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Fukushima: Freiwillige wollen im Unglücks-AKW helfen

Im Kampf gegen die Katastrophe in Fukushima setzt Japan jetzt auf einen Dreipunkteplan: Hubschrauber und Wasserwerfer versuchen die Reaktoren zu kühlen, zudem wird eine Stromleitung zu dem AKW verlegt. Laut einem BBC-Bericht haben sich Freiwillige gemeldet, die den Arbeitern helfen wollen.

Tokio - Es wirkt wie ein Tropfen auf den heißen Stein: In einem auf Fernsehbildern winzig aussehenden roten Behälter holt ein Hubschrauber Wasser aus dem Meer und schüttet es über dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ab. Das Wasser verteilt sich über den zerstörten Reaktor wie aus einer Sprinkleranlage. Was diese Maßnahme bringt, ist noch unklar. Aber sie ist einer der entscheidenden Bestandteile des Drei-Punkte-Plans zur Verhinderung einer verheerenden Atomkatastrophe in Japan: Hubschrauber und Wasserwerfer sollen die Reaktoren kühlen, bis zum Abend soll zudem eine neue Stromleitung gelegt werden.

Freiwillige wollen die Arbeiter in dem zerstörten AKW offenbar unterstützen. Die Betreibergesellschaft Tepco habe einen Aufruf nach etwa 20 freiwilligen Helfern zur Abwendung einer nuklearen Katastrophe gestartet, Firmenmitarbeiter und Mitarbeiter anderer Unternehmen hätten sich gemeldet, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji am Donnerstag. Unter ihnen sei ein kurz vor der Rente stehender Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Kernenergieproduktion. Tepco bestätigte die Angaben zunächst nicht.

Über den Internetkurznachrichtendienst Twitter zeigte sich eine Japanerin stolz und verängstigt, dass ihr Vater bei den Arbeiten helfen wolle. "Ich habe gegen die Tränen gekämpft, als ich gehört habe, dass mein Vater, der in einem halben Jahr pensioniert werden soll, sich zur Mithilfe bereit erklärt hat", schrieb sie. Er habe gesagt, die Zukunft der Atomgeneration hänge davon ab, wie Japan mit der Katastrophe umgehe, hieß es weiter. "Ich begebe mich auf eine Art Mission", zitierte die Frau ihren Vater.

Unterdessen läuft der Rettungsversuch aus der Luft: Am Donnerstag warfen zwei Armee-Hubschrauber Wasser über dem Reaktor 3 ab, dessen Dach bei einer Explosion abgerissen worden war. Der Fernsehsender NHK zeigte um kurz vor 10 Uhr Ortszeit Live-Bilder. Jeder der zwei Hubschrauber des Typs CH-47 Chinook kann dem Sender zufolge 7,5 Tonnen Wasser fassen. Allerdings durften die Helikopter nicht über dem Kraftwerk kreisen, sondern mussten im Vorbeifliegen Wasser abwerfen.

Mit Blei verstärkte Hubschrauber

Das Wasser soll die Temperatur im Kraftwerksinneren senken und das Abklingbecken wieder auffüllen. Wie viele Tonnen Wasser die Hubschrauber abwarfen, blieb zunächst unklar. Fraglich war auch, wie zielgenau sie während des etwa halbstündigen Einsatzes trafen und ob sich die gewünschte Abkühlung einstellte.

Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa erklärte nach dem Manöver, anders als noch am Mittwoch hätten die gemessenen Strahlenwerte am Donnerstag einen Lufteinsatz zugelassen. Zuletzt sei eine Strahlung von 4,13 Millisievert pro Stunde gemessen worden. Die Helikopter sind laut NHK mit einer Bleiplatte am Boden verstärkt, mit der die Besatzung vor radioaktiver Strahlung geschützt werden soll.

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Katastrophe in Japan: Verzweiflung in Fukushima, Angst in Tokio
Der gewünschte Erfolg scheint jedoch ausgeblieben zu sein: Der Einsatz habe die Intensität der radioaktiven Strahlung am AKW nicht verändert. Die Dosis sei gleichgeblieben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf den AKW-Betreiber Tepco. Der Fernsehsender NHK berichtete ebenfalls von unveränderten Werten.

Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums räumte ein, dass sich ein Großteil des Wassers möglicherweise bereits in der Luft zerstreut habe. Der Einsatz soll aber weitergehen. Mindestens Dutzende weitere Wasserladungen sollten in den jeweils 40 Minuten abgeworfen werden, die eine Hubschrauberbesatzung arbeiten kann, ehe sie wegen der Strahlenbelastung abgelöst werden müsse.

Wasserwerfer stehen bereit

Die Brennelemente in Reaktor 3 enthalten hochgiftiges Plutonium und liegen teilweise frei. Die Angaben der Behörden zum Zustand des Reaktors sind jedoch oft widersprüchlich: Die wichtige innere Reaktorhülle des Blocks 3 sei möglicherweise beschädigt, hatte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch berichtet. Später hieß es, die Hülle sei intakt.

Auch auf dem Landweg wird versucht, Wasser zu den zerstörten Reaktoren zu bringen. Am Nachmittag will die Polizei beginnen, die beschädigten Reaktoren mit Wasserwerfern abzukühlen. Bei Reaktor 4 etwa ist das Dach noch teilweise intakt, das erschwert den Einsatz aus der Luft. Elf Spezialfahrzeuge würden eingesetzt, sagte Kitazawa. Äußerungen von US-Beamten zufolge gab es im Reaktorblock 4 ähnliche Probleme wie in Reaktor 3: Der US-Atomsicherheitsbehörde NRC zufolge gibt es im Abklingbecken des Blocks kein Wasser mehr.

Parallel reparieren AKW-Techniker die Stromversorgung. Damit soll in einem weiteren Schritt die defekte Kühlung wieder in Gang gebracht werden. Bis zum Nachmittag könnte sie teilweise wieder stehen, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Atomsicherheitsbehörde. Ein Tepco-Sprecher sagte, die Stromleitung sei fast fertig und solle "sobald wie möglich" ausprobiert werden. Er nannte aber keinen genauen Zeitpunkt.

Von den ursprünglich 800 Mitarbeitern des AKW waren zunächst nur 50 übrig geblieben, um gegen die Katastrophe anzukämpfen. Die Zahl der Helfer wurde inzwischen aber aufgestockt - laut CNN auf 180, laut ABC sogar auf 200 Mann.

"In den nächsten 48 Stunden entscheidet es sich"

Internationale Fachleute beurteilen die Lage äußerst kritisch: Laut der US-Atomregulierungsbehörde NRC liegen die Brennstäbe in Reaktor 4 wahrscheinlich komplett frei. Regierungssprecher Yukio Edano sagte am Donnerstag, die Kühlversuche in den Reaktoren 5 und 6 hätten noch nicht begonnen. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo weiter mitteilte, sank der Wasserstand in Block 5, der Druck stieg.

Sollte die Kühlung der abgebrannten Brennelemente nicht gelingen, ist nach Einschätzung des französischen Instituts für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) mit einer nuklearen Verseuchung größeren Ausmaßes zu rechnen. "In den nächsten 48 Stunden entscheidet es sich", sagte IRSN-Direktor Thierry Charles am Mittwoch.

In der Präfektur Fukushima verlassen immer mehr Menschen ihre Häuser und bringen sich in Sicherheit. Wie der Fernsehsender NHK berichtete, flohen weitere 28.000 Menschen vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung. Die USA halten die von Japan eingerichtete Sicherheitszone von 30 Kilometern jedoch für zu gering. Sie ziehen ihre Bürger aus einem Umkreis von 80 Kilometern ab.

Auch der Gouverneur der Präfektur Fukushima kritisierte die bisherigen Evakuierungsvorbereitungen als unzureichend. "Die Angst und Entrüstung, die Menschen in Fukushima empfinden, haben den Siedepunkt erreicht", sagte Yuhei Sato dem japanischen Fernsehsender NHK.

Weiter im Nordosten kämpfen die Menschen unterdessen gegen bittere Kälte. Benzin und Nahrungsmittel werden immer knapper.

Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer nach der Naturkatastrophe in Japan steigt weiter. Binnen weniger Stunden korrigierte die Polizei ihre Angaben noch einmal deutlich nach oben und nannte laut dem Fernsehsender NHK fast 5200 Tote. Mindestens 9000 Menschen gelten zudem noch als vermisst. Stündlich schwinden die Chancen, in den vom Beben und den Riesenwellen verwüsteten Gebieten noch Menschen lebend zu retten.

siu/dpa/dapd

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1. sehr gute Strategie
danfoe 17.03.2011
Zitat von sysopIm Kampf gegen die Katastrophe im AKW Fukushima setzt Japan jetzt auf einen Dreipunkteplan: Hubschrauber und Wasserwerfer versuchen die Reaktoren zu kühlen, außerdem wird eine Stromleitung für ein neues Kühlsystem verlegt. Doch die hohe Radioaktivität bremst den Rettungseinsatz. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751406,00.html
Diese 3-Punkte-Strategie ist ja ganz wundervoll: Eine Stromleitung bauen, um damit die elektrischen Wasserpumpen anzutreiben... aufwachen, Leute! Damit sind die Wasserpumpen der Wasserwerfer gemeint! Und diese Wasserwerfer sprühen eben das vom Meer abgepumpte Wasser auf den Reaktor. Wundervoll. Was nicht verdampft, fließt als verseuchtes Meerwasser entweder zurück ins Meer oder ins Grundwasser. Ein ganz ein tolles 3-Punkte-System, das macht wirklich Mut. Besser als nichts, das ist mir klar. Aber Leute, glaubt mir - das ist doch alles schon am Ende. Seht euch einfach die Fotos der Kraftwerksreste an - wenn mir einer glaubhaft machen kann, dass so ein funktionsfähiges Kernkraftwerk aussieht - und dass die ganzen Leitungen und Pumpen nicht benötigt werden, die da jetzt verkohlt und verbogen herumhängen, falls sie überhaupt noch da sind.... der gehört halt dann zur süßen Atomlobby. Immer wieder nett, die Dummheit der Menschen live zu erleben. Ach ja. Schöne Unterhaltung, wenn's nicht so dermaßen traurig wäre.
2. meinung
amarildo 17.03.2011
Zitat von sysopIm Kampf gegen die Katastrophe im AKW Fukushima setzt Japan jetzt auf einen Dreipunkteplan: Hubschrauber und Wasserwerfer versuchen die Reaktoren zu kühlen, außerdem wird eine Stromleitung für ein neues Kühlsystem verlegt. Doch die hohe Radioaktivität bremst den Rettungseinsatz. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751406,00.html
Die Tsunami hat mehr als 10000 Personen getoetet und die Medien machen einenZirkus ueber die beschaedigten AKW wo bis jetzt nur zwei Tote gemeldet wurden. Die Japaner haben sich noch nicht in die Hose gemacht. Aber im Westen zeigt man soviel Angst als wenn die Welt untergehen wuerde.
3. FolGe Nr.?
eternalorakel 17.03.2011
Zitat von sysopIm Kampf gegen die Katastrophe im AKW Fukushima setzt Japan jetzt auf einen Dreipunkteplan: Hubschrauber und Wasserwerfer versuchen die Reaktoren zu kühlen, außerdem wird eine Stromleitung für ein neues Kühlsystem verlegt. Doch die hohe Radioaktivität bremst den Rettungseinsatz. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751406,00.html
Hallo Spiegel! Schreibt doch wenigstens eine Nr. hinter euren minütlichen Beiträgen, sonst verliert man bei Eurer Dayly Soap "Hollywood auf der Durchreise in Japan: Wie verasche ich die Weltbevölkerung" den Durchblick! Die Folgen kommen durcheinander und man weiß ja nicht mehr, welche Folge man bereits aufgenommen hat und welche nicht.
4. ulkige Bilder
Dunedin, 17.03.2011
was sollen uns diese weichgezeichneten, oder verwaschenen Bilder des mittlerweile skelettierten AKW Fukushima und seiner angrenzenden Blöcke eigentlich illustrieren ? Endzeitstimmung ? Eine atomare Wolke ?( Radioaktivität sieht man bekanntlich nicht) Ich würde mich über eher über aktuelle aber dafür scharfe Fotos interessieren, sodaß man evtl. einen weiteren fortschreitenden Verfall des AKW daraus herauslesen könnte
5. Zwischenlager weggesprengt?
messego22 17.03.2011
Gibt es eigentlich Informationen über den Zustand der Abklingbecken für die zwischenzulagernden Atommüll-Brennstäbe, die m.E. jeweils im "Dachgeschoss" der Fukuchima-Reaktorgebäude integriert sein sollen? Wo befindet sich jetzt deren ursprünglicher Inhalt nach den beiden heftigen Explosionen?
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Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.

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