Fukushima-Havarie Deutsche Techniker werfen Behörden Versagen vor

Späte Gewissheit: Wie jetzt bekannt wurde, schmolzen die Brennstäbe im Katastrophenreaktor 1 von Fukushima bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben in Japan. Deutsche Techniker bemängeln in einer neuen Studie, dass die japanischen Behörden das Risiko von Flutschäden in Atomkraftwerken unterschätzt haben.

REUTERS/ TEPCO

Tokio - Der für seine defensive Informationspolitik bekannte japanische Betreiber des Katastrophen-AKW Fukushima hat am Sonntagabend Ortszeit verlauten lassen, die Brennstäbe des Reaktors 1 seien bereits kurz nach dem verheerenden Beben und dem nachfolgenden Tsunami geschmolzen. Um 6.50 Uhr am Morgen des 12. März seien die Elemente zum großen Teil beschädigt gewesen und auf den Boden des Reaktorbehälters gelangt. Dort seien durch das heiße Gemisch aus Metall und Brennstoff Löcher entstanden.

Diese späte Erkenntnis hat weitreichende Folgen für die laufenden Arbeiten im AKW: Nach Einschätzung des mit der Krise befassten Regierungsberaters Goshi Hosono darf der Reaktorbehälter nun nicht wie geplant zur Kühlung mit Wasser geflutet werden. Tepco hatte zuvor im Untergeschoss des Gebäudes von Reaktor 1 rund 3000 Tonnen wahrscheinlich hochgradig radioaktiv versuchten Wassers entdeckt, das vier Meter hoch stand.

Dies deute daraufhin, dass in den Reaktorkern gepumptes Wasser durch jene Löcher gelangte, die die geschmolzenen Brennstäbe in den Boden gefressen haben sollen. Bei einer Flutung bestehe die Gefahr, dass verseuchtes Wasser ins Meer gelange, sagte Hosono am Sonntag. Die Regierung halte dennoch am Zeitplan fest, die Reaktoren in sechs bis neun Monaten unter Kontrolle zu bringen, hieß es.

Anwohner verlassen erweiterte Sicherheitszone

Unterdessen verließen die ersten Bürger der erweiterten Evakuierungszone um die Atomruine ihre Häuser. Der Bürgermeister der Stadt Kawamata verabschiedete am Sonntag rund 50 Bewohner mit Babys und Kleinkindern mit den Worten: "Ich weiß, dass Sie besorgt sind, aber wir werden die Schwierigkeiten gemeinsam bewältigen." Furakawa überreichte den Bürgern Schlüssel für öffentliche Wohnungen außerhalb des Stadtgebietes, in denen sie bis auf weiteres wohnen werden.

Die Regierung hatte am 22. April die Bewohner eines Teils von Kawamata und Minamisoma sowie der Städte Iitate, Katsurao und Namie aufgefordert, sich innerhalb etwa eines Monats in Sicherheit zu bringen. Grund ist die Sorge, dass sich die Strahlenbelastung dort innerhalb eines Jahres auf über 20 Millisievert anreichern könnte. Davon betroffen sind insgesamt rund 10.500 Menschen. Die Städte liegen außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das Atomkraftwerk Fukushima. Diese darf nur noch mit staatlicher Sondergenehmigung und unter Sicherheitsauflagen betreten werden.

Deutsche Techniker werfen japanischen Behörden Versagen vor

Laut Einschätzung deutscher Kerntechniker ist die Katastrophe in Fukushima fast ausschließlich auf Versäumnisse der örtlichen Aufsichtsbehörden zurückzuführen. Das ist das Ergebnis einer bislang unveröffentlichten Studie des Technischen Verbandes der Kraftwerksbetreiber, VGB PowerTech, wie die "Welt am Sonntag" berichtet. Die Untersuchung mit dem Titel "Unterschiede im gestaffelten Sicherheitskonzept: Vergleich Fukushima Daiichi mit deutschen Anlagen" soll auf der "Kerntechnischen Jahrestagung" der deutschen Atomindustrie am Dienstag in Berlin vorgestellt werden.

Für die Studie wurden historische Tsunami-Daten ausgewertet. Demnach gab es in den vergangenen 500 Jahren vor Japan 14 Riesenwellen mit Höhen über zehn Meter, im Durchschnitt also alle 36 Jahre eine. Japanische Atomkraftwerke seien jedoch nur für maximal zehn Meter hohe Wellen ausgelegt. Auch der Tsunami-Schutz von Fukushima beschränkte sich auf diese Höhe. Nach statistischer Wahrscheinlichkeit drohe damit alle 30 bis 35 Jahre die durch einen Tsunami ausgelöste Havarie eines japanischen Atomkraftwerks an der Küste, so die Techniker.

Der Grund für die fahrlässige Vernachlässigung des Küstenschutzes bei japanischen AKW ist den Studienmachern zufolge die Nachlässigkeit der Behörden: Weil die ältesten Atomkraftwerke Japans, zu denen auch Fukushima gehört, von US-Herstellern stammen, sei von den japanischen Auftraggebern auch die in den USA übliche Sicherheitsauslegung gegen Meereswellen quasi mit importiert worden. In den Vereinigten Staaten gebe es aber keine Tsunamis, so die bittere Erkenntnis.

ala/dpa/dapd



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 166 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Reformhaus, 15.05.2011
1. Späte Gewissheit: Sie waren keine Helden
Späte Gewissheit? Waren es nicht ausgerechnet deutsche Techniker, als erste von Fukushima auf abenteuerliche Weise die Flucht ergriffen?
Crom 15.05.2011
2. ...
Zitat von ReformhausSpäte Gewissheit? Waren es nicht ausgerechnet deutsche Techniker, als erste von Fukushima auf abenteuerliche Weise die Flucht ergriffen?
Was war an der Abreise abenteuerlich?
gorge11, 15.05.2011
3. Wie dem auch sei.
Zitat von sysopSpäte Gewissheit: Wie jetzt bekannt wurde, schmolzen die Brennstäbe im Katastrophenreaktor 1 von Fukushima bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben in Japan. Deutsche Techniker bemängeln in einer neuen Studie, dass die Behörden jahrelang das Risiko von Flutschäden in Atomkraftwerken unterschätzt haben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,762679,00.html
Atomstrom sei ja unheimlich billig, und sozial so verträglich. Erst einmal ist es ein Kredit auf die Zukunft, monetär, und auch kernwirtschaftlich. Was das am Ende kostet weiss keiner. Unterstellt man zumindest 1ct/Kwh Preisvorteil beim Atomstrom, gegenüber anderen Energieträgern, so hat das gesamte Japan in 30 Jahren umgrechnet grob 75 Mrd€ gespart. Durch die amtlicherseits veranschlagten 87 Mrd € Schaden durch AKW Fukushima ist das komplett aufgezehrt. Die gesamte Welt hat durch AKW auf dieser Basis in 30 Jahren 750Mrd€ gespart. Das sind 100 Euro pro Erdenbürger, in 30 Jahren. Da ist aber noch Tschernobyl, das hat viel Spesen verursacht, und verursacht es weiter.
crocodil 15.05.2011
4. Fukushima
Fakt ist doch, dass es seit mehreren hundert Jahren bereits von der Küste 1,5 km entfernt Steine gab die , die aussagten baut nicht weiter unter!! Aber es hat sich halt niemand daran gehalten, weil die Profitgier eben stärker ist. Sollen sie sich doch alle verstrahlen und der Staat soll dafür aufkommen!!
Achim 15.05.2011
5. Vergleich
Auf den Vergleich der Sicherheitskonzepte zwischen japanischen und deutschen Atomkraftwerken bin ich gespannt. Insbesondere auf den Teil, der sich mit Flugzeugabstürzen beschäftigt. Wie schwer und wie schnell darf ein Flugzeug sein, für dessen Absturz der Druckbehälter ausgelegt ist? Und wieviele Male am Tag fliegen schwerere und schnellere Maschinen durch die Gegend, so in den Räumen Biblis, Neckarwestheim, Krümmel/Brokdorf/Brunsbüttel?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.