Gaddafis Flugzeug-Floristin Blumen stecken vor Maschinenpistolen

Muammar al-Gaddafi knechtete sein Volk und liebte zugleich den Luxus - Riesen-Jet inklusive. Eine Hamburger Floristin sorgte für das richtige Ambiente an Bord. Lange Zeit wusste sie nicht, wer ihr Auftraggeber war.

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Hamburg - Marianne Frey hörte im Radio, dass Muammar al-Gaddafi endlich gefasst ist. Dann trank sie einen Kaffee, setzte sich in ihrem Atelier im Hamburger Stadtteil Harburg auf einen Stuhl, blickte aus dem Schaufenster mit dem quer verlaufenden Balken aus Weißglas und musterte gedankenverloren die Beine der Passanten. Man wird eben bestraft für das, was man tut, schoss es ihr durch den Kopf.

Im Juli 2008 kreuzten sich die Wege der Floristin und des Despoten. Marianne Frey erhielt eine E-Mail einer deutschen Fluggesellschaft, die zufällig bei der Suche nach einer Fachfrau für Seidenblumendekoration im Internet auf sie gestoßen war: Ob sie Gaddafis Luxusjet etwas behaglicher gestalten könne?

Mit einer kleinen Entourage wurde Frau Frey über das Rollfeld des Hamburger Flughafens chauffiert - bis an den äußersten Rand. Dort parkte der Gaddafi-Jet. Nach aufwendigen Sicherheitskontrollen kletterte die 54-Jährige, von Soldaten mit Maschinenpistolen bewacht, an Bord. Ihre Schuhe waren mit weißer Schutzfolie bedeckt, um die Seidenteppiche zu schonen.

Keine Ahnung, wem der Airbus gehörte, habe sie gehabt - und für wen sie dekorieren solle. Der Name des Auftraggebers? Streng geheim. Aus den Schriftzügen schloss sie, dass es sich wohl um einen Araber handeln musste. Ein Innendekorateur der Fluggesellschaft führte sie durch zwei großzügige Schlafzimmer, zwei Besprechungsräume und eine Art Foyer.

"Die Einrichtung war äußerst geschmackvoll, ganz in grauen und bordeauxfarbenen Tönen gehalten", sagt Frey. Das Innere der Maschine habe nichts von einem Bordell gehabt, wie immer wieder zu lesen gewesen sei; selbst wenn in Bettnähe ein opulenter Spiegel gehangen habe. Geschmacklos seien nur die Blumengestecke gewesen. Aber die habe sie ja austauschen sollen.

Exquisite Vasen, feinstes Design

Der Auftraggeber bestehe darauf, dass sie mit Naturmaterial arbeite, wurde ihr gesagt. Farblich wünschte er Blumen exakt passend zum "ganz offensichtlich sündhaft teuren Interieur".

Muammar al-Gaddafi hatte sich zu Lebzeiten als Beduinensohn inszeniert, der karg lebte, im Zelt wohnte. Einerseits. Andererseits bestieg er einen vierstrahligen Airbus A340, der Platz bot für knapp 300 Passagiere, wenn er auf Reisen ging. Eine Luxuslimousine für die Luft, von außen getarnt als Linienjet der libyschen Airline "Afriquia".

Rebellen stürmten Ende Augustauf dem Flughafen von Tripolis die "Air Force One", wie Gaddafi den Flieger in Anlehnung an Barack Obamas Präsidentenmaschine nannte, und präsentierten ihn als Relikt eines gestürzten Regimes. Sie fläzten sich auf seidener Bettwäsche und schweren, anthrazitfarbenen Ledersofas, posierten mit Victory-Zeichen. Und im Hintergrund staubten Marianne Freys geschmackvolle Blumengestecke vor sich hin.

Sieben Stück hatte sie entworfen, etwa 80 Zentimeter hoch, angefertigt in ihrem kleinen Werkstattstudio "Die Rose" in Hamburg-Harburg: champagnerfarbene Rosen, Efeu, Schleierkraut und rote Callas. Alles sogenannte Seidenblumen, also stabilisierte Rosen, die haltbar gemacht wurden.

An dem Platz, an dem Gaddafi am liebsten saß, arrangierte sie weiße Lilien, rote Rosen und Efeu, exportiert aus Frankreich. "Die Vasen, die mir zur Verfügung gestellt wurden, waren exquisit. Feinstes Design", erinnert sich Marianne Frey. Sie nahm sie mit, füllte sie in ihrem Atelier, und kehrte zurück in die Maschine, um vor Ort die Feinarbeit zu leisten. Irgendwann fiel an Bord Gaddafis Name. "Erst einmal habe ich durchgeatmet und dann gedacht: Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun", sagt Frau Frey.

Schauspieler, eine Bank, ein Juwelier

Der arabische Despot war zufrieden mit der deutschen Wertarbeit - und Marianne Freys Blumenkunst. Wenige Monate später stand erneut ein Flieger des Diktators zur Überarbeitung am Flughafen Hamburg, wieder wurde die Floristin an Bord gebracht, dieses Mal durfte sie aber nur Maß nehmen. In einer der Gebäudehallen band sie ihre Kunststücke bis spät in die Nacht.

"Es ist herrlich, wenn man arbeiten kann, ohne aufs Geld achten zu müssen", sagt Marianne Frey. Mit wie viel Geld Gaddafi ihre Floristinnenfreiheit entlohnt hat, will sie nicht verraten.

Mit ihrem kleinen Bus kurvt sie durch Hamburg, viele ihrer Kunden wohnen in Gründerzeitvillen in der Nähe der Alster. Einige sind Schauspieler, Hauptabnehmer sind eine Bank, ein Hotel und ein Juwelier mit mehreren Filialen.

In Marianne Freys winzigem Atelier hinter dem Parkplatz eines Kaufhauses in Hamburg-Harburg stapeln sich die Kartons. Sie könne nur kreativ sein, wenn Chaos herrscht, sagt sie. Ihre Gestecke hat sie in einem Showroom zwischen silbernen Kronleuchtern und verzierten Säulen ausgestellt.

"Die Blumen, die ich für Gaddafi zusammenstellte, haben längst den Besitzer gewechselt", sagt sie. In der Zeitung habe sie gelesen, dass der libysche Übergangsrat die Maschine benutzt. Wieder sitzt sie hinter dem großen Schaufenster. Sie trägt enge schwarze Jeans, ihr Lidschatten ist so grün wie die Turnschuhe, die sie trägt.

"Auf den Fotos sieht es so aus, als hätten die Rebellen nicht nur den Triumph über Gaddafi genossen, sondern auch die Atmosphäre, in der sich ein so vermögender, kaltherziger Mensch wohlfühlte", sagt sie.

Blumen, so ist dieser Satz vielleicht zu verstehen, sind immer schön - egal, wem sie gehören, egal, wem man sie verkauft. Dennoch: Werbung fürs Geschäft dürfte ihr prominenter Auftraggeber eher nicht sein. "Natürlich weiß ich, dass ich mit Gaddafi keine Akquise machen kann."

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