Fukushima-Katastrophe Japans Bevölkerung fürchtet verstrahlte Lebensmittel

21.000 Menschen tot oder vermisst, 400.000 obdachlos: Der Ausnahmezustand in Japan dauert an, auch wenn sich die Lage am AKW Fukushima zu entspannen scheint. Die Regierung warnt vor Rückschlägen. Berichte über radioaktiv belastete Nahrung schüren Ängste.

AFP

Tokio - Japan kämpft weiter mit den Folgen des Erdbebens der Stärke 9,0 und der darauf folgenden Tsunamiwelle, die ganze Städte zerstörten und weite Teile des Landes verwüsteten. Zwischen 360.000 und 425.000 Menschen harren weiter in Notunterkünften aus - und dort mangelt es am Nötigsten. Viele leiden in den eisigen Nächten unter der Kälte. Heizöl, Lebensmittel, aber auch Toilettenpapier und Windeln sind knapp, auch wenn die internationalen Hilfslieferungen angelaufen sind. Berichte über radioaktiv belastete Nahrung schüren zudem die Ängste der Bevölkerung.

Die Zahl der Toten und Vermissten könnte nach Meldungen von Kyodo noch weiter steigen: Der Polizeichef in der Präfektur Miyagi vermutet, dass allein dort 15.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Er prophezeite, dass die Einsatzkräfte in den kommenden Tagen Tausende von Leichen finden würden, die vom Tsunami weggespült worden waren. 8450 Todesfälle seien bestätigt, zudem werden knapp 13.000 Menschen vermisst.

Ein grausiges Detail: Die Krematorien hätten kaum die Möglichkeit, all die Toten zu verbrennen, weil die Kapazitäten nicht ausreichten und Brennstoff fehle, meldet Kyodo. In Japan sind Einäscherungen üblich. Einige Kommunen empfehlen jetzt aus hygienischen Gründen Erdbestattungen.

Etappensiege beim Kampf gegen die Kernschmelze

Beim Kampf gegen die drohende atomare Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi melden die Einsatzkräfte einige Etappensiege. Allerdings bleibt die Lage kritisch, auch wenn die Reaktorblöcke 5 und 6 inzwischen nach Angaben des Betreibers stabil sind und die Blöcke 1 und 2 am Stromnetz hängen. Es wird auch im besten Fall wohl noch Tage dauern, bis die Ingenieure auch die Reaktoren 3 bis 4 unter Kontrolle bekommen. Und solange auch nur ein Reaktor instabil ist, kann keine Entwarnung gegeben werden.

Regierungssprecher Edano warnte vor zu großem Optimismus: "Auch wenn sich bestimmte Dinge gut entwickeln, müssen wir nach wie vor mit Rückschlägen rechnen." Er kündigte an, die vom Tsunami am Freitag vor einer Woche beschädigten Kernkraftwerke in Fukushima dauerhaft vom Netz zu nehmen. Eine erneute Nutzung zur Energieerzeugung sei nicht mehr möglich.

Die Strahlung aus dem Reaktorunglück hat inzwischen weitere Nahrungsmittel erreicht. Zunächst waren in Spinat und Milch aus der Umgebung des Kraftwerks, aber auch im Leitungswasser in Tokio und anderen Städten leicht erhöhte Werte gemessen worden. Regierungsvertreter beteuerten bisher, dass die Belastung unbedenklich sei. In der Präfektur Fukushima aber empfiehlt die Regierung inzwischen, das dortige Leitungswasser nicht zu trinken. Die radioaktive Belastung könnte zu hoch sein.

Am Sonntag meldeten die Behörden auch erhöhte Radioaktivität in Raps. Die kontaminierten Proben stammten aus drei Präfekturen, aus denen bisher keine derartigen Problemfälle gemeldet wurden. In Taiwan wurden am Samstag radioaktiv belastete Bohnen aus Japan gefunden. Die Werte lagen deutlich unter den erlaubten Grenzwerten und waren damit nicht gesundheitsschädlich, wie die Behörden mitteilten.

Wirtschaftlicher Schaden auf mehr als 157 Milliarden Euro geschätzt

Japans Wirtschaftsminister Kaoru Yosano teilte mit, dass der ökonomische Schaden den des Kobe-Bebens von 1995 übertreffe - also jenseits von 157 Milliarden Euro liege. Die jetzt notwendigen Wiederaufbauarbeiten seien die größten seit dem 2. Weltkrieg.

Um die Stromversorgung Tokios zu verbessern, will Tepco versuchen, bis in einer Woche ein Gaskraftwerk wieder in Gang zu bekommen. Nach dem Beben wurden elf der 54 japanischen Atommeiler abgeschaltet. Einschließlich der Schäden an konventionellen Kraftwerken hat das Land schätzungsweise zehn bis 40 Prozent seiner Kapazität zumindest vorübergehend eingebüßt.

Mehrere Autokonzerne, darunter Nissan und Toyota, kündigten an, ihre Produktion im Laufe der kommenden Woche wieder aufzunehmen.

Ministerpräsident reist in Krisenregion

Ministerpräsident Naoto Kan hat angekündigt, am Montag den vom Erdbeben und Tsunami verwüsteten Nordosten des Landes zu besuchen. Per Hubschrauber werde Kan sich zunächst in die schwer getroffene Stadt Ishinomaki in der Präfektur Miyagi begeben. Dort waren am Sonntag neun Tage nach dem schwersten Erdbeben in der Geschichte zwei Überlebende gefunden worden: Rettungskräfte konnten eine 80 Jahre alte Frau und ihren Enkel aus ihrem zerstörten Haus befreien. Die beiden hatten sich seit dem Erdbeben bei eisiger Kälte von den Resten in ihrem Kühlschrank ernährt.

Anschließend will der Ministerpräsident in etwa 20 Kilometern Entfernung des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I Einsatzkräfte treffen, die seit Tagen versuchen, eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Die Behörden hatten Anwohner im Umkreis von 20 Kilometern in Sicherheit gebracht und diejenigen in einer Entfernung von bis zu 30 Kilometern aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen.

wbr/dpa/dapd



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insgesamt 108 Beiträge
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tlogor 20.03.2011
1. Atomkraftwerke sind sicher...
Deswegen ist auch Frau Merkel für Atomkraft. Im Ernstfall würde sie die Unglücksregion "besuchen". Im Abstand von x...Kilometern. Alle Atomkraftbefürworter sollten unterschreiben, dass sie bei einem eventuellen Unfall als Liquidatoren zur Verfügung stünden. Da es ja nur eine theoretische Möglichkeit ist, da unsere Kanzlerin den Eid geschworen hat und Atomkraftwerke genauso "sicher" wie die Renten sind, sollte es kein Problem sein, eine solche Verpflichtung zu unterschreiben. Alle Befürworter könnten sich hier im Forum gleich bereit erklären: 1. Michaelis ....
penille111 20.03.2011
2. ...
Wo geht denn aus dem Artikel hervor, dass die Japaner sich vor verstrahlten Lebensmitteln fürchten? 21000 Opfer sind Nebensache, hauptsache irgendwas mit Strahlung im Titel. Ekelhafte Berichterstattung von Spiegel Online...
diedickesophie 20.03.2011
3. Doch nicht die Japanische Bevölkerung
Die Japaner sind ja nur die mit dem Erdbeben, dem Tsunami und dem Kernkraftswerksunfall. Wovor sollten die sich fürchten. Die deutsche Bevölkerung ist es, die sich zu Tode fürchtet. Vor verstrahlten Lebensmitteln, vor verstrahlten Fischstäbchen, vor verstrahlten Autoersatzteilen. Nur eine völlig verstrahlte Berichterstattung, die fürchtet hierzulande offenbar niemand.
überholspur 20.03.2011
4. Liebe Spiegel-Redaktion,
Zitat von sysop21.000 Menschen tot oder vermisst, 400.000 obdachlos: Die Lage am AKW Fukushima scheint sich zu entspannen, aber der Ausnahmezustand in Japan dauert an. Die Regierung warnt vor Rückschlägen. Berichte über radioaktiv belastete Nahrung schüren Ängste. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752096,00.html
bitte haltet Euch doch wenigstens ein ganz klein wenig an journalistische Spielregeln. Ihr habt tapfer daran mitgearbeitet, der Deutschen Bevölkerung die Kernenergie auszutreiben. Während alle unsere Nachbarn den gewaltigen Unfall in Fukushima eher als Beweis für das Durchhaltevermögen von Kernreaktoren sehen, schaltet sich Deutschland ab. Das habt Ihr gut hinbekommen. Jetzt könnt Ihr aber bitte aufhören, ständig den Eindruck zu erwecken, dass für die bedauernswerten Opfer in Japan das defekte AKW verantwortlich ist. Solch eine Berichterstattung ist nicht nur falsch, sondern manipulativ. Aber wenn es um die "gute" Sache geht, scheint bei uns ja jedes Mittel recht zu sein.
dafhgier 20.03.2011
5. Panik
Zitat von penille111Wo geht denn aus dem Artikel hervor, dass die Japaner sich vor verstrahlten Lebensmitteln fürchten? 21000 Opfer sind Nebensache, hauptsache irgendwas mit Strahlung im Titel. Ekelhafte Berichterstattung von Spiegel Online...
In einem der ersten Spiegelartikel war der Aufmacher "Panik nach Erdbeben". Die Videos kannte man da schon. Auf jedem Video (natürlich nur die ersten) waren Leute zu sehen, die allerhöchstens hektisch waren. Die anderen haben sich einfach nur untergestellt auf die Uhr geguckt und gewartet. Es ist bei einem Erdbeben natürlich davon auszugehen, dass "Panik" herrscht. Nur in Japan ist und war es zumindest in den weniger betroffenen Gebieten anders. Der Redaktuer hat die Schlagzeile aber vmtl. vor Anschauen der Videos geschrieben. Nun hat sich die Berichterstattung geändert in Richtung: "Keine Panik in Tokyo" und Themen, wie verschiedene Nationen mit Katastrophen umgehen; Tenor: Japaner haben zunächst einmal keine Panik. Naheliegend ist es trotzdem - des Wegen reflexartiger Aufmacher: PANIK
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