Fukushima: Behörden lassen Tiere in der Sperrzone töten

4000 Kühe, 30.000 Schweine und 630.000 Hühner lebten vor der Katastrophe in der Region um das havarierte Fukushima-AKW. Die Bewohner der Sperrzone wurden evakuiert, die Tiere blieben dort. Jetzt will die Regierung das hungernde Vieh töten lassen.

Eine Kuh steht in der evakuierten Stadt Okuma auf der Straße (Archivbild vom 15. April) Zur Großansicht
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Eine Kuh steht in der evakuierten Stadt Okuma auf der Straße (Archivbild vom 15. April)

Tokio - Sechs Mitarbeiter der Provinzregierung von Fukushima betraten am Montag in Strahlenschutzkleidung die abgesperrte Zone im Umkreis von 20 Kilometern um die Atomruine. Sie sollten sich ein Bild von den Tieren vor Ort machen. Das Ergebnis: Die Behörden wollen die hungernden Tiere töten lassen. Die Regierung begründete ihr Vorgehen mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit.

Es würden - mit dem Einverständnis der Besitzer - nur Tiere getötet, denen es sehr schlecht gehe, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Es sei allerdings schwer, alle Besitzer in den Notunterkünften ausfindig zu machen. Vor dem Atom-Unfall gab es in der Region 370 landwirtschaftliche Betriebe mit rund 4000 Kühen, 30.000 Schweinen und 630.000 Hühnern.

Nach dem Erdbeben und dem Tsunami, der am 11. März auch das AKW zerstört hatte, mussten die Bewohner der Sperrzone ihre Häuser verlassen, das Vieh und viele Haustiere wurden zurückgelassen. Die Sperrzone darf seit einigen Tagen nur noch mit staatlicher Genehmigung und in Schutzanzügen betreten werden. Die Regierung will den ehemaligen Bewohnern aber erlauben, persönliche Gegenstände zu holen.

Nach den am Montag präzisierten Auflagen der Regierung darf pro Haushalt jeweils nur ein Mitglied an einem der staatlich gesteuerten Sperrzonen-Besuche teilnehmen. Kinder unter 15 und Senioren sind ausgenommen. Der Aufenthalt in der Zone ist auf insgesamt fünf Stunden begrenzt. Es dürfen weder Lebensmittel noch Nutztiere mitgenommen werden. Ob bei Haustieren eine Ausnahme gemacht wird, stand noch nicht fest.

In fünf Stunden dürfen die Menschen das Wichtigste aus ihren Häusern holen

"Angesichts von mehr als 26.000 Haushalten können wir nicht allen auf einmal (den Zutritt) erlauben", wurde Ministerpräsident Naoto Kan zitiert. Die Rückkehraktion werde daher beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen. Ausgenommen sind Häuser im Umkreis von drei Kilometern um das AKW - sie dürfen gar nicht betreten werden.

In der Atomruine von Fukushima kämpfen derweil die Reparaturtrupps weiter gegen die Massen verstrahlten Wassers. Tepco muss derzeit fast 70.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Abwasser aus den Turbinengebäuden und aus Tunneln pumpen, das zur Notkühlung der beschädigten Reaktoren benutzt worden war. Das Wasser behindert die Reparaturarbeiten am Kühlsystem und gefährdet die Arbeiter.

Unterdessen hat eine neue groß angelegte Suchaktion nach noch immer vermissten Opfern der Naturkatastrophe begonnen. Rund 24.800 Einsatzkräfte wurden an die vom Beben und dem darauffolgenden Tsunami schwer getroffene Küste im Nordosten des Landes geschickt, teilte das Verteidigungsministerium in Tokio mit. Darunter waren Soldaten, Polizisten und Beamte der Küstenwache sowie Helfer aus den USA. 14.340 Menschen kamen bislang offiziell ums Leben. Rund 12.000 weitere Menschen werden noch vermisst. Viele von ihnen könnten im Pazifik ertrunken sein.

lgr/dpa/AFP

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1. Realität in der Atomkatastrophe
Analysta 25.04.2011
So traurig dieser Bericht ist - erst dadurch macht man sich hierzulande klar, was ein Atomunfall wirklich bedeutet: Leute lassen ihre Häuser zurück (die sie vermutlich noch abzahlen müssen), ihre Haus- und Nutztiere (die evt. in den Ställen verhungern), ihre Andenken, Dokumente, ihren seit Generationen geerbten Grund und Boden und stehen vor dem Nichts. Dann leben sie Wochen bis Monate in Baracken, bekommen einige 1000 Euro "Entschädigung" (für Grund, Boden, Haus Vieh - ist das eigentlich ein Witz? Werden die Banken gehindert, das Geld für die jetzt wertlosen Häuser in der Evakuierungszone einzutreiben?) Und dann? Werden sie dann zu Bettlern? Sozialhilfeempfängern? Wird ihnen in ca. 1 Jahr gesagt, sie sollten endlich noch vorn blicken. Sind sie dann selbst schuld, wenn sie es nicht tun? Machen sich eigentlich die deutschen Bewohner in der Nähe der AKWs klar, was sie bei einem Unfall erwarten würde?
2. Grausam
albertusseba 25.04.2011
Es ist furchtbar und keineswegs marginal, wenn nun auch die Tiere getötet werden, weil die Behörden keinen anderen Weg mehr sehen. Die menschlichen Tragödien werden durch das Leid ihrer Haus- und Nutztiere noch weiter gesteigert. Die -vermeidbaren - Schrecken der menschlichen Selbstüberschätzung bilden sich im namenlosen Leid der Kreaturen zusätzlich ab.Es ist zum Weinen.
3. .
Ölkmöller 25.04.2011
Zitat von AnalystaSo traurig dieser Bericht ist - erst dadurch macht man sich hierzulande klar, was ein Atomunfall wirklich bedeutet: Leute lassen ihre Häuser zurück (die sie vermutlich noch abzahlen müssen), ihre Haus- und Nutztiere (die evt. in den Ställen verhungern), ihre Andenken, Dokumente, ihren seit Generationen geerbten Grund und Boden und stehen vor dem Nichts. Dann leben sie Wochen bis Monate in Baracken, bekommen einige 1000 Euro "Entschädigung" (für Grund, Boden, Haus Vieh - ist das eigentlich ein Witz? Werden die Banken gehindert, das Geld für die jetzt wertlosen Häuser in der Evakuierungszone einzutreiben?) Und dann? Werden sie dann zu Bettlern? Sozialhilfeempfängern? Wird ihnen in ca. 1 Jahr gesagt, sie sollten endlich noch vorn blicken. Sind sie dann selbst schuld, wenn sie es nicht tun? Machen sich eigentlich die deutschen Bewohner in der Nähe der AKWs klar, was sie bei einem Unfall erwarten würde?
Die werden doch alle entschädigt. Genau dafür schließen die Kraftwerksbetreiber ihre Haftpflichtversicherungen ab. Alles andere wäre völlig unverantwortlich.
4. Keine Haftpflichtversicherung
riga_ernest 25.04.2011
Zitat von ÖlkmöllerDie werden doch alle entschädigt. Genau dafür schließen die Kraftwerksbetreiber ihre Haftpflichtversicherungen ab. Alles andere wäre völlig unverantwortlich.
Es gibt keine Haftpflichtversicherung für Atomunfälle. Die Prämien wären unbezahlbar. Stattdessen bilden die Betreiber Rücklagen, und die reichen vorne und hinten nicht. Die Regierung in Japan hat die Entschädigung auf etwas über 8.000 Euro festgesetzt, stand im SPIEGEL zu lesen. Die Leute, die dort evakuiert wurden, haben ganz schlechte Voraussetzungen, wenn das stimmt. Ich bin auch ziemlich sicher, dass die Banken ihre Kredite abholen werden bei den Leuten. Hoffentlich hat Japan ein gutes Insolvenz-Gesetz.
5. Der Unsinn kopfloser "Sperrzonen".
Atomfritz 25.04.2011
Die Verschmutzung mit (relativ kurzlebigen) Spaltprodukten zieht sich überwiegend über einen schmalen Korridor zwischen dem havarierten Kernkraftwerk und der Stadt Fukushima. Anstatt vernünftigerweise die Nutzung der tatsächlich nennenswert vorübergehend radioaktiv belasteten Gebiete einzuschränken, wurde willkürlich ein Sperrkreis gezogen und damit unnötige Härten für Mensch und Tier geschaffen. Die Hälfte des gesperrten Gebietes ist kaum meßbar strahlenbelastet. Der größte Teil des hochbelasteten Gebiets befindet sich außerhalb der Sperrzone. Obwohl die Strahlung dort höher ist, werden dort keinerlei Maßnahmen getroffen außer vorübergehenden Begrenzungen beim Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Das haben wir nun von der kopflosen Panikmache aus Amerika, aber auch aus Deutschland. Wegen dieser ganzen Hysterie verenden jetzt die armen Tiere sinnlos!
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Japan nach der Katastrophe: Schmerz des Herzens

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AKW Fukushima: Mit Robotern in die Ruine

Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.