 Jahre später die Magna Charta einer ganzen Nation und führte zu der fast vollständigen Auslöschung des jüdischen Volks", so Hier weiter. "Dies ist ein grundlegendes Dokument, das den künftigen Generationen gehört."

Im Jahr 1988 erklärte der inzwischen verstorbene Graphologe Charles Hamilton den Brief als authentisch. Unter Fachleuten ist das Dokument als der "Gemlich-Brief" bekannt. Eine Kopie liegt im Staatsarchiv in München.

Zunächst gab es Zweifel, ob das Dokument des Wiesenthal-Zentrums das Original ist. Doch inzwischen sind sich Experten recht sicher, dass es sich nicht um eine Kopie handelt. "Es gibt viele Hinweise, die mich glauben machen, dass es das Original sein könnte", sagte Othmar Plöckinger, ein Experte für frühe Dokumente Hitlers, der "New York Times". Allerdings brauche es noch genauerer Untersuchungen, um absolut sicher zu sein.

Dem Wiesenthal-Zentrum war der Brief nach Angaben der Zeitung bereits 1988 angeboten worden. Damals habe Rabbi Hier aber abgelehnt. Ihn machte unter anderem skeptisch, dass der Brief mit einer Schreibmaschinen getippt worden war, ein sehr teures Gerät für einen einfachen Soldaten im Jahr 1919. Doch nun habe er eine plausible Erklärung: Hitler sei damals in einer Einheit gewesen, die für Propaganda zuständig war, die also Schreibmaschinen benötigte.

bim/AP



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