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03. April 2011, 08:48 Uhr

Fukushima

Tote Arbeiter in havariertem AKW gefunden

Es sind die ersten bestätigten Todesfälle im Unglückskraftwerk Fukushima: Auf dem AKW-Gelände sind die Leichen zweier Tepco-Arbeiter entdeckt worden, vermutlich starben sie durch den Tsunami. Die Zukunft der gesamten Küstenregion ist ungewiss - die Regierung prüft eine Massenumsiedlung.

Tokio - Sie wurden drei Wochen lang vermisst, dann stieß man auf ihre Leichen: Wie die Betreibergesellschaft Tepco am Sonntag mitteilte, sind zwei Arbeiter des havarierten Atomkraftwerks in Fukushima tot in der radioaktiv verseuchten Gegend rings um das AKW aufgefunden worden. Die beiden Männer im Alter von 21 und 24 Jahren seien wahrscheinlich bei der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vom 11. März ums Leben gekommen, hieß es. Es ist die erste Bestätigung von Todesfällen in dem zerstörten Kraftwerk.

Tepco-Sprecher Naoki Tsunoda sagte, die beiden Leichen seien bereits am Mittwoch gefunden worden und hätten zunächst dekontaminiert werden müssen. Radioaktiv belastete Leichen sind ein großes Problem im Katastrophengebiet. Rund tausend Todesopfer konnten nach Angaben der Behörden bislang nicht geborgen werden - ihre Leichen sind zu stark verstrahlt.

Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen habe man den Leichenfund erst jetzt bekanntgegeben, erklärte der Tepco-Sprecher. Die Todesopfer seien mittlerweile ihren Angehörigen übergeben worden. Die Männer hätten mehrere äußere Verletzungen erlitten und seien vermutlich an einem Schock nach Blutverlust gestorben, sagte Tsunoda. Die beiden Opfer waren zum Zeitpunkt des Tsunamis mit Routineinspektionen am Reaktor 4 beschäftigt gewesen, teilte er weiter mit.

"Die beiden jungen Arbeiter versuchten, das Kraftwerk zu schützen, als es vom Erdbeben und vom Tsunami getroffen wurde", sagte der Tepco-Vorstandsvorsitzende Tsunehisa Katsumata. Er bedauere ihren Tod zutiefst.

Kampf gegen Leck in Reaktor 2

Die Betreibergesellschaft setzte am Sonntag die Versuche fort, ein Leck in einem Kabelschacht des Turbinengebäudes von Reaktor 2 zu stopfen. Wie bekannt wurde, setzen Arbeiter jetzt chemische Polymer-Stoffe ein, um das Wasser in dem zum Schacht führenden Rohr zu stoppen. Versuche, den 20-Zentimeter-Riss in dem Schacht mit Beton abzudichten, waren fehlgeschlagen.

Tepco hatte am Samstag nach Angaben des Fernsehsenders NHK bestätigt, dass aus dem Leck Wasser mit einer Strahlung von mehr als 1000 Millisievert pro Stunde ins Meer laufe. Greenpeace-Experte Wolfgang Sadik bezeichnete die gemessenen Werte als "lebensbedrohlich". Der Atom-Betreiber rief daraufhin Experten aus Tokio zur Hilfe, meldete die Zeitung "Yomiuri Shimbun" am Sonntag.

Regierung erwägt Massenumsiedlung

Für die Menschen in der Region könnte das Dreifach-Unglück aus Erdbeben, Tsunami und Atom-Katastrophe auch langfristig dramatische Folgen haben. So denkt die japanische Regierung über eine Umsiedlung aus den zerstörten Küstengebieten nach. Unter anderem werde die Möglichkeit erwogen, dort Landflächen und Grundstücke aufzukaufen, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Regierungskreise. Die Bewohner könnten in höher gelegene Gebiete ziehen, die Wohnviertel an der Küste komplett aufgegeben werden.

Allerdings dürfte eine solche Massenumsiedlung auf den Widerstand der Bevölkerung treffen, hieß es. Viele der Menschen seien alt und wollten nicht wegziehen. Zudem wäre ein solches Unterfangen eine erhebliche Belastung für den ohnehin schon hochverschuldeten Staat, hieß es weiter.

Verstrahltes Gemüse gefunden

Sorge bereitet den Betroffenen auch die radioaktive Verstrahlung der Umwelt. Bei Gemüse und Meeresfrüchten aus der Umgebung der Atom-Ruine wurden radioaktive Substanzen gemessen, die jedoch unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte lagen. Das berichtete Kyodo unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. In Fukushima sei bei 33 von 49 Gemüse- und Obstsorten Cäsium und Jod festgestellt worden, die Werte lägen jedoch unter der Höchstgrenze für Lebensmittel. Es könne möglich sein, dass die Ausbreitung radioaktiver Substanzen nachlasse, wurde ein Vertreter des Gesundheitsministeriums zitiert.

Cäsium sei auch in fünf Meeresfrüchten vor der Küste der Nachbarprovinz Ibaraki gefunden worden, hier hätten die Messwerte ebenfalls deutlich unter der gesetzlichen Grenze gelegen. Bei Proben von Meerwasser, rund 20 und 30 Kilometer von der Atom-Ruine entfernt, seien niedrige Werte von Jod und Cäsium gemessen worden, meldete Kyodo. Sie hätten unter den Grenzwerten gelegen.

wit/dapd/dpa

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