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Fukushima: Tokios Feuerwehr soll Katastrophenmeiler kühlen

Wasser und Strom sollen den Super-GAU in Fukushima verhindern: Feuerwehrmänner aus der Hauptstadt wurden zu den Krisenreaktoren beordert, um sie von außen zu kühlen. Hoffnung setzen die Techniker auch auf eine neue Starkstromleitung, die in der Nacht fertig wurde.

Tokio - Die roten Einsatzwagen stehen aufgereiht nebeneinander und warten auf ihren Einsatz. In der Stadt Iwaki südlich vom AKW Fukushima sind über hundert Feuerwehrmänner aus Tokio angekommen. Nach Angaben des TV-Senders NHK sollen sie helfen, die überhitzten Reaktoren zu kühlen.

Die Feuerwehrleute aus der Hauptstadt werden am Nachmittag (Ortszeit) ihre Kollegen und Soldaten unterstützen, die an dem havarierten Kraftwerk bereits mit einem zweiten Kühlversuch begonnen haben. Die Einsatzfahrzeuge der japanischen Armee richteten ihre Wasserfontänen zunächst auf Block 3 der Anlage, wie bei einer Live-Übertragung von NHK zu sehen war. Ein TV-Kommentator berichtete, dass sich anfangs sieben Armeefahrzeuge bei dem Kühleinsatz abwechseln sollten. Nach einigen Minuten stieg weißer Dampf von Block 3 auf.

Die Feuerwehr habe zusätzliche Ausrüstung dabei, um Tonnen von Wasser über große Entfernungen und in großer Höhe zu versprühen, berichtete NHK. Helikopter der Armee sollten am Freitag zunächst nicht wieder zum Einsatz kommen, hieß es aus dem Verteidigungsministerium. Auch das US-Militär erklärt, dass es bis auf weiteres keinen erneuten Einsatz von Löschhubschraubern geben werde, nannte aber keine Gründe. Mit den Helikoptern hatten die Streitkräfte am Donnerstag große Mengen Wasser auf die Reaktoren abgeworfen.

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Bangen in Fukushima: Zerfetzte Reaktoren, dicker Qualm
Ob auch bei Reaktor 1 eine Kühlung von außen möglich ist, werde geprüft, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Wenn dies gelänge, werde die Situation weniger gefährlich. ( Alle Infos im Liveticker.)

Die Betreibergesellschaft erwog am Freitag erstmals öffentlich, das Kraftwerk unter einer Schicht aus Sand und Beton zu begraben. "Es ist nicht unmöglich, die Reaktoren mit Beton zu überziehen", teilte Tokyo Electric Power (Tepco) mit. Vielleicht sei das die einzige Möglichkeit, eine katastrophale Ausbreitung von Strahlung zu verhindern, sagten japanische Ingenieure. Nach der Katastrophe in Tschernobyl wurde ebenfalls mit Sand und Beton eine Deckschicht geschaffen.

Starkstromleitung soll Reaktoren durch Pumpen kühlen

Noch setzen die Techniker ihre Hoffnung aber auf Strom. Am Morgen wurden die Arbeiten fortgesetzt, um mit einem Starkstromkabel die Energieversorgung an dem havarierten Kraftwerk wiederherzustellen. Dadurch sollen die Kühlpumpen von mindestens zwei der sechs Reaktoren wieder in Gang gesetzt werden. Jedoch ist unklar, ob die Pumpen funktionstüchtig sind oder bei dem Erdbeben und dem Tsunami vor einer Woche beschädigt wurden.

Der Versuch für die neue Stromanbindung der beiden Blöcke 1 und 2 solle noch an diesem Freitag starten, kündigte ein Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA an. Für Sonntag sei auch ein Anschluss der Reaktoren 3 und 4 geplant. In Block 3 ist das hochgiftige Plutonium enthalten, in Block 4 droht das Abklingbecken voller abgebrannter Brennstäbe zu überhitzen und todbringende Strahlung freizusetzen.

Die übrigen zwei Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, die Blöcke 5 und 6, sind noch weitgehend stabil. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vom Donnerstag gibt es dort "keine unmittelbaren Bedenken". Die Kerne und Brennstäbe seien nicht beschädigt und die Temperatur in den Abklingbecken steige nur leicht.

Die am Kraftwerk gemessene radioaktive Strahlung sei derzeit nicht so stark, dass sie der Gesundheit unmittelbar schade, behauptete Edano. Allerdings hänge die Intensität von Windrichtung, Schnee und Regen ab. Es solle sichergestellt werden, dass sich keine Einwohner mehr im Umkreis der Anlage aufhielten.

Die Messungen der Radioaktivität sollen ausgeweitet werden. "Wir wollen die Beobachtungen in der Umgebung erhöhen für weitere Analysen", sagte Edano. Er nannte einen Radius von 30 Kilometern.

Obdachlose frieren in kalten Turnhallen

Die Folgen von Erdbeben und Wasserwalze, die steigende Atom-Gefahr und Eiseskälte setzen den obdachlosen Japanern immer heftiger zu. In Turnhallen ohne Heizung kauern Menschen eng aneinander, um sich gegenseitig Wärme zu spenden, wie der TV-Sender NHK berichtete. Bilder aus dem stark zerstörten Nordosten zeigten frierende Menschen, die Holz oder ähnlichen Brennstoff in Tonnen verfeuerten. Etwa eine halbe Million Menschen soll derzeit obdachlos sein.

Mindestens 25 Flüchtlinge sind nach Angaben des Fernsehsenders schon gestorben. Sie seien meist alt und total entkräftet gewesen - womöglich wären sie ohne den Kälteeinbruch noch am Leben. Neben dem Problem mit der Kälte fehle es weiterhin an Trinkwasser und Essen.

Die Flüchtlinge in der Unglücksprovinz Miyagi wurden aufgefordert, auf die benachbarten Präfekturen auszuweichen. Grund sei der akute Platzmangel in den Notunterkünften, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Eine ähnliche Aufforderung hatte es bereits in der Präfektur Fukushima gegeben.

Kondolenzschreiben von Obama

Barack Obama sprach den Opfern der Naturkatastrophe sein Beileid aus. "Mein Herz ist bei den Menschen in Japan während dieser furchtbaren Tragödie", schrieb der US-Präsident in das Kondolenzbuch der japanischen Botschaft. Amerika stehe immer an der Seite eines seiner wichtigsten Alliierten. "Wegen der Stärke und Weisheit der Menschen wissen wir, dass Japan sich erholen wird", heißt es weiter in dem von der Nachrichtenagentur Kyodo veröffentlichten Text.

Der japanische Regierungssprecher Edano betonte, dass sein Land weiterhin auf die Hilfe der US-Regierung setze. Es werde laufend besprochen, wie die Amerikaner das Land am besten unterstützen könnten. Damit widersprach Edano Medienberichten, wonach US-Hilfe abgelehnt worden sei. "Wir haben nie gesagt, wir bräuchten das nicht", stellte er klar.

Bei dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami kamen nach neusten Angaben bislang mehr als 6400 Menschen ums Leben, über 10.000 werden noch immer vermisst.

Mehrere Staaten riefen ihre Landsleute auf, die Krisenregionen zu verlassen. Die neuseeländische Regierung warnte laut Kyodo sogar vor dem Aufenthalt in der rund 250 Kilometer vom AKW entfernten Hauptstadt Tokio.

Milliardenspritze der Notenbank

Die japanische Notenbank (BoJ) hat den Märkten am Freitag erneut zusätzliche Milliarden zur Verfügung gestellt. Am Freitag seien weitere vier Billionen Yen (rund 35 Milliarden Euro) kurzfristige Notfallliquidität in die Märkte gepumpt worden, teilte die Notenbank am Donnerstag in Tokio mit. Damit summieren sich die kurzfristigen Notfallmaßnahmen auf cirka 37 Billionen Yen (rund 322 Milliarden Euro).

Die Währungshüter unternehmen dadurch derzeit weiter alles, um die Folgen der Natur- und Atomkatastrophe an den Finanzmärkten so gering wie möglich zu halten. Neben den kurzfristigen Stützungsmaßnahmen hatte die Notenbank am Montag zudem den Rahmen für Rückkäufe von Staatsanleihen erhöht. Die japanische Zentralbank hatte zudem mehrmals signalisiert, dass sie auch weiter alles unternehmen werde, um einen Kollaps der Finanzmärkte zu verhindern.

als/siu/dpa/Reuters

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insgesamt 129 Beiträge
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1. Strahlung nimmt weiter ab / Aktuelle Werte
VonDerKüste 18.03.2011
Neue Strahlungswerte (Freitag 18.3. 00:00 am bis 00:00 pm) aus Fukushima Daiichi. http://twitpic.com/4aklz1 Wie auch auf dem Diagramm zu sehen nimmt die Strahlung weiter ab.
2. mikro- vs. milliSievert
venster 18.03.2011
An dem Artikel ist ein Bild angehängt, dass TEPCO-Daten zu gemessener Strahlung an verschiedenen Messpunkten auf dem AKW-Gelände in einem Graph darstellt. Man sieht dort Ausschläge bis über "12.000" - _mikro_Sievert/h (Y-Achse). Die Daten reichen zurück bis zum Beginn der Krise. Der höchste Ausschlag beträgt also 12 milliSievert. In der Presse war jedoch oft zu lesen, dass bei einer der Dampfexplosionen bis zu 400 milliSievert gemessen wurde. Nicht nur im Spiegel. Quelle Spiegel: "400 mSv pro Stunde", gemessen "am Dienstagmorgen, den 15. März" (milliSievert, sonst wäre die Abkürzung μSv): http://www.spiegel.de/panorama/bild-751072-192410.html versus Quelle Spiegel: Ausschläge bis max. 12000 μSv/h http://www.spiegel.de/panorama/bild-751641-192946.html Was ist nun wahr? Hat die Presse bewusst mikro mit milli verwechselt? Versehen? Gibt es andere Quellen ausser den Daten von TEPCO selbst von denen wir nichts wissen?
3. Stromleitung - für den Teekessel?
melzerin 18.03.2011
Wo Leitungen nicht mehr existieren, Pumpen geborsten sind und glühende Brennstäbe unter freiem Himmel glühen, nützt die Stromleitung auch nichts mehr. Diese Freiwilligen werden nur verheizt, um den Menschen in Tokyo vorzugaukeln, es gäbe noch Hoffnung - er werde was getan. GAME OVER.
4. Toll!
Geziefer 18.03.2011
Zitat von VonDerKüsteNeue Strahlungswerte (Freitag 18.3. 00:00 am bis 00:00 pm) aus Fukushima Daiichi. http://twitpic.com/4aklz1 Wie auch auf dem Diagramm zu sehen nimmt die Strahlung weiter ab.
Toll! Dazu folgende Fragen: Wer betreibt die Mess-Station? Wo ist der Standort der Mess-Station? Wie war das Wetter während der Mess-Zeit? Welche Windrichtungen und -Stärke während der Mess-Zeit.
5. Nachgefragt.
Geziefer 18.03.2011
Zitat von VonDerKüsteNeue Strahlungswerte (Freitag 18.3. 00:00 am bis 00:00 pm) aus Fukushima Daiichi. http://twitpic.com/4aklz1 Wie auch auf dem Diagramm zu sehen nimmt die Strahlung weiter ab.
Nachfrage: Wer hat die Grafik berechnet und sind die Quelldaten bestätigt? Zum Beispiel durch eine Vergleichsmessung über den gleichen Zeitraum? Wer hat die Grafik ins Internet gestellt? Wer ist "Northspeaker"? Ist das vielleicht "VonDerKüste"?
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Strahlendosis an ausgewählten Messpunkten


Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.


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