Sichtschutzwände bei Unfällen Gitter gegen Gaffer

Gaffer stören Rettungskräfte und sind ein Sicherheitsrisiko am Unfallort. Auch in Bayern sollen nun Sichtschutzwände die Schaulustigen abhalten.

DPA

Von Eva Gemmer


Statt all ihre Kraft auf die Rettung der Opfer konzentrieren zu können, müssen sich Einsatzkräfte an Unfallstellen immer wieder mit Schaulustigen auseinandersetzen, die das Geschehen filmen, die Arbeit behindern oder, wie kürzlich in Coburg, sogar Rettungskräfte beleidigen, wenn diese sie wegschicken.

Was tun gegen Gaffer? Als ein effektives Gegenmittel haben sich in den vergangenen Jahren mobile Schutzwände erwiesen, ein Konzept, das ursprünglich aus den Niederlanden stammt.

Nordrhein-Westfalen war 2015 das erste Bundesland, das spezielle Sichtschutzwände gegen Schaulustige an Unfallstellen eingesetzt hat. Mittlerweile sind die Wände in mehreren Bundesländern im Einsatz, seit Freitag auch in Bayern.

Die Autobahnmeistereien Herrieden und Münchberg in Bayern werden im Zuge eines Pilotprojekts bei schweren Verkehrsunfällen auf den Autobahnen 6 und 9 ab sofort Sichtschutzwände testen. Aufgrund der Verkehrsdichte in diesen Gegenden ist das Unfallrisiko dort besonders hoch. Das Konzept soll laut dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bis Ende 2018 "auf Herz und Nieren" geprüft werden, bevor der bayernweite Einsatz vorangetrieben werde.

"Wenn unsere Autobahnmeisterei aufgrund des Unfallgeschehens nicht selbst die Sichtschutzwände aufstellen kann, kooperieren wir mit dem THW, das dann den Aufbau übernehmen wird", sagt Herrmann.

Wie sieht ein solches Sichtschutzsystem aus?

Die in NRW eingesetzten Systeme bestehen jeweils aus einem Anhänger mit 40 einzelnen Stahlrahmen, in die eine grüne, blickdichte Folie gespannt ist. In Bayern sind die Gitter in Grau bespannt. Aus den einzelnen Elementen kann vor Ort eine bis zu 100 Meter lange und 2,1 Meter hohe Wand errichtet werden. Je nach Tageszeit und Unfallstelle könne der Aufbau der Elemente bis zu 100 Minuten dauern, berichtet der Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen.

Die nun in Bayern im Pilotbetrieb eingesetzten Sichtschutzwände sollen leichter und mobiler sein: "Unser System zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es von einem Bediensteten der Autobahnmeisterei allein aufgebaut werden kann", so Herrmann. "Im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen reicht uns ein Transporter als Zugfahrzeug für den Anhänger mit den Sichtschutzelementen." Hierdurch werde auch das Befahren der Rettungsgasse deutlich einfacher, da sich kein schwerer Lkw durch den Stau nach vorne arbeiten müsse.

Wann werden die Sichtschutzwände eingesetzt?

In der Regel entscheidet die Polizei vor Ort, ob an der Unfallstelle Sichtschutzwände benötigt werden. Ob sich der Aufbau lohnt, müsse im Einzelfall abgewogen werden, sagt Michael Siefener, Pressesprecher des bayerischen Innenministeriums. Geplant sei deshalb, die Sichtschutzwände nur bei größeren Unfällen ab einer Sperrdauer der Autobahn von mehr als drei Stunden einzusetzen. Bei kleineren Unfällen hätten sich bisher auch improvisierte Maßnahmen bewährt, bei denen aus Rettungsfahrzeugen und Planen ein Sichtschutz aufgebaut wurde.

Wie sind die Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen?

Laut Landesbetrieb Straßenbau NRW wurden die Sichtschutzwände 88-mal zwischen Mai 2015 und Mai 2017 auf Autobahnen eingesetzt. Die Erfahrungen seien positiv: Laut Landesbetrieb Straßenbau normalisiere sich der Verkehrsfluss kurze Zeit nach dem Aufbau. Die Zahl der Auffahr- und "Stauende-Unfälle" würde abnehmen, mancher Stau würde sich ganz auflösen.

Zudem würden die Sichtschutzwände von den Einsatzkräften vor Ort als Sicherheitsgewinn wahrgenommen, da durch die Abschirmung von Ablenkungen und Belästigungen ruhiger und zügiger gearbeitet werden könne.

Und was kostet das Ganze?

In Nordrhein-Westfalen wurden laut dem Landesbetrieb Straßenbau bisher rund 470.000 Euro aus Bundesmitteln in insgesamt zwölf Sichtschutzsysteme investiert. In Bayern sind zunächst drei Systeme im Pilot-Einsatz. Jedes einzelne kostet laut Landesinnenministerium 40.000 Euro. Die Kosten trage der Freistaat Bayern.

"Gaffen ist kein Kavaliersdelikt", betont Pressesprecher Siefener. Minister Herrmann kündigte deshalb an, den kürzlich in Kraft getretenen verschärften Straftatbestand gegen Gaffer entschlossen anzuwenden. "Die Bayerische Polizei wird solche Fälle konsequent zur Anzeige bringen", so Herrmann. Den Gaffern drohe eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe, wenn sie Unfallretter behindern.

Herrmann appellierte an alle Verkehrsteilnehmer, bei Unfällen auf der Autobahn sofort eine Rettungsgasse zu bilden, sich weiter auf den Verkehr zu konzentrieren und sich insbesondere nicht durch Unfälle ablenken zu lassen.

"Jeder muss sich doch nur mal in die andere Seite versetzen", sagt Siefener. Vor einem Unfall sei keiner gefeit und die wenigsten würden wohl gerne selbst begafft werden.



insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
walter_e._kurtz 11.08.2017
1. wieder mal symptome statt ursachen bekämpft
Die Länder sollten mehr Polizisten einstellen. Die können, abgesehen vom eigentlichen Job, ggf. hinzugerufen werden: "Hier gibt´s nichts zu sehen, bitte zügig weiterfahren! Glauben Sie nicht? Macht 100,-€ und eine Woche Fahrverbot, Tschüssikowski!" Sprach´s, protokollierte es mit einem Digitalfoto, und das Staatssäckel hat auch was davon. Und wirkt sogar, wenn Rettungsgassen versperrt sein sollten...
achterhoeker 11.08.2017
2. Wie?
Wie soll das funktionieren? Fährt die Polizei mit Anhanger zur Unfallstelle und stellt dann diese Sichtschutzdingens auf? Die bei Wind auch noch gefährlich werden? Und wenn auf einer Brücke einer steht und von da Einsicht und Kamera hat? Den abschiessen? Ein Ziel kann nur sein! Weniger Unfälle. Runter mit der "Freien Fahrt für Freie Bürger" (max. 140 auf Autobahn zur Verringerung der Geschwindigkeitsdiffenz zwischen den Fahrbahnen) sowie zulassen von Bordkameras zum Eigenschutz.
flaps25 11.08.2017
3. Das sind bessere Bauzäune mit Plane darin....
... und da kostet ein System 40.000 Euro??? Sind diese Zäune vergoldet oder wie kommt es zu solch absurden Preisen?
walter_e._kurtz 11.08.2017
4.
Zitat von flaps25... und da kostet ein System 40.000 Euro??? Sind diese Zäune vergoldet oder wie kommt es zu solch absurden Preisen?
Man darf annehmen, daß der (jederzeit beladen bereitstehende) Anhänger dazugehört. Und wenn die Bayern nicht auf vorhandene Zugfahrzeuge zurückgreifen...
lachina 11.08.2017
5. Traurig , dass es nötig ist....
aber zumindest ein konstruktiver Vorschlag, um ein Unfallopfer vor der Sensationsgier seiner lieben Mitbürger zu schützen. Ich habe auch keinen Bock drauf, in meinem Blut liegend auf YouTube aufzutauchen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.