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15. Mai 2011, 17:21 Uhr

Fukushima-Havarie

Deutsche Techniker werfen Behörden Versagen vor

Späte Gewissheit: Wie jetzt bekannt wurde, schmolzen die Brennstäbe im Katastrophenreaktor 1 von Fukushima bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben in Japan. Deutsche Techniker bemängeln in einer neuen Studie, dass die japanischen Behörden das Risiko von Flutschäden in Atomkraftwerken unterschätzt haben.

Tokio - Der für seine defensive Informationspolitik bekannte japanische Betreiber des Katastrophen-AKW Fukushima hat am Sonntagabend Ortszeit verlauten lassen, die Brennstäbe des Reaktors 1 seien bereits kurz nach dem verheerenden Beben und dem nachfolgenden Tsunami geschmolzen. Um 6.50 Uhr am Morgen des 12. März seien die Elemente zum großen Teil beschädigt gewesen und auf den Boden des Reaktorbehälters gelangt. Dort seien durch das heiße Gemisch aus Metall und Brennstoff Löcher entstanden.

Diese späte Erkenntnis hat weitreichende Folgen für die laufenden Arbeiten im AKW: Nach Einschätzung des mit der Krise befassten Regierungsberaters Goshi Hosono darf der Reaktorbehälter nun nicht wie geplant zur Kühlung mit Wasser geflutet werden. Tepco hatte zuvor im Untergeschoss des Gebäudes von Reaktor 1 rund 3000 Tonnen wahrscheinlich hochgradig radioaktiv versuchten Wassers entdeckt, das vier Meter hoch stand.

Dies deute daraufhin, dass in den Reaktorkern gepumptes Wasser durch jene Löcher gelangte, die die geschmolzenen Brennstäbe in den Boden gefressen haben sollen. Bei einer Flutung bestehe die Gefahr, dass verseuchtes Wasser ins Meer gelange, sagte Hosono am Sonntag. Die Regierung halte dennoch am Zeitplan fest, die Reaktoren in sechs bis neun Monaten unter Kontrolle zu bringen, hieß es.

Anwohner verlassen erweiterte Sicherheitszone

Unterdessen verließen die ersten Bürger der erweiterten Evakuierungszone um die Atomruine ihre Häuser. Der Bürgermeister der Stadt Kawamata verabschiedete am Sonntag rund 50 Bewohner mit Babys und Kleinkindern mit den Worten: "Ich weiß, dass Sie besorgt sind, aber wir werden die Schwierigkeiten gemeinsam bewältigen." Furakawa überreichte den Bürgern Schlüssel für öffentliche Wohnungen außerhalb des Stadtgebietes, in denen sie bis auf weiteres wohnen werden.

Die Regierung hatte am 22. April die Bewohner eines Teils von Kawamata und Minamisoma sowie der Städte Iitate, Katsurao und Namie aufgefordert, sich innerhalb etwa eines Monats in Sicherheit zu bringen. Grund ist die Sorge, dass sich die Strahlenbelastung dort innerhalb eines Jahres auf über 20 Millisievert anreichern könnte. Davon betroffen sind insgesamt rund 10.500 Menschen. Die Städte liegen außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das Atomkraftwerk Fukushima. Diese darf nur noch mit staatlicher Sondergenehmigung und unter Sicherheitsauflagen betreten werden.

Deutsche Techniker werfen japanischen Behörden Versagen vor

Laut Einschätzung deutscher Kerntechniker ist die Katastrophe in Fukushima fast ausschließlich auf Versäumnisse der örtlichen Aufsichtsbehörden zurückzuführen. Das ist das Ergebnis einer bislang unveröffentlichten Studie des Technischen Verbandes der Kraftwerksbetreiber, VGB PowerTech, wie die "Welt am Sonntag" berichtet. Die Untersuchung mit dem Titel "Unterschiede im gestaffelten Sicherheitskonzept: Vergleich Fukushima Daiichi mit deutschen Anlagen" soll auf der "Kerntechnischen Jahrestagung" der deutschen Atomindustrie am Dienstag in Berlin vorgestellt werden.

Für die Studie wurden historische Tsunami-Daten ausgewertet. Demnach gab es in den vergangenen 500 Jahren vor Japan 14 Riesenwellen mit Höhen über zehn Meter, im Durchschnitt also alle 36 Jahre eine. Japanische Atomkraftwerke seien jedoch nur für maximal zehn Meter hohe Wellen ausgelegt. Auch der Tsunami-Schutz von Fukushima beschränkte sich auf diese Höhe. Nach statistischer Wahrscheinlichkeit drohe damit alle 30 bis 35 Jahre die durch einen Tsunami ausgelöste Havarie eines japanischen Atomkraftwerks an der Küste, so die Techniker.

Der Grund für die fahrlässige Vernachlässigung des Küstenschutzes bei japanischen AKW ist den Studienmachern zufolge die Nachlässigkeit der Behörden: Weil die ältesten Atomkraftwerke Japans, zu denen auch Fukushima gehört, von US-Herstellern stammen, sei von den japanischen Auftraggebern auch die in den USA übliche Sicherheitsauslegung gegen Meereswellen quasi mit importiert worden. In den Vereinigten Staaten gebe es aber keine Tsunamis, so die bittere Erkenntnis.

ala/dpa/dapd

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